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Jonathan Franzen im Gespräch : Das ist alles sehr deutsch

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„Ich wollte immer schon über Deutschland schreiben“: Jonathan Franzen, geboren 1959, wurde 2001 berühmt mit seinem dritten Roman: „Die Korrekturen“ Bild: AP

Was die Netzgemeinschaft denkt, interessiert ihn nicht. Kurz vor Erscheinen von „Unschuld“ spricht Jonathan Franzen über einen deutschen Überwachungsstaat und seine Verpflichtung gegenüber den Lesern.

          Herr Franzen, Ihr neuer Roman „Purity“, auf deutsch „Unschuld“, erscheint am Montag in Amerika und vier Tage später in deutscher Übersetzung. Es ist ein komplexes Werk mit vielen Themen, und es ist praktisch unmöglich, darüber zu sprechen, ohne einige der dramatischen Handlungsstränge zu erwähnen.

          Ja, es gibt zum Beispiel einen Mord, der allerdings recht früh im Buch kommt. Natürlich gibt es auch später noch unerwartete Wendungen. Es ist leicht, Spannung zu erzeugen, indem man ein Geheimnis kreiert, das am Ende aufgelöst wird. Mir war wichtig, diese Art von Spannung zu vermeiden. Es fühlt sich für mich nicht richtig an, wenn man als Autor dem Leser wichtige Informationen vorenthält. Insofern habe ich den Roman so angelegt, das man viele brisante Fakten früh erfährt.

          Ist das auch der Grund, warum der Roman nicht chronologisch erzählt wird?

          Ja. Ich wollte, dass der Leser in seinem Wissen dem der Figuren mitunter voraus ist – daraus entsteht eine andere Art von Spannung. Eine, die mir dem Leser gegenüber ehrenhafter erscheint.

          Ihre Charaktere haben diesmal alle sehr sprechende Namen. Im Mittelpunkt steht Purity Tyler, genannt Pip, eine junge Frau, die nicht weiß, wer ihr Vater ist, wie sie ihre Studienschulden zurückzahlen soll und was sie beruflich machen will. Dann ist da der Ostdeutsche Andreas Wolf, der es mit seinem „Sunlight Project“ zum weltbekannten Whistleblower gebracht hat. Und Tom Aberant, ein Journalist in Denver, der als junger Mann sowohl Pips Mutter wie auch Andreas Wolf kannte. In seinem Nachnamen steckt das lateinische errare, irren. Woher kommen die Charaktere, und wie wählen Sie die Namen Ihrer Figuren?

          Die Charaktere sind in nicht realisierter Form schon lange in meiner Traumwelt herumgegeistert. Es sind Charaktere, die in meiner Vorstellung allmählich den Platz von Personen eingenommen haben, die ich früher tatsächlich gekannt habe, wenngleich sie nicht 1:1 für sie stehen. Ein Charakter setzt sich gewöhnlich zusammen aus drei oder vier Leuten, die mir begegnet sind. Und irgendwann bekommen sie auch Namen. Aberant wollte ich eigentlich schon die Hauptfigur der „Korrekturen“ nennen, Andy Aberant.

          Was ist aus ihm geworden?

          Er verschwand aus dem Buch. Ich konnte ihn irgendwie nicht gebrauchen, und die jetzige Figur des Tom hat auch nicht mehr viel mit ihm zu tun. Und über Tom und Anabel, Pips Mutter, hatte ich vor langer Zeit etwas geschrieben, von dem ich dachte, es würde in „Freiheit“ eingehen. Übrigens sollte auch Andy Aberant dort vorkommen, aber er funktionierte wieder nicht. Er hatte eine zerquälte Ehe mit einer Abigail, so dass Annabel gewissermaßen aus Abigail hervorging. Und Andreas – ich kannte einige Andreasse. St. Louis, zumal Webster Groves, wo ich aufgewachsen bin, ist ja eine sehr deutsche Stadt, ausgehend von den Einwanderern im neunzehnten Jahrhundert. Insofern war mir der Name Andreas vertraut, und Wolf – da dachte ich: das mache ich einfach mal.

          „Freiheit“ erschien 2010, neun Jahre nach den „Korrekturen“. Für „Unschuld“ haben Sie jetzt nur knapp fünf Jahre gebraucht. Ging Ihnen der Roman leicht von der Hand?

