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Nach Reemtsma-Entführung : Frei sein im Kontrollraum

Johann Scheerer, Autor und Musikproduzent und Sohn von Jan Philipp Reemtsma, in seinem Musikstudio Clouds Hill in Hamburg Bild: Daniel Pilar

Johann Scheerer erzählt in seinem Buch „Unheimlich nah“, wie für ihn nach der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma eine Jugend mit Personenschutz begann.

          6 Min.

          Wenn spektakuläre Verbrechen geschehen, wird im Nachhinein oft die Geschichte der Opfer erzählt. Oder die Geschichte der Täter rekonstruiert. Was die Öffentlichkeit seltener erreicht, sind die Geschichten der Angehörigen der Opfer, die davon berichten, in welcher Weise das Verbrechen ihr Leben verändert hat – manchmal für immer. Im Umgang mit den terroristischen Verbrechen der RAF war gerade deshalb das Buch „Für die RAF war er das System, für mich der Vater“ der Journalistin Anne Siemens, das im Jahr 2007 erschien, ein Paradigmenwechsel. Die Mitglieder der RAF waren auf eine fast zynische Weise zu Berühmtheiten geworden, ihre Fotos zu Ikonen, während das Buch erstmals die Perspektive konsequent umdrehte, die Angehörigen der Opfer des Linksterrorismus in den Blick nahm und sie zu Wort kommen ließ. Jedenfalls jene, die sich äußern wollten. Die Witwe von Alfred Herrhausen, des ehemaligen Vorstandssprechers der Deutschen Bank, der 1989 bei einem Autobomben-Attentat ums Leben kam, zu dem sich wenig später die RAF bekannte, hatte sich 2001 schon geöffnet, als der Regisseur Andres Veiel für seinen Film „Black Box BRD“ Herrhausens Geschichte nachzeichnete. Veiel erzählte parallel dazu aber auch die eines Täters, des RAF-Terroristen Wolfgang Grams, dem er genauso viel Platz einräumte.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hieß vor drei Jahren das Buch eines jungen Autors, dessen Name nicht besonders berühmt klang und auch nicht berühmt klingen sollte. In der Musikszene in Hamburg kennt man den Musiker und Produzenten, der 2003 das Tonstudio Rekordbox, zwei Jahre später Clouds Hill Recordings gegründet hat, wo Pete Doherty, At the Drive-In oder Omar Rodríguez-López schon Alben produziert haben. Er heißt Johann Scheerer, trägt den Namen seiner Mutter – und ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma, dem Germanisten und Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Er war dreizehn Jahre alt, als sein Vater am 25. März 1996 auf seinem Grundstück in Hamburg-Blankenese entführt und 33 Tage in einem Keller festgehalten wurde. Reemtsma veröffentlichte 1997 das Buch „Im Keller“ über diese Entführung und über seine Gefangenschaft. Einen „zerstörerischen Einbruch“, eine „Vergewaltigung“ und „Exterritorialität“ nannte er darin den Keller, der in seinem Leben bleiben werde und doch nicht zu einem Teil des Lebens zu machen sei.

          Knapp zwanzig Jahre später beschrieb sein Sohn Johann in „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ seine Version dieser 33 Tage. Er erzählte, wie sich sein Elternhaus in eine Einsatzzentrale, einen permanenten Konferenzraum verwandelte. Wie alle darauf warteten, dass etwas passierte. Dass das Telefon klingelte, die Entführer sich wieder meldeten, ein Lebenszeichen des Vaters eintraf, die Geldübergabe endlich glückte. Wie jedes Zeichen, jeder Buchstabe, der sie von dem Entführten erreichte, exzessiv auf mögliche Bedeutungen und Interpretationen abgetastet wurde. Und er beschrieb auch, wie mit der Entführung des Vaters so etwas wie Privatheit für ihn abhandenkam. Allerdings hielt man deren Wiedergewinnung, wenn davon auch nicht explizit die Rede war, am Ende nicht für ausgeschlossen. Zu Unrecht, wie sich zeigt.

