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John Maddox Roberts im Interview : Zeitgenosse Caesar

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Ich habe von Anfang an in den Römern der späten Republik ein verzerrtes Spiegelbild unserer selbst gesehen. Auf den ersten Blick ähneln sie uns; bei näherem Hinsehen können sie einem vorkommen wie Bewohner eines anderen Planeten. Sie waren Städter mit einer republikanischen Regierungsform, doch die antiken Republiken sind kaum mit unseren zu vergleichen. Es ist auch leicht, Parallelen zwischen Rom und dem modernen Amerika zu finden, doch die Unterschiede sind weit größer. Die Römer haben nie an ihrem Recht gezweifelt, andere Völker zu unterwerfen. Das führte dazu, dass sie sich an Orten in Konflikte verwickeln ließen, wo sie nichts vom Leben der Menschen verstanden. Ihre endlosen Probleme in dem Gebiet, das wir heute den Nahen Osten nennen, kommen uns sehr vertraut vor. Ich habe mich sehr bemüht, aus Decius keinen Mann von heute in Tunika und Toga zu machen. Sein Denken ist für seine Zeit und seine Kultur exzentrisch, aber seine Haltung steht in Einklang mit der antiken Welt. Ich habe versucht, ihn sehr human erscheinen zu lassen für einen Römer, aber das heißt nicht viel. Er mag es nicht, wenn Sklaven misshandelt werden, aber er käme nie auf den Gedanken, es solle keine Sklaverei geben. Für ihn ist Sklave eine soziale Rolle, die ein Mensch haben kann, oft war sie auch nur zeitweilig und kein soziales Stigma. Decius sitzt im Senat mit Männern zusammen, deren Großeltern noch Sklaven waren. Ebenso wenig hat er Bedenken, dass Rom barbarische Völker unterwirft. Er mag an der Klugheit mancher Kriege zweifeln, aber nie daran, dass für Barbaren römische Herrschaft besser ist. Sein Glaube an die römische Überlegenheit ist unerschütterlich.

Also doch deutlich mehr Ferne als Nähe!

Das Studium der römischen Republik hat mir vor allem gezeigt, wie wenig die Menschen sich geändert haben. Die Motive der politischen Aufsteiger gleichen denen von heute. Ihre Haltung zum Geschäft ist sicher anders, aber die großen Grundbesitzer nahmen in etwa die Position der Tycoone von heute ein. Und in den Kriegen ging es um die gleichen Dinge wie heute: Kontrolle über Ressourcen, Besetzung strategischer Positionen, den Feind auf Distanz halten und um Beute. Die Römer liebten blutiges Entertainment. Wir auch. Vieles aus Antike, Mittelalter und vormoderner Welt, was wir gerne für ausgestorben halten wollen, hat die verstörende Tendenz, auf einmal wiederaufzutauchen. Es ist daher gut, in historischer Perspektive zu denken. Ich bin in einer Welt konkurrierender und oft feindlicher Ideologien aufgewachsen. In den Jahren des Kalten Krieges würde einen jeder Politiker ausgelacht haben, wenn man behauptet hätte, die Sowjetunion würde verschwinden und die Welt wieder in eine Zeit religiös motivierter Auseinandersetzungen eintreten. In den fünfziger und sechziger Jahren hätte man es in der westlichen Welt für bizarr gehalten, dass man in ein paar Jahrzehnten wieder von Sklaverei und Piraterie hören würde. All diese Dinge wirken wie Relikte der Antike. Im Lichte dieser Entwicklungen erscheint mir Decius fast schon als unser Zeitgenosse.

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