          Nach „Freiheit“ habe ich fast ein ganzes Jahr lang an einer Fernsehserie zu den „Korrekturen“ gearbeitet. Ich schrieb mit am Drehbuch, saß in Proben, traf Schauspieler, war beteiligt an der Produktion der Pilotfolge – und war total erleichtert, als die Sache schließlich abgeblasen wurde. Es war ein Fehler, mich da überhaupt einzubringen, letztlich waren die „Korrekturen“ für mich abgeschlossen. Sobald ich im März 2012 davon befreit war, beendete ich als erstes das „Kraus-Projekt“.

          „Unschuld“ und „Das Kraus-Projekt“ scheinen mir eng verwandt.

          Das sind sie unbedingt. Gegen Ende des Sommers, als ich mit dem Kraus-Buch praktisch fertig war, schrieb ich die Skizze zu „Unschuld“. Insofern kam sie direkt aus dem Kraus-Buch. Wenn man dann schreibt, ändert sich natürlich noch vieles. Aber Toms Mutter war in meinem Kopf bereits seit Mitte der Neunziger ein lebhafter Charakter, und ich hatte schon seit mehr als zwanzig Jahren über die Figur eines ostdeutschen Dissidenten nachgedacht.

          Also praktisch seit Ihrer deutschen Studienzeit. Haben Sie damals jemanden wie Andreas Wolf gekannt? Oder gab es ein historisches Vorbild für die Figur?

          Als ich 1982/83 in Berlin lebte, kannte ich ein Mädchen, das gerade ein Forschungsstipendium bekommen hatte, um die Untergrundszene der DDR-Dichter zu studieren. Sie wohnte im Westen, fuhr aber jeden Tag in den Osten. Sie war eine sehr melodramatische Person, die sehr melodramatische Geschichten erzählte. Und eines Tages erzählte sie von einem jungen Dichter, der subversive Rätselgedichte geschrieben hatte. Seither geistert diese Dissidentengestalt in mir herum.

          Ihr Andreas Wolf lebt in den achtziger Jahren im Keller einer Berliner Kirche und leistet Jugendarbeit. Vor allem aber verführt er die Mädchen, die zu ihm kommen. Er wird geschildert als ein Mann von enormem Charisma.

          Als ich meinen ostdeutschen Freunden Andreas Wolf beschrieb, oder die Figur, die ich im Kopf hatte, sagten sie: Das ist keine glaubwürdige Figur, er ist zu individualistisch, zu außergewöhnlich, die DDR war kein Land mit außergewöhnlichen Figuren. Also fragte ich mich, wie er so außergewöhnlich werden konnte. Und dann, Anfang des Jahres, traf einer meine Freunde jemanden, der zu DDR-Zeiten in der kirchlichen Opposition gewesen war, und beschrieb ihm Andreas. Und der sagte: Moment mal, da gab es jemanden, der in einer der Kirchen lebte und den Mädchen hinterherstieg. Also ist der Charakter total plausibel! Aber zu dem Zeitpunkt war das Buch ohnehin schon so gut wie fertig.

          Pip ist vierundzwanzig. Es scheint Ihnen sehr leichtgefallen zu sein, sich in eine viel jüngere Frau hineinzuversetzen.

          Ich glaube, die traurige Wahrheit ist eher, dass Schriftsteller nie wirklich erwachsen werden (lacht). Ich habe meine ganze Kindheit damit verbracht, erwachsen sein zu wollen, und jetzt lebe ich mit Mitte fünfzig eine Art von Studentenleben. Insofern war das nicht so schwierig, wie Sie denken. Ich kenne Leute in Pips Alter, ja, einige meiner Lieblingsmenschen sind in dem Alter, und ich verbringe viel Zeit mit ihnen. Ich glaube, man muss eine Figur einfach nur lieben, dann kann man auch über sie schreiben.

          Nicht nur die Figuren, sondern auch das Thema der umfassenden Gegenwart des Internets scheint Sie schon lange zu beschäftigen, wenn ich an manche Fußnoten des „Kraus-Projekts“ denke.

