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John le Carré und das Genre : Nur Autor von Spionageromanen?

Stoische Miene zum schmutzigen Geschäft: Gary Oldman als George Smiley in Tomas Alfredsons Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“ (2011) Bild: STUDIOCANAL

Genre-Literatur wird viel gelesen, aber nur mit schlechtem Gewissen gewürdigt. Warum hat einer der Größten seiner Zunft eigentlich nie den Nobelpreis bekommen?

          4 Min.

          Vor zwölf Jahren schrieb der britische „Guardian“ in einem Leitartikel, der Kalte Krieg habe in der englischen Literatur keine bedeutenden Romane hervorgebracht. Die große Ausnahme sei David Cornwell, besser bekannt als John le Carré, der mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ 1963 zu Geld und Ruhm gekommen war. Tatsächlich erzielte dieser kurze Roman eine ungeheure Wirkung. Erschienen nach dem Bau der Mauer und vor der Ermordung John F. Kennedys, bündelte sich in der traurigen Geschichte um einen britischen Spion, der vom eigenen Geheimdienst zynisch verkauft wird, die politische Krisenstimmung der frühen sechziger Jahre. Der Roman wurde nicht nur verschlungen, weiterempfohlen, in viele Sprachen übersetzt und mit Richard Burton verfilmt, sondern sofort als bedeutender Ausdruck der zeitgenössischen Kultur erkannt. Zuvor hatte es durch Ian Fleming den lässigen Agenten im Smoking gegeben – mit Le Carré war der Spionageroman erwachsen geworden und endlich in der Wirklichkeit angekommen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Diese Wirklichkeit war unwiderruflich düster, schmutzig und in moralisches Zwielicht getaucht. Nicht die Werte, aber die Methoden der Abwehrdienste in Ost und West glichen einander. Keine der zahlreichen Le-Carré-Verfilmungen hat das besser erfasst als „Dame, König, As, Spion“ von Tomas Alfredson (2011). Die kranken Grün- und Grautöne und das versiffte britische Nachkriegsmobiliar, das so erschöpft wirkt wie die Gesichter der Agenten, machen jede Vorstellung von „guten“ und „bösen“ Geheimdiensten obsolet.

          Was von der Nachwelt für aufbewahrenswert gehalten wird, ist nicht nur Moden, sondern langfristigen Schwankungen im kulturellen Gedächtnis unterworfen. Ordnungssysteme und Etiketten spielen dabei eine entscheidende Rolle. Etwas, für das es noch keinen Begriff gibt, wird leicht missverstanden und umso schneller beiseitegeschoben; oft lenken Oberflächenphänomene vom Eigentlichen ab; und manchmal ist der Kulturbetrieb einfach nur phantasielos. So wurden die Romane von Georges Simenon (1903 bis 1989) im Lauf der Jahrzehnte von einer schleichenden Umwertung erfasst, und eines Tages waren sie von der billigen Ecke in der Buchhandlung ins Klassikerregal befördert worden.

          Unterhaltung ist immer noch suspekt

          Debatten um Wert und Wichtigkeit bestimmter Literaturen entzünden sich oft an den Entscheidungen des Nobelpreiskomitees. Gegen die Schwedische Akademie lässt sich inzwischen ein dreifacher Vorwurf erheben: zuerst die prinzipielle Missachtung von Frauen. Sodann, revolutionäre Künstler wie Proust, Joyce, Virginia Woolf und Borges systematisch übergangen zu haben. Und letztens, populären Schriftstellern wie Simenon, Eric Ambler, Patricia Highsmith oder John le Carré mit Hochnäsigkeit und Ablehnung begegnet zu sein. Gemessen daran, dass die Akademie mehrere Jahrzehnte Zeit hätte, ihre Versäumnisse nachzuholen, sind erstaunlich viele emblematische Autoren unserer Zeit übersehen worden.

          Ian McEwan befand, le Carré werde möglicherweise als „der bedeutendste britische Romanautor der zweiten Jahrhunderthälfte“ in Erinnerung bleiben.
          Ian McEwan befand, le Carré werde möglicherweise als „der bedeutendste britische Romanautor der zweiten Jahrhunderthälfte“ in Erinnerung bleiben. : Bild: Helmut Fricke

          Dem dritten Versäumnis liegt offensichtlich ein enger Begriff von „Genre-Literatur“ zugrunde. Genre bedeutet ja, innerhalb einer bestimmten Gattung zu schreiben und leicht klassifizierbar zu sein. „Der Spion, der aus der Kälte kam“, Le Carrés dritter Roman, wollte das Gegenteil. Er erschien 1963 in England nicht mehr mit dem gelben Krimiumschlag der beiden früheren Bücher „Schatten von gestern“ (Call for the Dead, 1961) und „Ein Mord erster Klasse“ (A Murder of Quality, 1962), sondern im Hauptprogramm seines Verlags. Die Leser sollten das Gefühl haben, sie läsen mehr als nur einen Spionageroman.