          Denn Johann Scheerer hat jetzt die Fortsetzung dessen geschrieben, was er vor drei Jahren begonnen hat. „Unheimlich nah“ heißt das neue, in diesen Tagen erscheinende Buch, das nach der Entführung einsetzt. Die Familie – das sind der Vater, die Mutter und der Sohn – ist nach der Befreiung im April 1996 zunächst nach New York gereist. Amerika bietet ihnen Anonymität und die Gewissheit, nicht verfolgt zu werden, weder von Verbrechern, noch von Trittbrettfahrern, noch von Journalisten. Während ihrer Abwesenheit werden am Haus in Hamburg Blankenese bereits Sicherheitsvorkehrungen getroffen, Objektschützer erwarten sie, als sie nach Hause zurückkehren. Und sind nicht allein. Es warten auch die neu eingestellten Personenschützer, auf die die Eltern Johann im Taxi in Manhattan bereits vorzubereiten versucht haben. „Ich würde jemand mit Bodyguards sein“, hatte dieser gedacht und sich gefragt, was solche Sicherheitsleute wohl anhaben würden. Zurück in Hamburg, begreift er: „Die Personenschützer kommen mit, wenn ich mit dem Hund rausgehe, und die Objektschützer sitzen im Auto vor der Gartenpforte und begrüßen mich freundlich, sobald ich das Grundstück wieder betrete.“ Er fühlt sich wie zu Gast im eigenen Haus und stellt sofort die richtige Frage: „Konnte es sein, dass das hier für immer würde bleiben müssen?“

          Nie mehr allein

          Johann Scheerer ist zu Beginn dieser neuen Erzählung vierzehn Jahre alt, er will raus, frei sein, ohne die Eltern los, und genau in diesem Moment des Aufbruchs beginnt die permanente Abschirmung, die er, sosehr er ihre Notwendigkeit in guten Momenten auch einsieht, nicht anders als Überwachung und Kontrolle empfinden kann. Schon die Wochen der Entführung hatten ihn mit der Mutter in einer Zeit eng zueinander gebracht, in der er viel lieber Abstand gesucht hätte. Sie verstanden einander, kommunizierten wortlos miteinander, doch war die Nähe auch eine Belastung, die er jetzt lieber abschütteln würde. Zur Schule wird er von nun an aber chauffiert. Sobald er das Haus verlässt, fährt ein schwarzer BMW vor. Jeder Nachmittag mit seinen Freunden wird zu einer Aufgabe mit Anleitung. Können die anderen gedankenlos und übermütig sein, kommt er sich vor wie ein Bedenkenträger. Und fährt die Familie nach Portugal in die Ferien, kommen nicht nur die nervigen Bücherkoffer des Vaters mit, mit denen dieser dann für den Rest des Urlaubs verschwindet, sondern auch die Security, die um sie herum scheinbar geheim kommuniziert.

          Johann Scheerer:„Unheimlich nah“. Piper Verlag, 329 Seiten, 22 Euro
          Johann Scheerer:„Unheimlich nah“. Piper Verlag, 329 Seiten, 22 Euro : Bild: Piper Verlag

          „Wie übermächtig musste die Gefahr sein, wenn schon der Schutz so beklemmend war?“, fragt Johann Scheerer. Er lässt sich von den Sicherheitsleuten ein Mofa frisieren und versucht, ihnen davonzufahren. Er gerät nachts beim Ausgehen in Prügeleien und weist die ihn stets beobachtende Security an, nicht einzuschreiten (oder nur kurz bevor er totgeschlagen würde). Er bittet die Bodyguards, ihm ein paar Selbstverteidigungstricks beizubringen („Personenschützer unterrichtet Schutzperson in Selbstverteidigung. Diesen Satz musste man sich erst mal auf der Zuge zergehen lassen“). Er findet seine ersten Freundinnen, die ihn für verwöhnt und egozentrisch halten und sein Problem nicht sehen. Er fragt sich, wie viel Punk möglich ist, wenn vor jedem Auftritt seiner Band Sicherheitsleute mit Veranstaltern alles abklären. Und misstraut den Statistiken, dass die Wahrscheinlichkeit einer Entführung in einer Familie steigt, wenn schon mal jemand entführt worden ist; bis er nachts nach Hause kommt, das Haus von drei Polizeiautos und einem Krankenwagen umstellt wie ein Tatort, weil ein Unbekannter über den Zaun geklettert ist, direkt vor dem Fenster seines Zimmers.