          Ja und nein. Was sich beim Schreiben als das zentrale Thema des Buches erwies, war jugendlicher Idealismus. Und die Leute sind heutzutage nun einmal sehr idealistisch, was die Versprechungen des Internets angeht. Und nachdem der Roman sich vornimmt, jugendlichem Idealismus durch die Zeit zu folgen und zu schauen, was für Konsequenzen das hat, einige davon tragisch, andere lustig, war es nur natürlich, dass einige der Charaktere mit dem Internet zu tun haben würden. Aber trotzdem müssen die Figuren an erster Stelle kommen. Ich habe angefangen als ein Romancier, der ein Buch mit Ideen begonnen hat und gemerkt hat, dass das eine Sackgasse ist. Seitdem kommen für mich zuerst die Figuren, und diese Figuren brauchen nun mal Berufe. Nach dem „Kraus-Projekt“ war es nur folgerichtig, Andreas zu einem Internetaktivisten zu machen. Und weil ich gern Oppositionen aufsetze, schien es logisch, ihm gegenüber einige Journalisten alter Schule zu haben, die auf eine Art arbeiten, die den Methoden von Andreas ziemlich entgegengesetzt sind.

          Andreas Wolf ist eine zwiespältige Figur.

          Sagen wir mal so: Dissidenten sind großartig. Aber es braucht einen gewissen Narzissmus, um einer zu sein. Man muss schon ziemlich viel von sich halten. Insofern gehörte die Idee des Narzissmus von Anfang an zu Andreas. Von da aus war es wiederum ein natürlicher Schritt zum Internet, denn das Netz ist so ziemlich das größte Instrument zur Förderung von Narzissmus, das je gebaut wurde.

          Sie haben ja bereits Erfahrung mit den dort aktiven Kreisen. Zuletzt wurde dort im Frühjahr Ihr Essay „Climate capture“ sehr kontrovers diskutiert. Fragen Sie sich eigentlich, wie die Netzgemeinschaft auf „Unschuld“ reagieren wird?

          Nein, nicht wirklich. Wer es hasst, wird es schon sagen. Ich habe mein Buch aber nicht für diese Leute geschrieben, sondern für Leser. Das sind die Menschen, die mir wichtig sind. Und von denen gibt es eine ganze Menge. Und eine ganze Menge dieser Leser fühlt sich unsicher in ihrer Beziehung zu Technologie. Was Andreas angeht, so müssen Sie auf das Motto achten: Er bewirkt am Ende etwas Gutes.

          Ist es überhaupt möglich, ein reines, unkontaminiertes Leben zu führen? Die Oberflächen-Schönheit von Internet und Smartphones ist ja letztlich nur eine Idee, die uns verkauft wird.

          Dafür gibt es viele Beispiele. Die Idee, dass Autoren nicht für ihre Inhalte bezahlt werden, dass Bezahlung überhaupt etwas Schmutziges ist – das alles geht davon aus, dass Geld als solches dreckig ist.

          Fast alle Figuren versuchen, sich von etwas zu reinigen...

          Genau. Der junge Tom glaubt, dass er sich durch die Ehe mit Anabel von seiner Schmutzigkeit als Mann befreien kann. Andreas will den Schmutz seiner Vergangenheit durch seine reine Liebe zu Annagret kompensieren. Die Einzige, die nicht an jugendlichem Idealismus leidet, ist ausgerechnet die jüngste Figur des Romans.

          Heißt das, Pips Generation vertritt einen realistischeren Idealismus?

          Ich glaube, den interessanten jungen Leuten ist tatsächlich sehr bewusst, in was für einer kaputten Welt sie leben, und sie fühlen sich in erster Linie hilflos, daran entscheidend etwas zu ändern.

          Gilt das auch fürs Internet?

          Die Idee, dass man sich dort einen sicheren Ort schaffen kann – als ob das in einer fundamental unsicheren Welt etwas bedeuten würde –, ist zumindest höchst fragwürdig. Ich rede hier von einer modernen politischen Idee von Unschuld. Im Internet wird alles überwacht. Man darf nicht mal mehr von männlich und weiblich reden, sondern es gibt sechs verschiedene Geschlechterkategorien. Es ist nicht so, als würde ich das abtun – wir haben in vielerlei Hinsicht, etwa was die Rechte von Homosexuellen angeht, eine viel bessere Situation, gerade weil es Menschen gibt, die auf diese Dinge achten und sie anprangern. Aber in der Echokammer des Internets ist das lächerlich, weil es keine echte Verbindung in die reale Welt gibt. Versuchen Sie mal, mit der katholischen Kirche oder dem „Islamischen Staat“ über sechs Geschlechterkategorien zu sprechen.

          Geheimnisse spielen eine wichtige Rolle in „Unschuld“  Anabel, die die Identität von Pips Vaters verheimlicht, Andreas Wolf, der einen Mord verbirgt, Pip, die Tom nicht wissen lassen will, dass sie sein Geheimnis kennt. Was alle Charaktere vereint, ist der Umstand, dass sie Geheimnisse haben, die es zu wahren gilt.

