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Jonathan Franzens neuer Roman : Galvanisch – auch ohne Oprah

  • -Aktualisiert am

Ein dünner Film von Verachtung, auch für die Marketingbemühungen seines Verlags: Jonathan Franzen Bild: Helmut Fricke

Großes Hufescharren: Jonathan Franzens neuer Roman „Freedom“ ist in Amerika schon vor Erscheinen in aller Munde. Wird der Autor der „Korrekturen“ die Literatur abermals retten?

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          Der Countdown läuft. Der Teil der Nation, der noch liest, kann den 1. September kaum erwarten. Der Teil der Medien, der noch nicht ganz von 3-D und Computerspielen beherrscht wird, hat dem Warten seinerseits ein Ende gemacht und ist schon eifrig dabei, den Start in all seinen sensationellen Details zu beschreiben. Total harrypotterhaft geht es derzeit zu auf dem amerikanischen Buchmarkt, obwohl der gemeinsterbliche Leser das Buch erst in zehn Tagen erwerben darf, das auch als garantierter Bestseller nichts anderes sein will als: Literatur. Und zwar möglichst: große. Und in diesem Spannungsfeld zwischen bedeutender, traditionsverpflichteter Literatur und ihrer poppigen Aufbereitung schmollt der Autor.

          Oder was tut Jonathan Franzen in jenem Video, das er auf Wunsch des Verlags Macmillan dazu benutzen soll, Stimmung für seinen neuen Roman „Freedom“ zu machen? Statt zu erklären, was es mit dem Buch auf sich hat, gesteht er erst einmal, wie sehr ihm solche little author videos gegen den Strich gehen. Ein Roman, sagt er, habe nach seiner Ansicht die Aufgabe, uns an einen ruhigen Ort zu führen. Dort könne es kein Multitasking geben: „Entweder du liest ein Buch, oder du liest es nicht.“ Die Welt der Bücher sei die stille Alternative, eine immer dringender benötigte Alternative. Da mag er recht haben, was die Innenwelt einiger Bücher angeht. In ihrer Außenwelt herrscht dagegen der übliche zeitgeistige Trubel, wie Franzen gerade jetzt am eigenen Leib und Roman erfahren muss.

          Seit er den aktuellen Titel des Nachrichtenmagazins „Time“ zieren oder mit todernster Miene eher verdüstern durfte, als erster Schriftsteller nach Stephen King, der vor zehn Jahren einmal diese Ehre hatte, wissen auch literarisch sonst uninteressierte Zeitgenossen, dass es hier wieder einmal um nichts Geringeres als die nächste Great American Novel geht.

          „Freedom”, Franzens neuer Anlauf zur „Great American Novel”

          Ein weiter und scharfer Blick auf unsere Zeit

          Und als ob das nicht schon genug wäre, wird Franzen auch noch zugetraut, den vielfach totgesagten Roman, genauer: den gesellschaftsrelevanten, superrealistischen Familienroman zu neuem Leben zu erwecken, triumphal gegen alle Ablenkungsmanöver und Verführungsversuche des industriell-digitalen Komplexes. Nach den ersten Urteilen der amerikanischen Kritikerzunft zu schließen, stehen die Chancen, dass ihm das gelingen könnte, nicht schlecht. „Galvanisch“ nennt Michiko Kakutani, Literaturpäpstin in Diensten der „New York Times“, das sich im Original über 562 Seiten ausdehnende Werk, und wer darüber rätselt, was sie damit wohl meint, erfährt schließlich: „Herr Franzen hat seinen bisher am tiefsten empfundenen Roman geschrieben – einen Roman, der sich uns sowohl als bezwingende Biographie einer dysfunktionalen Familie als auch als unvergessliches Porträt unserer Zeit enthüllt.“ Kakutani ist völlig weg vom „eindrucksvollen literarischen Werkzeugkasten“ des Schriftstellers, von seiner „Fähigkeit, ein großes, updikeanisches Panoramafenster auf das amerikanische Mittelschichtenleben zu öffnen“ und vor allem von seiner neuerworbenen Kraft, seine Charaktere zu „voll ausgedachten menschlichen Wesen“ zu entwickeln.

          Auch das „Wall Street Journal“ rühmt Franzens Charakterisierungskunst, die ihm erlaube, „dreidimensionale Charaktere voll zu verwirklichen“ und zudem „ihre Köpfe mit solch durchdringender psychologischer Schärfe zu bewohnen.“ Nur die Struktur des Romans sei gelegentlich unbeholfen. Lauter werden die kritischen Töne im „National Public Radio“, wo der Autor Alan Cheuse zwar die Brillanz des Romans bewundert, ihn aber trotzdem „recht unsympathisch“ findet, weil sich anscheinend über „jede Zeile, jede Einsicht ein dünner Film von Verachtung“ lege: „Franzen scheint noch nie einen normalen, anständigen, sich mühenden Menschen getroffenen zu haben, dem wir uns nicht immer ein ganz klein bisschen überlegen fühlen sollten.“ Ein perfektes Buch, heißt es auch im „New York Magazine“, sei „Freedom“ zwar gewiss nicht, aber ein naher Verwandter von „The Corrections“, Franzens Megabestseller aus dem Jahr 2001. Wenn Schrulligkeit der Motor seiner Kunst sei, schreibt Sam Anderson, dann sei er durchaus willig, einige Ansprachen über sich ergehen zu lassen. Nur seinen Charakteren, die derart greifbar seien, sollte der Autor endlich freien Lauf lassen.

          Wunderliche Blüten treibt inzwischen der Hype um den Roman. So wird intensiv erörtert, was es zu bedeuten habe, wenn ein Autor sein Buch seinem Verleger und Agenten widmet. Hollywood ist nicht nur aufmerksam geworden, sondern der Produzent Scott Rudin hat sich sogar schon die Filmrechte gesichert. Nur Oprah Winfrey wollte nicht anbeißen. Sie dürfte nicht die Kränkung überwunden haben, die ihr Franzen einst zufügte, als er ihr einen Korb gab und sich weigerte, mit „The Corrections“ in den Niederungen ihrer Talkshow zu erscheinen. Eine Art Entschuldigung, zu der er sich schließlich aufraffte, hat die Atmosphäre offenbar immer noch nicht gereinigt. Franzen kann auf jeden Fall locker verkraften, dass „Freedom“ in der Septemberausgabe von „O – The Oprah Magazine“ nicht unter den zehn Empfehlungen auftaucht. Auch ohne Oprah verkauften sich die „Corrections“ drei Millionen mal. Was aber, wenn Oprah sich einmal nachsagen lassen müsste, den Roman des Jahrzehnts verschlafen zu haben?

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