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Jonathan Franzen im Gespräch : Das ist alles sehr deutsch

  • -Aktualisiert am

Heißt das, Pips Generation vertritt einen realistischeren Idealismus?

Ich glaube, den interessanten jungen Leuten ist tatsächlich sehr bewusst, in was für einer kaputten Welt sie leben, und sie fühlen sich in erster Linie hilflos, daran entscheidend etwas zu ändern.

Gilt das auch fürs Internet?

Die Idee, dass man sich dort einen sicheren Ort schaffen kann – als ob das in einer fundamental unsicheren Welt etwas bedeuten würde –, ist zumindest höchst fragwürdig. Ich rede hier von einer modernen politischen Idee von Unschuld. Im Internet wird alles überwacht. Man darf nicht mal mehr von männlich und weiblich reden, sondern es gibt sechs verschiedene Geschlechterkategorien. Es ist nicht so, als würde ich das abtun – wir haben in vielerlei Hinsicht, etwa was die Rechte von Homosexuellen angeht, eine viel bessere Situation, gerade weil es Menschen gibt, die auf diese Dinge achten und sie anprangern. Aber in der Echokammer des Internets ist das lächerlich, weil es keine echte Verbindung in die reale Welt gibt. Versuchen Sie mal, mit der katholischen Kirche oder dem „Islamischen Staat“ über sechs Geschlechterkategorien zu sprechen.

Geheimnisse spielen eine wichtige Rolle in „Unschuld“  Anabel, die die Identität von Pips Vaters verheimlicht, Andreas Wolf, der einen Mord verbirgt, Pip, die Tom nicht wissen lassen will, dass sie sein Geheimnis kennt. Was alle Charaktere vereint, ist der Umstand, dass sie Geheimnisse haben, die es zu wahren gilt.

Ja, Andreas sagt das auch in einem dieser recht abstrakten, deutschen Absätze. Da habe ich etwas getan, was ich normalerweise vermeide, nämlich ihn als Sprachrohr benutzt. Er fasst das ganz gut zusammen, denke ich: Wer keine Geheimnisse hat, ist nichts weiter als ein radikaler Exhibitionist ohne nennenswerte Identität. Der gegenseitige Austausch von Geheimnissen hingegen kann ein Weg sein, genuines Vertrauen und Intimität herzustellen.

Andreas Wolf beschreibt sein „Sunlight Project“ einmal als eine „Ruhmfabrik, die sich als Geheimnisfabrik tarnt“. Was halten Sie persönlich von Internetaktivisten wie Assange und Snowden?

Ich glaube, sie haben einiges Gute bewirkt. Aber das kann man auch anders sehen. Barack Obama glaubt nicht, dass Snowden etwas Gutes getan hat, und seine Argumente sind es wert, gehört zu werden. Was Assange angeht, so gibt es diese absurde Idee in Silicon Valley, dass, wenn jeder alles weiß, die Welt wundervoll sein wird. Erzählen Sie das mal einem Diplomaten! Wenn wir alle Geheimnisse Irans kennen würden und Iran die unseren, heißt das ja nicht, dass wir uns bestens verstehen würden. Aber solche grotesken Theorien finden viel Gehör, zumal in Silicon Valley. Da sagt dann der CEO von Google, der Einzige, der durch die Aufhebung des Geheimnisses etwas zu verlieren habe, sei die Person, die etwas falsch gemacht hat. Wenn niemand mehr Geheimnisse habe, werde niemand mehr böse oder falsch handeln.

So reden auch die Internetleute in Dave Eggers’ Roman „The Circle“. Hat Literatur die Aufgabe, Leser aufzurütteln?

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