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Jonathan Franzen im Gespräch : Das ist alles sehr deutsch

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Wie haben Sie recherchiert? Sich die Atmosphäre der DDR angeeignet?

Über die DDR habe ich viel gelesen und mit Freunden geredet, die in der DDR aufgewachsen sind. Aber natürlich habe ich mir die DDR auch erfunden. Ich habe einige Filme gesehen, zwei Staffeln von „Weißensee“, einige der klassischen ostdeutschen Filme. Die Bücher von Thomas Brussig waren großartig, weil sie mir die Erlaubnis gaben, Dinge auszuprobieren. Bei ihm bekommt man einen Eindruck davon, was erlaubt war und was nicht. Ansonsten gilt, wie Flannery O’Connor einmal gesagt hat: Der Romancier tut das, womit er davonkommt. Wobei O’Connor natürlich gleich hinzugefügt hat: Und niemand ist je mit viel davongekommen. Dennoch: Beim Schreiben geht es zunächst darum, die Grenzen zu finden, innerhalb deren sich die Imagination frei bewegen kann. Und das hat dann nicht so lange gedauert.

Für Andreas ist das Internet ein neuer Totalitarismus, also ein System, dem man sich nicht entziehen kann. Benutzen Sie ihn da auch als Sprachrohr?

Ich denke, er hat einen Punkt. Ich habe das Buch aber nicht mit dem Gedanken begonnen, dass das Internet etwas Totalitäres hat und dass ich nun eine Figur erfinden werde, die genau das sagt.

Musste Andreas Wolf auch deswegen ein Deutscher sein, um die Engführung von der DDR als Überwachungsstaat und dem Internet als grenzenlosem Überwachungsinstrument zu verkörpern?

Es hat sicherlich geholfen. Als ich das zweite Andreas-Kapitel begann, hatte ich einige der Internetkritiker gelesen wie Jaron Lanier und Evgeny Morozow.

Ihre Kritik an der Entwicklung des Internets war frisch in meinem Kopf, und da schien es geradezu zwingend, dass die neuen Apparatschiks Andreas Wolf an die alten Apparatschiks erinnern würden. Ich selbst bin ganz und gar nicht wie Andreas Wolf, aber was ich mit ihm teile, ist die Erfahrung, dass man seine Internet-Persona nicht kontrollieren kann. So viele Leute sagen mir, ich müsste auf Twitter sein und auf Facebook, müsste reagieren auf die Kommentare anderer. Aber das will ich nicht. Trotzdem habe ich den Eindruck, als lasse mir das System keine Wahl.

Erwiesenermaßen trainiert Literatur die Empathie. Indem ein guter Roman einen aus sich selbst herausholt und in die Haut eines anderen steckt, reinigt er uns auch von vielem, zum Beispiel ungefragten Meinungen, Beleidigungen, Bewertungen. Kennen Sie dieses Gefühl?

Ja, das Gefühl erkenne ich absolut wieder. Für mich ist es oft schwierige Literatur, die diese Transformation bewirkt. Ich hatte zum Beispiel viele Schwierigkeiten mit Karl Kraus, aber wenn man sich einen Tag lang in seine Sprache versenkt, hat man am Abend den Eindruck, der ganze Kopf sei reorganisiert worden. Auch Don DeLillo gelingt das, allein durch seine Sprache. Und das sage ich, obwohl ich gar nicht darauf erpicht bin, über das Konzept von „Purity“ zu sprechen, was im Deutschen ja auch Reinheit bedeutet.

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