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Nach Reemtsma-Entführung : Frei sein im Kontrollraum

Frei sein im Kontrollraum, das ist sein Dilemma. Was Johann Scheerer dabei mit den Dramen anderer Angehöriger von Verbrechensopfern teilt – wie auch mit den Opfern selbst, die die Verbrechen überlebt haben –, ist, dass er die Entführung, „den Keller“, wie sein Vater, nicht mehr loswird. Es ist ein Gefühl, gezeichnet zu sein, das in der eigenen Familiengeschichte noch einen anderen Echoraum hat und weiter zurückreicht als bloß in die neunziger Jahre. Jan Philipp Reemtsma ist der Sohn des Zigarettenfabrikanten Philipp Fürchtegott Reemtsma, der im Nationalsozialismus Wehrwirtschaftsführer war und sein Zigarettenimperium durch große Geldspenden an Hermann Göring abgesichert hatte. Der Vater starb, als Jan Philipp Reemtsma sieben Jahre alt war. Mit 26 durfte er über sein Erbe verfügen und verkaufte seine Anteile an der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, zu der er seit 1980 keine Verbindungen mehr hat. „Immer schon, das wusste ich aus Zeitungsartikeln“, schreibt Johann Scheerer in „Unheimlich nah“, „war mein Vater der Erbe gewesen. Er konnte das Institut für Sozialforschung aufbauen, die Wehrmachtsausstellung auf die Beine stellen, Fachliteratur und Belletristik-Bestseller schreiben – in den Zeitungen war er Zigarettenerbe. Meine Mutter hatte mir mal erzählt, dass er schon als Kind von Erwachsenen so behandelt worden war.“

Wir sind markiert

Johann kriegt solche Anspielungen auf dem Schulhof auch zu hören: „Ey, Reemtsma, warum rauchst du eigentlich nicht? Du bekommst doch bestimmt so viel Zigaretten wie du tragen kannst!“ Es irritiert ihn. Die Verbindung zum „Keller“ geht ihm aber erst auf, als der Vater sich im Gespräch mit dem Sohn endlich öffnet. Ob er sich daran erinnere, dass die Mutter sich bei den Entführungsverhandlungen gegen die Markierung des Lösegeldes entschieden habe, die das Geld und die Menschen, die damit in Kontakt kamen, verfolgbar gemacht hätte? So eine Art blaue Farbe an den Geldscheinen. Es gebe Momente, in denen er manchmal denke, dass es diese Markierung trotzdem gegeben habe, obwohl sie sie nicht haben wollten, lässt Johann Scheerer Jan Philipp Reemtsma in „Unheimlich nah“ sagen: „Irgendwie hat sie auf uns alle abgefärbt. Wir gehen durch diese Welt und sind irgendwie markiert. Dieses Geld hat uns verfolgbar gemacht. Und sosehr du in seinem Alltag versuchst, die Spuren zu verwischen, wird es immer wieder Menschen geben, die während einer noch so wichtigen Unterhaltung nur auf deine blauen Hände schauen. Und nicht in deine Augen.“

Während Johann Scheerers erstes Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ein Sachbuch war, das einen sehr literarischen Ton hatte, nennt sich „Unheimlich nah“ nun Roman, was man, da alle so heißen, wie sie wirklich heißen, nicht genau versteht und dahinter den Schutz von Persönlichkeitsrechten vermutet. Für die Lektüre spielt die Frage, was genau fiktional ist und was nicht, aber keine besondere Rolle. Denn über die autobiographische Geschichte hinaus erzählt Johann Scheerer auch eine universelle: Er erzählt, was es bedeutet, als Angehöriger des Opfers eines Verbrechens „markiert“ zu sein. Und das ist sehr beeindruckend.

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