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Zeichnen mit John Ruskin : Wie fein sich doch die Natur komponiert

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Strauch und Baum und Stein genügen schon: Aquarellierte Bleistift- und Federzeichnung von John Ruskin, ca. 1845. Bild: Imago

Nuancen wollen erkannt sein: Eine Ausgabe von John Ruskins Einführung ins Zeichnen zeigt, was der Meister seine Schüler lehrt.

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          Bäume und Steine – viel mehr brauchen lernwillige Zeichenschüler nicht. Der Stein lehrt die Rundung, der Baum die „strahlenförmige Ausbreitung“, und an beiden lassen sich die unumstößlichen Naturgesetze beobachten: Es gibt keine Umrisse, sondern nur Schattierungen, und alles lässt sich – konkret wie bildlich gesprochen – auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen, von der aus sich die einzelnen Äste verstreuen.

          So bescheiden John Ruskins „Grundlagen des Zeichnens“ von 1857 zunächst ansetzen, so allumfassend ist ihr Anspruch. Jeder kann zeichnen lernen – unter den Voraussetzungen, die jede menschliche Tätigkeit bestimmen sollten: Geduld, Hingabe, Präzision. Dagegen hat Schnelligkeit, das lässt Ruskin seine Leser wiederholt wissen, in der Kunst, doch letztlich überall, nichts verloren. Was als forsch gilt, ist tatsächlich nachlässig und effekthascherisch; was energisch daherkommt, riskiert, nur grob zu sein: „Wahre Kühnheit und Kraft lassen sich nur durch Sorgfalt erreichen.“ Zeichnen ist harte Arbeit, denn es gilt, die Feinheit der Natur auf die Komposition zu übertragen. Gerade daher macht, das sei gleich gesagt, diese illustrierte, gestraffte und schön ausgestattete Übersetzung der „Grundlagen“ Lust darauf, mit etwas Zeit und dem Bleistift in der Hand dem „Stein-Gegner“ mutig zu begegnen.

          Die Kunstkritik und Kunsterziehung John Ruskins, der 1819 geboren wurde und 1900 starb, war aber nicht nur ästhetisch orientiert, sondern auch, wie bei seinen Vorgängern des 18. Jahrhunderts, Joshua Reynolds oder James Barry, politisch engagiert. Doch anders als jene wollte Ruskin durch Kunst weniger republikanische Tugenden fördern als vielmehr dem Einzelnen in der viktorianischen Gesellschaft Freiräume eröffnen. Daher rührt Ruskins Betonung der Landschaft statt des menschlichen Körpers. Der schnelllebige, verkaufsorientierte Markt wie auch der akademische Unterricht stehen dem künstlerische Schaffen im Weg. Sie entfernen die Menschen von der Natur und verhindern richtiges Sehen, obwohl Wälder und Hügel doch die „besten Zeichenlehrer“ sind.

          John Ruskin: „Grundlagen des Zeichnens in drei Briefen für Anfänger“, aus dem Englischen von Helmut Moysich. Mit einem Nachwort von Wolfgang Kemp. Dieterich’ sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2019, 272 Seiten, 25 Euro.
          John Ruskin: „Grundlagen des Zeichnens in drei Briefen für Anfänger“, aus dem Englischen von Helmut Moysich. Mit einem Nachwort von Wolfgang Kemp. Dieterich’ sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2019, 272 Seiten, 25 Euro. : Bild: Verlag

          Denn nicht das Zeichnen schafft Kunst. Die Natur schafft Kunstwürdiges, dessen ideale Kompositionskriterien der Betrachter erfassen soll: „Daher musst du differenzierte Formen mit den Augen zeichnen lernen.“ Das ist allerdings für Ruskin, um der euphorischen Selbstgerechtigkeit gleich vorzubeugen, kein Ziel, das sich erreichen lässt, sondern eines, wie der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp in seinem kurzweiligen Nachwort ausführt, an das nur Annäherungen möglich sind: „Der zu zeichnende Gegenstand komponiert sich selbst, muss es auch, weil seine Gesetze zu fein sind für menschliches Begreifen. Aber Zeichnen hilft, erkennendes Zeichnen.“

          Das Werk ist ein Plädoyer für die Fähigkeit, überall der Unterschiede gewahr zu werden, ohne sie je als trennend zu verstehen: „Schattenabstufungen“, „Farbskalen“, „Tonwerte“, „Dunkelheitsgrade“ – Ruskins Sprache, nicht umsonst als seine wahre Kunstfertigkeit gerühmt, umkreist Differenziertheit in all ihren Ausprägungen, und glücklicherweise gelingt es dem Übersetzer, Einblick in die melodischen Sätze zu geben. Leider sind den Streichungen einige Passagen zum Opfer gefallen, an denen sich zeigt, wie sehr Ruskins naturverbundener Zeichenunterricht in der industriellen Moderne, ihrer Verstädterung und ihrer Technik, verankert ist: Fotografien und Faksimiles sollen Schülern als Anschauungsmaterial dienen. Fehle hierfür das Geld, greife man auf Ladenfenster, Ausstellungen oder sogar „any cheap illustrated book“ zurück. Aber auch der geraffte Text macht die sozialhistorische Grundierung deutlich: Zeichnen für den Zeitvertreib ist ein Privileg, das sich Ruskins Schüler am Working Men’s College, einer der ersten Institutionen der Erwachsenenbildung in England, nur bedingt leisten konnten. Doch die Motive lägen auch für sie auf der Straße: Mit der Eisenbahn ließe sich von der Stadt aus die umgebende Natur erschließen. Ein „alter leerer Kohle-Lastkahn bei Ebbe“ ist für Ruskin ein besonders ergiebiges, da ungeschliffenes Motiv.

          Die „Grundlagen“ entstanden, als Ruskin sich zunehmend den gesellschaftlichen Härten seiner Zeit zuwandte. Sie sind dort am interessantesten, wo sie konkret anleiten, beobachtend zu gestalten. Und sie sind dort am diskussionswürdigsten, wo Ruskin einen ethischen Anspruch verfolgt: „Auf dem Gebiet schöner Arrangements sichtbarer Dinge gelten dieselben Regeln wie in moralischen Dingen.“ Dieser Autor macht es nicht unter Totalität. Alles in der Welt folge einer großen Anordnung, in der jedes Ding seinen Platz habe. Körper und Kunst müssen in Balance sein, denn vom „allgemeinen Wohlbefinden“ und der „seelischen Ausgeglichenheit“ hänge der Umgang mit Farben ab. Die Lehre vom Zeichnen wird zur moralischen Gesellschaftstheorie, und die Grundaussage scheint so aktuell, weil sie so grundsätzlich ausfällt: Das ganze Leben besteht aus Nuancen.

          John Ruskin: „Grundlagen des Zeichnens in drei Briefen für Anfänger“. A. d. Englischen von Helmut Moysich. Mit einem Nachw. von Wolfgang Kemp.Dieterich’sche Verlagsbuchandlung, Mainz 2019. 272 S., geb., 25 Euro.

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