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John Maddox Roberts im Interview : Zeitgenosse Caesar

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Das römische Alltagsleben ist ja die größte Herausforderung für die Phantasie eines Schriftstellers. Wie haben Sie die riesigen Wissenslücken gefüllt, und wo haben Sie sich die größten Freiheiten genommen?

Ein Hauptproblem bei allen antiken Autoren ist ja, dass sie kaum über den Alltag der einfachen Leute schreiben. Die einzige Ausnahme ist Petronius. Seine Schriften stammen aus der Zeit Neros, aber da sich die Dinge in der Antike eher langsam veränderten, habe ich mich sehr stark auf das gestützt, was er über das Leben der Unterschichten, über Aktivitäten und Redeweisen von Freigelassenen schreibt. Die größten Freiheiten habe ich mir wohl mit historischen Persönlichkeiten herausgenommen. Titus Milo war eine dubiose Figur, und so habe ich mir erlaubt, ihn nach meinen Bedürfnissen auszugestalten. Das größte Unrecht habe ich wahrscheinlich Clodius Pulcher getan. Ich befürchte, er war eine deutlich attraktivere Gestalt als in meinen Büchern. Mit Sicherheit war er populär. Und ich hoffe, meine Leser begreifen, dass die Art, wie ich diese Leute beschreibe, den Erinnerungen des greisen Decius entspricht, dass sie aber keinesfalls notwendig so waren.

War Ihnen von Anfang an klar, dass die Romane nur in der späten Republik spielen können?

Für mich war das Rom der späten Republik immer die faszinierendste Zeit der gesamten Antike. Berichte aus früherer Zeit sind punktuell und gehören eher ins Reich der Legende, wogegen wir für die späte Republik die Schriften der Protagonisten selbst haben - Cicero, Caesar oder Sallust. Ich finde die Politik dieser Periode faszinierend. Es gab große Familien und große Individuen, die erbittert um die Macht kämpften und dabei ein Reich aufbauten. Es gab ein gewaltiges Feld für Intrigen und Verschwörungen. Die Politik des nachaugusteischen Roms kommt mir langweilig vor. Da geht es im Prinzip nur darum, welcher General Kaiser wird.

Wie ist die Hauptfigur Decius Caecilius Metellus entstanden? Nach welchen Kriterien haben Sie ihn entworfen?

Mir war klar, dass ich keine konventionellen Kriminalfälle vor antiken Kulissen wollte. Die Geschichten sollten aus der Zeit hervorgehen, sie sollten nur unter diesen konkreten Umständen passieren können. Sie sollten mit Politik, Religion, den sozialen Bräuchen und Praktiken zu tun haben. „Der Fluch des Volkstribun“ etwa dreht sich um einen verheerenden Fluch. In einer der Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe (die nicht ins Deutsche übersetzt wurden, Anm. d. Red.), ist eine griechische Skulptur der Schlüssel. Ich wollte einen Charakter, der sich in den höchsten politischen Kreisen bewegt; er sollte kein Patrizier, sondern ein Plebejer sein, weil er auf diese Weise von bestimmten Einschränkungen nicht behindert war. Ich kam dann auf die Familie der Caecilii Metelli, weil sie eben Plebejer waren, weil sie damals große Macht besaßen und so zahlreich waren, dass ich mühelos Decius, seinen Vater und den ganzen Haushalt hinzufügen konnte. Die Julier, Caesars Familie, waren hingegen Patrizier und nicht gerade zahlreich, aber da die antiken Autoren sich um Frauen praktisch nicht kümmerten, konnte ich Decius ruhig mit Julia, einer Nichte Caesars, verheiraten, die reine Erfindung ist. Einen fiktiven männlichen Julier zu erfinden, das hätte nicht funktioniert.

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