          Ja, Andreas sagt das auch in einem dieser recht abstrakten, deutschen Absätze. Da habe ich etwas getan, was ich normalerweise vermeide, nämlich ihn als Sprachrohr benutzt. Er fasst das ganz gut zusammen, denke ich: Wer keine Geheimnisse hat, ist nichts weiter als ein radikaler Exhibitionist ohne nennenswerte Identität. Der gegenseitige Austausch von Geheimnissen hingegen kann ein Weg sein, genuines Vertrauen und Intimität herzustellen.

          Andreas Wolf beschreibt sein „Sunlight Project“ einmal als eine „Ruhmfabrik, die sich als Geheimnisfabrik tarnt“. Was halten Sie persönlich von Internetaktivisten wie Assange und Snowden?

          Ich glaube, sie haben einiges Gute bewirkt. Aber das kann man auch anders sehen. Barack Obama glaubt nicht, dass Snowden etwas Gutes getan hat, und seine Argumente sind es wert, gehört zu werden. Was Assange angeht, so gibt es diese absurde Idee in Silicon Valley, dass, wenn jeder alles weiß, die Welt wundervoll sein wird. Erzählen Sie das mal einem Diplomaten! Wenn wir alle Geheimnisse Irans kennen würden und Iran die unseren, heißt das ja nicht, dass wir uns bestens verstehen würden. Aber solche grotesken Theorien finden viel Gehör, zumal in Silicon Valley. Da sagt dann der CEO von Google, der Einzige, der durch die Aufhebung des Geheimnisses etwas zu verlieren habe, sei die Person, die etwas falsch gemacht hat. Wenn niemand mehr Geheimnisse habe, werde niemand mehr böse oder falsch handeln.

          So reden auch die Internetleute in Dave Eggers’ Roman „The Circle“. Hat Literatur die Aufgabe, Leser aufzurütteln?

          Meines Erachtens nicht. Der Leser ist mein Freund. Ich schreibe für Leute, die die Lügen und die albernen falschen Versprechen, die so viele andere zu schlucken scheinen, ungeduldig machen und die sich mit dieser Ungeduld alleine fühlen, ja sich ihrer vielleicht sogar schämen.

          Im Buch spielen erste Lieben eine wichtige Rolle. Warum sind diese frühen Liebesbeziehungen so bestimmend?

          Annagret ist tatsächlich Andreas’ erste große Liebe. Was mich angeht, so erinnere ich mich weniger an meine erste als an meine dritte Liebe (lacht). Aber ich glaube, einige Dinge sind nur möglich, wenn man jung ist, solange die Grenzen der Seele noch nicht klar definiert sind. Dann kann sich dort eine andere Person einnisten, wie man es mit vierzig oder fünfzig wohl nicht mehr zulassen würde. Und daraus kann eine derart starke Beziehung erwachsen, dass man den Rest seines Lebens nicht ganz davon loskommt. Man mag nur in seinen Träumen daran arbeiten, nachdem man schon lange geschieden ist – aber es beschäftigt einen immer noch. Insofern war das Kapitel über Tom und Anabel für mich eines der ersten des Buches. Ich musste ihre Geschichte kennen, um den Rest schreiben zu können.

          Es ist das Einzige in der Ich-Perspektive.

          Erst habe ich versucht, es in der dritten Person zu erzählen, aber damit ließ sich vieles nicht ausdrücken. Und als mir dann klarwurde, dass es sich um ein Dokument handelte, das von anderen gelesen werden würde, musste es natürlich aus der Ich-Perspektive geschildert sein. Normalerweise vermeide ich das, weil ich nicht besonders gut darin bin, aber in diesem Fall war es notwendig. Eine solche Liebe lässt sich nicht aus der Distanz beschwören.

          Die Figuren werden als auffallend gutaussehend dargestellt. Warum ist physische Attraktivität wichtig?

          Mir scheint, Annagret ist die einzige Person im Buch, die außergewöhnlich schön ist. Die anderen hingegen... Wissen Sie, das ist ein echtes Problem für uns Schriftsteller. Die Leute gehen ins Kino und sehen nichts als Menschen, die sehr gut aussehen, sogar in angeblich realistischen Dramen. Der Begriff Roman kommt ja von Romanze, und es liegt eine gewisse Romantik im Lesen selbst – man wird hineingezogen. Nun gibt es vieles, was den Leser anzieht. Menschen reden ja auch nicht so witzig und schlagfertig daher, wie sie es tun, wenn ich ihre Dialoge schreibe. Zu diesen Konventionen des Erzählens gehört eben auch körperliche Attraktivität.

