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Johann Peter Hebel : Das Geheimnis der alemannischen Zecher

Ein Dorf krönt seinen Dichter: die Büste Johann Peter Hebels in Hausen Bild: dpa

Seit 150 Jahren feiert ein Dorf im Alemannischen den Dichter Johann Peter Hebel mit einem Fest, wie es in Deutschland wohl einmalig ist - ein unabänderliches Ritual, immun gegen die Kräfte der Modernisierung.

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          Ein Mann, der nur wenige Jahre seiner Kindheit im Heimatdorf der Mutter verbracht hatte, war in der Fremde reich und berühmt geworden, sehnte sich aber immer nach jenem Dorfe zurück, in dem er früh gelernt hatte, was Armut ist. Als er selbst schon ein alter Mann war, beschloss er, dass nach seinem Tod die elf ältesten und bedürftigsten Dorfbewohner an jedem Sonntag einen Schoppen Wein erhalten sollten. Die Zeche wollte er noch aus dem Grabe zahlen. Aber bevor der Mann starb, ging der Bankier, dem er sein Geld anvertraut hatte, bankrott. Das Vermögen war verloren, die Gläser der Dorfältesten blieben auch am Sonntag leer, und die Jahre vergingen. Unterdessen wurde in Paris König Karl X. gestürzt, die Engländer belagerten Dschalalabad, und die Ackerleute säten und schnitten. Viele Jahre nach seinem Tod erinnerten sich die Leute an den Mann, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben wäre, und begingen an seinem hundertsten Geburtstag ein großes Fest, auf dem auch den elf Dorfältesten aufgetischt wurde. So ist der letzte Wille des Mannes doch noch erfüllt worden. Er lebt dort nicht mehr, und ist dort nicht begraben, doch kehrt er jedes Jahr in sein Dorf zurück.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte des Hebelfestes klingt, als hätte Hebel selbst sie in einer seiner Kalendergeschichten erzählt. Wenige Kindheitsjahre nur hat er in Hausen im Wiesental verbracht, aber seit 150 Jahren feiert das ganze Dorf an jedem 10. Mai den Dichter mit einem Fest, wie es in Deutschland wohl einmalig ist. Die Frauen legen ihre schönsten Trachten an, Festwagen zeigen Szenen und Motive aus Hebels Gedichten und den Kalendergeschichten, und die Kinder verkleiden sich als Hans und Vreneli, die alemannische Variante von Romeo und Julia. Seit 1861 spendiert die Basler Hebelgesellschaft den Alten Mannen des Dorfes das „Hebelmähli“, ein Mittagessen samt Schoppen im Festzelt. Zwei Weltkriege hat diese Tradition überdauert, und nur ein einziges Mal, nämlich 1945, ist das Hebelmähli bislang ausgefallen. Zwei Jahre später, am 10. Mai 1947, öffnete die Schweizer Regierung erstmals nach Kriegsende die Grenze zu Deutschland, damit die Basler zum Hebelfest fahren konnten.

          Internationalisierung der Provinz

          Das Hebelfest ist ein internationales Dorffest in der Provinz, an dem vier Nationen beteiligt sind, denn auch die alemannisch sprechenden Elsässer und Vorarlberger nehmen teil. Starr ist das Ritual des Festes und groß das Vertrauen in sein Fortbestehen. Morgens um sechs erschüttern Kanonenschüsse den Ort, dann zieht die „Hebelmusik“, eine Blaskapelle, durch die Gassen, und um viertel vor elf werden die Ehrengäste aus Basel zu Fuß vom Bahnhof abgeholt. Dann folgt der Festakt in der Turnhalle. Im Hintergrund zeigt ein gemalter Bühnenprospekt Dorf und Tal, daneben hängt Hebel in Öl. Fünfhundert Gäste nehmen unter Basketballkörben Platz. Die besten Schüler und Lehrlinge erhalten Auszeichnungen, den Bräuten des Vorjahres wird eine Brautgabe überreicht. Dann wird der Hebelpreis verliehen.

          Das „Hebelhüsli” in Hausen

          Der Preis ist vergleichsweise jung, nur halb so alt wie das Fest. Erster Preisträger war 1936 Hermann Burte, ein alemannischer Mundartdichter und glühender Verehrer Hitlers. Vom Ruch des Völkischen hat sich der Literaturpreis lange Zeit nicht befreien können; die später eingeführte Vergabe nach strengen Proporzkriterien, die Autoren aus allen vier beteiligten Ländern gleichberechtigt berücksichtigen sollte, schuf mit der Zeit neue Probleme. Erst in den letzten Jahren war man bestrebt, rein literarische Kriterien anzuwenden, und ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2010, zu Hebels 250. Geburtstag, zeichnet sich ab, welch weitreichende Folgen eine so naheliegende Entscheidung haben kann.

          Unabänderliches Ritual

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