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Jonathan Franzen im Gespräch : Das ist alles sehr deutsch

  • -Aktualisiert am

Nach „Freiheit“ habe ich fast ein ganzes Jahr lang an einer Fernsehserie zu den „Korrekturen“ gearbeitet. Ich schrieb mit am Drehbuch, saß in Proben, traf Schauspieler, war beteiligt an der Produktion der Pilotfolge – und war total erleichtert, als die Sache schließlich abgeblasen wurde. Es war ein Fehler, mich da überhaupt einzubringen, letztlich waren die „Korrekturen“ für mich abgeschlossen. Sobald ich im März 2012 davon befreit war, beendete ich als erstes das „Kraus-Projekt“.

„Unschuld“ und „Das Kraus-Projekt“ scheinen mir eng verwandt.

Das sind sie unbedingt. Gegen Ende des Sommers, als ich mit dem Kraus-Buch praktisch fertig war, schrieb ich die Skizze zu „Unschuld“. Insofern kam sie direkt aus dem Kraus-Buch. Wenn man dann schreibt, ändert sich natürlich noch vieles. Aber Toms Mutter war in meinem Kopf bereits seit Mitte der Neunziger ein lebhafter Charakter, und ich hatte schon seit mehr als zwanzig Jahren über die Figur eines ostdeutschen Dissidenten nachgedacht.

Also praktisch seit Ihrer deutschen Studienzeit. Haben Sie damals jemanden wie Andreas Wolf gekannt? Oder gab es ein historisches Vorbild für die Figur?

Als ich 1982/83 in Berlin lebte, kannte ich ein Mädchen, das gerade ein Forschungsstipendium bekommen hatte, um die Untergrundszene der DDR-Dichter zu studieren. Sie wohnte im Westen, fuhr aber jeden Tag in den Osten. Sie war eine sehr melodramatische Person, die sehr melodramatische Geschichten erzählte. Und eines Tages erzählte sie von einem jungen Dichter, der subversive Rätselgedichte geschrieben hatte. Seither geistert diese Dissidentengestalt in mir herum.

Ihr Andreas Wolf lebt in den achtziger Jahren im Keller einer Berliner Kirche und leistet Jugendarbeit. Vor allem aber verführt er die Mädchen, die zu ihm kommen. Er wird geschildert als ein Mann von enormem Charisma.

Als ich meinen ostdeutschen Freunden Andreas Wolf beschrieb, oder die Figur, die ich im Kopf hatte, sagten sie: Das ist keine glaubwürdige Figur, er ist zu individualistisch, zu außergewöhnlich, die DDR war kein Land mit außergewöhnlichen Figuren. Also fragte ich mich, wie er so außergewöhnlich werden konnte. Und dann, Anfang des Jahres, traf einer meine Freunde jemanden, der zu DDR-Zeiten in der kirchlichen Opposition gewesen war, und beschrieb ihm Andreas. Und der sagte: Moment mal, da gab es jemanden, der in einer der Kirchen lebte und den Mädchen hinterherstieg. Also ist der Charakter total plausibel! Aber zu dem Zeitpunkt war das Buch ohnehin schon so gut wie fertig.

Pip ist vierundzwanzig. Es scheint Ihnen sehr leichtgefallen zu sein, sich in eine viel jüngere Frau hineinzuversetzen.

Ich glaube, die traurige Wahrheit ist eher, dass Schriftsteller nie wirklich erwachsen werden (lacht). Ich habe meine ganze Kindheit damit verbracht, erwachsen sein zu wollen, und jetzt lebe ich mit Mitte fünfzig eine Art von Studentenleben. Insofern war das nicht so schwierig, wie Sie denken. Ich kenne Leute in Pips Alter, ja, einige meiner Lieblingsmenschen sind in dem Alter, und ich verbringe viel Zeit mit ihnen. Ich glaube, man muss eine Figur einfach nur lieben, dann kann man auch über sie schreiben.

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