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Roman über die Festung England : Einer kommt rein, einer geht raus

Der britische Schriftsteller und Journalist John Lanchester Bild: Marijan Murat

Klimawandel, Flüchtlingsströme und Brexit: John Lanchesters spannender Roman „Die Mauer“ verhandelt die drängenden Probleme unserer Zeit.

          2 Min.

          Die Zukunft, wie sie uns John Lanchesters Roman „Die Mauer“ ausmalt, ist nicht sehr viel anders als unsere Gegenwart. Es gibt allerdings einen Unterschied, und der ist gewaltig: Alles, was wir heute nur befürchten, wird eingetreten sein.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie werden wir dann leben? Lanchester gibt einige sehr plausible Antworten auf diese Frage und legt sie seinem Ich-Erzähler in den Mund, einem jungen Mann namens Kavanagh, der zu Beginn des Romans seinen Dienst am Vaterland antritt. Er besteht darin, zwei Jahre lang Wache zu schieben. Wie alle anderen jungen Männer und Frauen des Landes muss Kavanagh die Mauer bewachen, mit der sich Großbritannien eingekapselt und abgeschottet hat: fünf Meter hoch, drei Meter dick, zehntausend Kilometer lang. Denn seit der vom Klimawandel verursachte Anstieg der Meere ganze Inseln verschlungen und viele Küsten unbewohnbar gemacht hat, ist der Flüchtlingsstrom immer größer geworden. Zahllose Menschen suchen eine neue Heimat. Lanchesters England der Zukunft ist buchstäblich eine Festung im Meer, bedroht von einer Armada aus Schlauchbooten, deren Insassen zum Äußersten entschlossen sind.

          Die „Anderen“ kommen

          Die Handlung setzt mit dem Dienstantritt von Kavanagh auf der Mauer ein. Es herrscht Kasernenatmosphäre. Die Tage sind bestimmt von Routine, Langeweile, Hierarchien, Eiseskälte in der Nacht und der unbestimmten Drohung eines jederzeit möglichen Ernstfalls. Man könnte an Dino Buzzatis großartigen Festungsroman „Die Tatarenwüste“ denken oder an die Nachtwache in „Game of Thrones“. Kavanagh, der Ich-Erzähler, ist ein genauer Beobachter, nicht zuletzt seiner selbst, aber die eigentliche Hauptfigur in diesem ersten von drei Teilen des Romans ist nicht er, sondern die Mauer. Alles, was passiert, die äußere Handlung ebenso wie die innere Entwicklung des Erzählers, hat mit ihr zu tun. Geschaffen zum Schutz ihrer Erbauer, hat sie sich ihre Schöpfer unterworfen. Sie konstituiert die Gemeinschaft und definiert zugleich das Fremde auf die denkbar einfachste Weise: Alle, die sich außerhalb der Mauer aufhalten, sind die „Anderen“.

          Ein Prinzip von grausamer Logik

          Die Mauer definiert und stiftet Identität aber nicht nur, sondern sie raubt sie auch. Denn wer beim Dienst auf der Mauer versagt, wird ausgestoßen. Für jeden Eindringling, dem es gelingt, die Mauer zu überwinden, muss ein Wächter die Gemeinschaft, die er beschützen sollte, verlassen. Es ist ein Prinzip von schlichter, grausamer, sehr archaisch anmutender Logik: „Einer kommt rein, einer geht raus.“ Aber was heißt eigentlich beschützen, wenn der Angreifer nicht rauben, morden, unterwerfen will, sondern nur dazugehören möchte? Sind dann nicht Angreifer und Verteidiger austauschbar? Waren sie es nicht von vornherein?

          John Lanchester, Jahrgang 1962, ehemaliger Verlagslektor und Redakteur der „London Review of Books“, wurde in Deutschland bekannt, als 2012 sein vor dem Hintergrund der Finanzkrise spielender Roman „Kapital“ erschien. Er schreibt unterhaltsam und scheut weder Spannungsmomente noch effektvolle erzählerische Kniffe. Auch in „Die Mauer“ lässt er nichts aus, nicht einmal eine Liebesgeschichte zwischen Kavanagh und einem weiblichen Mitglied seiner Wachkompanie. Man liest das gern, aber das Faszinosum dieses Buches macht etwas anderes aus. Neben den Zufall, der mit der Geburt unveränderlich darüber bestimmt, auf welcher Seite der Mauer einer geboren wird, stellt Lanchester seine Variante des Rollentauschs: Wer sich als Wächter nicht bewährt, wird ausgestoßen und muss die Gemeinschaft verlassen. Von nun an ist er selbst ein „Anderer“, während der erfolgreiche Eindringling in die Gemeinschaft aufgenommen wird, wenn auch nur mit großen Einschränkungen. Beim Dienst auf der Mauer werden die Wächter auf den Rollentausch vorbereitet, wie Kavanagh bemerkt, wenn er über die „Anderen“ sagt: „Sie sind clever, sie sind verzweifelt, sie sind skrupellos, sie kämpfen um ihr Leben, also musste all das auf uns auch zutreffen.“ Auf Mauers Schneide lernt er, dass Einfühlung eine Frage des Überlebens sein kann. „Die Mauer“ wurde als Lanchesters kluger Kommentar zum Brexit gelobt. Aber seien wir ehrlich: Der Brexit ist ein Klacks im Vergleich zu dem, was uns und allen anderen bevorstehen könnte.

          John Lanchester: „Die Mauer“. Roman. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 348 S., geb., 24,– .

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