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Nach Reemtsma-Entführung : Frei sein im Kontrollraum

Denn Johann Scheerer hat jetzt die Fortsetzung dessen geschrieben, was er vor drei Jahren begonnen hat. „Unheimlich nah“ heißt das neue, in diesen Tagen erscheinende Buch, das nach der Entführung einsetzt. Die Familie – das sind der Vater, die Mutter und der Sohn – ist nach der Befreiung im April 1996 zunächst nach New York gereist. Amerika bietet ihnen Anonymität und die Gewissheit, nicht verfolgt zu werden, weder von Verbrechern, noch von Trittbrettfahrern, noch von Journalisten. Während ihrer Abwesenheit werden am Haus in Hamburg Blankenese bereits Sicherheitsvorkehrungen getroffen, Objektschützer erwarten sie, als sie nach Hause zurückkehren. Und sind nicht allein. Es warten auch die neu eingestellten Personenschützer, auf die die Eltern Johann im Taxi in Manhattan bereits vorzubereiten versucht haben. „Ich würde jemand mit Bodyguards sein“, hatte dieser gedacht und sich gefragt, was solche Sicherheitsleute wohl anhaben würden. Zurück in Hamburg, begreift er: „Die Personenschützer kommen mit, wenn ich mit dem Hund rausgehe, und die Objektschützer sitzen im Auto vor der Gartenpforte und begrüßen mich freundlich, sobald ich das Grundstück wieder betrete.“ Er fühlt sich wie zu Gast im eigenen Haus und stellt sofort die richtige Frage: „Konnte es sein, dass das hier für immer würde bleiben müssen?“

Nie mehr allein

Johann Scheerer ist zu Beginn dieser neuen Erzählung vierzehn Jahre alt, er will raus, frei sein, ohne die Eltern los, und genau in diesem Moment des Aufbruchs beginnt die permanente Abschirmung, die er, sosehr er ihre Notwendigkeit in guten Momenten auch einsieht, nicht anders als Überwachung und Kontrolle empfinden kann. Schon die Wochen der Entführung hatten ihn mit der Mutter in einer Zeit eng zueinander gebracht, in der er viel lieber Abstand gesucht hätte. Sie verstanden einander, kommunizierten wortlos miteinander, doch war die Nähe auch eine Belastung, die er jetzt lieber abschütteln würde. Zur Schule wird er von nun an aber chauffiert. Sobald er das Haus verlässt, fährt ein schwarzer BMW vor. Jeder Nachmittag mit seinen Freunden wird zu einer Aufgabe mit Anleitung. Können die anderen gedankenlos und übermütig sein, kommt er sich vor wie ein Bedenkenträger. Und fährt die Familie nach Portugal in die Ferien, kommen nicht nur die nervigen Bücherkoffer des Vaters mit, mit denen dieser dann für den Rest des Urlaubs verschwindet, sondern auch die Security, die um sie herum scheinbar geheim kommuniziert.

Johann Scheerer:„Unheimlich nah“. Piper Verlag, 329 Seiten, 22 Euro
Johann Scheerer:„Unheimlich nah“. Piper Verlag, 329 Seiten, 22 Euro : Bild: Piper Verlag

„Wie übermächtig musste die Gefahr sein, wenn schon der Schutz so beklemmend war?“, fragt Johann Scheerer. Er lässt sich von den Sicherheitsleuten ein Mofa frisieren und versucht, ihnen davonzufahren. Er gerät nachts beim Ausgehen in Prügeleien und weist die ihn stets beobachtende Security an, nicht einzuschreiten (oder nur kurz bevor er totgeschlagen würde). Er bittet die Bodyguards, ihm ein paar Selbstverteidigungstricks beizubringen („Personenschützer unterrichtet Schutzperson in Selbstverteidigung. Diesen Satz musste man sich erst mal auf der Zuge zergehen lassen“). Er findet seine ersten Freundinnen, die ihn für verwöhnt und egozentrisch halten und sein Problem nicht sehen. Er fragt sich, wie viel Punk möglich ist, wenn vor jedem Auftritt seiner Band Sicherheitsleute mit Veranstaltern alles abklären. Und misstraut den Statistiken, dass die Wahrscheinlichkeit einer Entführung in einer Familie steigt, wenn schon mal jemand entführt worden ist; bis er nachts nach Hause kommt, das Haus von drei Polizeiautos und einem Krankenwagen umstellt wie ein Tatort, weil ein Unbekannter über den Zaun geklettert ist, direkt vor dem Fenster seines Zimmers.

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