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Jonathan Franzen im Gespräch : Das ist alles sehr deutsch

  • -Aktualisiert am

Nicht nur die Figuren, sondern auch das Thema der umfassenden Gegenwart des Internets scheint Sie schon lange zu beschäftigen, wenn ich an manche Fußnoten des „Kraus-Projekts“ denke.

Ja und nein. Was sich beim Schreiben als das zentrale Thema des Buches erwies, war jugendlicher Idealismus. Und die Leute sind heutzutage nun einmal sehr idealistisch, was die Versprechungen des Internets angeht. Und nachdem der Roman sich vornimmt, jugendlichem Idealismus durch die Zeit zu folgen und zu schauen, was für Konsequenzen das hat, einige davon tragisch, andere lustig, war es nur natürlich, dass einige der Charaktere mit dem Internet zu tun haben würden. Aber trotzdem müssen die Figuren an erster Stelle kommen. Ich habe angefangen als ein Romancier, der ein Buch mit Ideen begonnen hat und gemerkt hat, dass das eine Sackgasse ist. Seitdem kommen für mich zuerst die Figuren, und diese Figuren brauchen nun mal Berufe. Nach dem „Kraus-Projekt“ war es nur folgerichtig, Andreas zu einem Internetaktivisten zu machen. Und weil ich gern Oppositionen aufsetze, schien es logisch, ihm gegenüber einige Journalisten alter Schule zu haben, die auf eine Art arbeiten, die den Methoden von Andreas ziemlich entgegengesetzt sind.

Andreas Wolf ist eine zwiespältige Figur.

Sagen wir mal so: Dissidenten sind großartig. Aber es braucht einen gewissen Narzissmus, um einer zu sein. Man muss schon ziemlich viel von sich halten. Insofern gehörte die Idee des Narzissmus von Anfang an zu Andreas. Von da aus war es wiederum ein natürlicher Schritt zum Internet, denn das Netz ist so ziemlich das größte Instrument zur Förderung von Narzissmus, das je gebaut wurde.

Sie haben ja bereits Erfahrung mit den dort aktiven Kreisen. Zuletzt wurde dort im Frühjahr Ihr Essay „Climate capture“ sehr kontrovers diskutiert. Fragen Sie sich eigentlich, wie die Netzgemeinschaft auf „Unschuld“ reagieren wird?

Nein, nicht wirklich. Wer es hasst, wird es schon sagen. Ich habe mein Buch aber nicht für diese Leute geschrieben, sondern für Leser. Das sind die Menschen, die mir wichtig sind. Und von denen gibt es eine ganze Menge. Und eine ganze Menge dieser Leser fühlt sich unsicher in ihrer Beziehung zu Technologie. Was Andreas angeht, so müssen Sie auf das Motto achten: Er bewirkt am Ende etwas Gutes.

Ist es überhaupt möglich, ein reines, unkontaminiertes Leben zu führen? Die Oberflächen-Schönheit von Internet und Smartphones ist ja letztlich nur eine Idee, die uns verkauft wird.

Dafür gibt es viele Beispiele. Die Idee, dass Autoren nicht für ihre Inhalte bezahlt werden, dass Bezahlung überhaupt etwas Schmutziges ist – das alles geht davon aus, dass Geld als solches dreckig ist.

Fast alle Figuren versuchen, sich von etwas zu reinigen...

Genau. Der junge Tom glaubt, dass er sich durch die Ehe mit Anabel von seiner Schmutzigkeit als Mann befreien kann. Andreas will den Schmutz seiner Vergangenheit durch seine reine Liebe zu Annagret kompensieren. Die Einzige, die nicht an jugendlichem Idealismus leidet, ist ausgerechnet die jüngste Figur des Romans.

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