          Geholfen hat es wenig, offenbar benötigen wir Genres als Kategorie. Selbst ein kluger Leser wie Anthony Burgess schrieb fünfundzwanzig Jahre später, le Carrés Begabung schreie geradezu danach, „für das Verfassen eines echten Romans eingesetzt zu werden“. Anlass war seinerzeit das autobiographische Buch „Ein blendender Spion“, das Philip Roth den „besten englischen Roman seit dem Krieg“ nannte. 2013 fand der britische Schriftstellerkollege Ian McEwan, le Carré habe die Genre-Beschränkungen längst hinter sich gelassen und werde möglicherweise als „der bedeutendste britische Romanautor der zweiten Jahrhunderthälfte“ in Erinnerung bleiben.

          Ein bis zwei Morde müssen es schon sein

          Was also ist „Genre“? Und warum tun wir uns so schwer damit, es zu gewichten? Weil es unglaublich viel mittlere bis lausige Genre-Literatur gibt, die kein Mensch überschauen, geschweige denn bewerten kann. Vielleicht auch, weil Verkaufserfolg den Blick vernebelt und beispielsweise glauben machen könnte, Industrieproduzenten wie Dan Brown („The Da Vinci Code“), Carlos Ruiz Zafón („Der Schatten des Windes“) oder E. L. James („Fifty Shades of Grey“) wären gute Autoren. In Wahrheit ist ihre Prosa vielleicht effizient, aber zum Weinen schlecht. Nicht ganz dasselbe gilt für Ken Follett, der zumindest mit „Die Nadel“ ein literarisch außergewöhnliches Buch geschrieben hat, bevor er sich der fabrikmäßigen Produktion von historischen Tausendseitern zuwandte.

          „Genre“ zieht also oft herunter; die Bücher bekommen etwas Serielles, Vorhersehbares, denn sie müssen Geld einbringen. Selbst eine literarisch herausragende Schriftstellerin wie P. D. James (1920 bis 2014) bediente die Anforderungen des Kriminalgenres und brachte in jedem ihrer Romane ein bis zwei Morde unter. Dasselbe gilt für einen poetischen Erzähler wie den Amerikaner Ross Macdonald (1915 bis 1983), der so gut schrieb wie Raymond Chandler, nur dreimal so viel. Siebzig Jahre später sind alle seine Bücher noch (oder wieder) lieferbar. Manches spricht dafür, dass ein Großteil seines Werks länger gelesen wird als vieles an „hoher“ Literatur. Kriminalromane brauchen nun einmal Leichen, sonst läuft es nicht. Leser sollten dergleichen als Erzählanlass akzeptieren. Das literarische Plus – der Grund, jemandem vielleicht doch einmal den Nobelpreis zu geben – lässt sich oft nur andeuten. Ross Macdonald zum Beispiel, so das Magazin „The Atlantic“, schreibe nicht über Verbrechen, sondern über Sünde.

          In einem Brief hat Philip K. Dick (1928 bis 1982) einmal erklärt, was für ihn Science-Fiction bedeutet. Es war ein weiterer Versuch, Leser anzusprechen, die mit dem Genre nichts anfangen können. Science-Fiction, so Dick, arbeite mit einer gedanklichen „Verschiebung“, einer neuen Idee, die aus der vertrauten Welt hervorgegangen sei und vom Leser die Intelligenz fordere, ihr auf unbekanntes Terrain zu folgen. In gewissem Sinn habe Science-Fiction als Hauptfiguren keine Personen, sondern Ideen. Der früh verstorbene Dick ist trotz enormer Produktionskraft nicht aus der Armut herausgekommen. Wer aber in der wirklichen Welt lebt, erkennt nach Verfilmungen von Dick-Stoffen wie „Blade Runner“, „Total Recall“, „Minority Report“ oder „The Man in the High Castle“ schnell, dass wir es mit einem modernen Klassiker zu tun haben. Jetzt ist mit John le Carré ein weiterer Autor dieses Kalibers verschwunden, und wieder einmal könnte man fragen: Wann kommt das Nobelpreiskomitee in der Gegenwart an?

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