          Frei sein im Kontrollraum, das ist sein Dilemma. Was Johann Scheerer dabei mit den Dramen anderer Angehöriger von Verbrechensopfern teilt – wie auch mit den Opfern selbst, die die Verbrechen überlebt haben –, ist, dass er die Entführung, „den Keller“, wie sein Vater, nicht mehr loswird. Es ist ein Gefühl, gezeichnet zu sein, das in der eigenen Familiengeschichte noch einen anderen Echoraum hat und weiter zurückreicht als bloß in die neunziger Jahre. Jan Philipp Reemtsma ist der Sohn des Zigarettenfabrikanten Philipp Fürchtegott Reemtsma, der im Nationalsozialismus Wehrwirtschaftsführer war und sein Zigarettenimperium durch große Geldspenden an Hermann Göring abgesichert hatte. Der Vater starb, als Jan Philipp Reemtsma sieben Jahre alt war. Mit 26 durfte er über sein Erbe verfügen und verkaufte seine Anteile an der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, zu der er seit 1980 keine Verbindungen mehr hat. „Immer schon, das wusste ich aus Zeitungsartikeln“, schreibt Johann Scheerer in „Unheimlich nah“, „war mein Vater der Erbe gewesen. Er konnte das Institut für Sozialforschung aufbauen, die Wehrmachtsausstellung auf die Beine stellen, Fachliteratur und Belletristik-Bestseller schreiben – in den Zeitungen war er Zigarettenerbe. Meine Mutter hatte mir mal erzählt, dass er schon als Kind von Erwachsenen so behandelt worden war.“

          Wir sind markiert

          Johann kriegt solche Anspielungen auf dem Schulhof auch zu hören: „Ey, Reemtsma, warum rauchst du eigentlich nicht? Du bekommst doch bestimmt so viel Zigaretten wie du tragen kannst!“ Es irritiert ihn. Die Verbindung zum „Keller“ geht ihm aber erst auf, als der Vater sich im Gespräch mit dem Sohn endlich öffnet. Ob er sich daran erinnere, dass die Mutter sich bei den Entführungsverhandlungen gegen die Markierung des Lösegeldes entschieden habe, die das Geld und die Menschen, die damit in Kontakt kamen, verfolgbar gemacht hätte? So eine Art blaue Farbe an den Geldscheinen. Es gebe Momente, in denen er manchmal denke, dass es diese Markierung trotzdem gegeben habe, obwohl sie sie nicht haben wollten, lässt Johann Scheerer Jan Philipp Reemtsma in „Unheimlich nah“ sagen: „Irgendwie hat sie auf uns alle abgefärbt. Wir gehen durch diese Welt und sind irgendwie markiert. Dieses Geld hat uns verfolgbar gemacht. Und sosehr du in seinem Alltag versuchst, die Spuren zu verwischen, wird es immer wieder Menschen geben, die während einer noch so wichtigen Unterhaltung nur auf deine blauen Hände schauen. Und nicht in deine Augen.“

          Während Johann Scheerers erstes Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ein Sachbuch war, das einen sehr literarischen Ton hatte, nennt sich „Unheimlich nah“ nun Roman, was man, da alle so heißen, wie sie wirklich heißen, nicht genau versteht und dahinter den Schutz von Persönlichkeitsrechten vermutet. Für die Lektüre spielt die Frage, was genau fiktional ist und was nicht, aber keine besondere Rolle. Denn über die autobiographische Geschichte hinaus erzählt Johann Scheerer auch eine universelle: Er erzählt, was es bedeutet, als Angehöriger des Opfers eines Verbrechens „markiert“ zu sein. Und das ist sehr beeindruckend.

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