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Jonathan Franzen im Gespräch : Das ist alles sehr deutsch

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Meines Erachtens nicht. Der Leser ist mein Freund. Ich schreibe für Leute, die die Lügen und die albernen falschen Versprechen, die so viele andere zu schlucken scheinen, ungeduldig machen und die sich mit dieser Ungeduld alleine fühlen, ja sich ihrer vielleicht sogar schämen.

Im Buch spielen erste Lieben eine wichtige Rolle. Warum sind diese frühen Liebesbeziehungen so bestimmend?

Annagret ist tatsächlich Andreas’ erste große Liebe. Was mich angeht, so erinnere ich mich weniger an meine erste als an meine dritte Liebe (lacht). Aber ich glaube, einige Dinge sind nur möglich, wenn man jung ist, solange die Grenzen der Seele noch nicht klar definiert sind. Dann kann sich dort eine andere Person einnisten, wie man es mit vierzig oder fünfzig wohl nicht mehr zulassen würde. Und daraus kann eine derart starke Beziehung erwachsen, dass man den Rest seines Lebens nicht ganz davon loskommt. Man mag nur in seinen Träumen daran arbeiten, nachdem man schon lange geschieden ist – aber es beschäftigt einen immer noch. Insofern war das Kapitel über Tom und Anabel für mich eines der ersten des Buches. Ich musste ihre Geschichte kennen, um den Rest schreiben zu können.

Es ist das Einzige in der Ich-Perspektive.

Erst habe ich versucht, es in der dritten Person zu erzählen, aber damit ließ sich vieles nicht ausdrücken. Und als mir dann klarwurde, dass es sich um ein Dokument handelte, das von anderen gelesen werden würde, musste es natürlich aus der Ich-Perspektive geschildert sein. Normalerweise vermeide ich das, weil ich nicht besonders gut darin bin, aber in diesem Fall war es notwendig. Eine solche Liebe lässt sich nicht aus der Distanz beschwören.

Die Figuren werden als auffallend gutaussehend dargestellt. Warum ist physische Attraktivität wichtig?

Mir scheint, Annagret ist die einzige Person im Buch, die außergewöhnlich schön ist. Die anderen hingegen... Wissen Sie, das ist ein echtes Problem für uns Schriftsteller. Die Leute gehen ins Kino und sehen nichts als Menschen, die sehr gut aussehen, sogar in angeblich realistischen Dramen. Der Begriff Roman kommt ja von Romanze, und es liegt eine gewisse Romantik im Lesen selbst – man wird hineingezogen. Nun gibt es vieles, was den Leser anzieht. Menschen reden ja auch nicht so witzig und schlagfertig daher, wie sie es tun, wenn ich ihre Dialoge schreibe. Zu diesen Konventionen des Erzählens gehört eben auch körperliche Attraktivität.

Lassen Sie uns über Andreas Wolf sprechen, den Deutschen. Hätte er auch eine andere Nationalität haben können?

Er musste Deutscher sein, weil ich schon lange einen Roman schreiben wollte, in dem Deutschland vorkommt. Ich habe viel Zeit im Land verbracht, ich spreche die Sprache, und die DDR hat mich seit langem gereizt, das ist einfach ein großes Thema, viel interessanter als etwa das kommunistische Polen, weil es so viel extremer zuging: die Stasi, die Ausmaße der gesammelten Daten, die Zahl derjenigen, die dabei mitgemacht haben – das ist alles extrem. Sehr deutsch. Und das ist es, was der Romancier tut: er übertreibt. Wenn man dann auf etwas stößt, das schon in der Wirklichkeit eine Übertreibung darstellt, ist das geradezu unwiderstehlich.

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