          Lassen Sie uns über Andreas Wolf sprechen, den Deutschen. Hätte er auch eine andere Nationalität haben können?

          Er musste Deutscher sein, weil ich schon lange einen Roman schreiben wollte, in dem Deutschland vorkommt. Ich habe viel Zeit im Land verbracht, ich spreche die Sprache, und die DDR hat mich seit langem gereizt, das ist einfach ein großes Thema, viel interessanter als etwa das kommunistische Polen, weil es so viel extremer zuging: die Stasi, die Ausmaße der gesammelten Daten, die Zahl derjenigen, die dabei mitgemacht haben – das ist alles extrem. Sehr deutsch. Und das ist es, was der Romancier tut: er übertreibt. Wenn man dann auf etwas stößt, das schon in der Wirklichkeit eine Übertreibung darstellt, ist das geradezu unwiderstehlich.

          Wie haben Sie recherchiert? Sich die Atmosphäre der DDR angeeignet?

          Über die DDR habe ich viel gelesen und mit Freunden geredet, die in der DDR aufgewachsen sind. Aber natürlich habe ich mir die DDR auch erfunden. Ich habe einige Filme gesehen, zwei Staffeln von „Weißensee“, einige der klassischen ostdeutschen Filme. Die Bücher von Thomas Brussig waren großartig, weil sie mir die Erlaubnis gaben, Dinge auszuprobieren. Bei ihm bekommt man einen Eindruck davon, was erlaubt war und was nicht. Ansonsten gilt, wie Flannery O’Connor einmal gesagt hat: Der Romancier tut das, womit er davonkommt. Wobei O’Connor natürlich gleich hinzugefügt hat: Und niemand ist je mit viel davongekommen. Dennoch: Beim Schreiben geht es zunächst darum, die Grenzen zu finden, innerhalb deren sich die Imagination frei bewegen kann. Und das hat dann nicht so lange gedauert.

          Für Andreas ist das Internet ein neuer Totalitarismus, also ein System, dem man sich nicht entziehen kann. Benutzen Sie ihn da auch als Sprachrohr?

          Ich denke, er hat einen Punkt. Ich habe das Buch aber nicht mit dem Gedanken begonnen, dass das Internet etwas Totalitäres hat und dass ich nun eine Figur erfinden werde, die genau das sagt.

          Musste Andreas Wolf auch deswegen ein Deutscher sein, um die Engführung von der DDR als Überwachungsstaat und dem Internet als grenzenlosem Überwachungsinstrument zu verkörpern?

          Es hat sicherlich geholfen. Als ich das zweite Andreas-Kapitel begann, hatte ich einige der Internetkritiker gelesen wie Jaron Lanier und Evgeny Morozow.

          Ihre Kritik an der Entwicklung des Internets war frisch in meinem Kopf, und da schien es geradezu zwingend, dass die neuen Apparatschiks Andreas Wolf an die alten Apparatschiks erinnern würden. Ich selbst bin ganz und gar nicht wie Andreas Wolf, aber was ich mit ihm teile, ist die Erfahrung, dass man seine Internet-Persona nicht kontrollieren kann. So viele Leute sagen mir, ich müsste auf Twitter sein und auf Facebook, müsste reagieren auf die Kommentare anderer. Aber das will ich nicht. Trotzdem habe ich den Eindruck, als lasse mir das System keine Wahl.

          Erwiesenermaßen trainiert Literatur die Empathie. Indem ein guter Roman einen aus sich selbst herausholt und in die Haut eines anderen steckt, reinigt er uns auch von vielem, zum Beispiel ungefragten Meinungen, Beleidigungen, Bewertungen. Kennen Sie dieses Gefühl?

          Ja, das Gefühl erkenne ich absolut wieder. Für mich ist es oft schwierige Literatur, die diese Transformation bewirkt. Ich hatte zum Beispiel viele Schwierigkeiten mit Karl Kraus, aber wenn man sich einen Tag lang in seine Sprache versenkt, hat man am Abend den Eindruck, der ganze Kopf sei reorganisiert worden. Auch Don DeLillo gelingt das, allein durch seine Sprache. Und das sage ich, obwohl ich gar nicht darauf erpicht bin, über das Konzept von „Purity“ zu sprechen, was im Deutschen ja auch Reinheit bedeutet.

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