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Javier Marías zum Sechzigsten : Mit der Liebe kam die Reflexion

Erlegt sich beim Schreiben das gleiche Erkenntnisprinzip auf, das auch das Leben regiert: der spanische Schriftsteller Javier Marías. Bild: dpa

Er gilt als einer der eigenwilligsten europäischen Schriftsteller und als Kandidat für den Nobelpreis: Javier Marías ist ein Autor, der sich mit vollem literarischen Risiko unserer Wahrnehmung widmet.

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          Es ist nicht nur ein Geburtstag zu feiern, sondern auch ein kleines Jubiläum. Es betrifft einen kurzen Roman, und im engeren Sinn betrifft das Jubiläum sogar nur einen Gedanken. Vor fünfundzwanzig Jahren fügte der spanische Schriftsteller Javier Marías die Überlegungen, auf die wir uns beziehen, seinem Roman „Der Gefühlsmensch“ (1986) an. Nachworte sind nicht gerade üblich bei diesem Autor, der im Lauf seiner Karriere immer mehr, längere, ja so ausufernde Reflexionen in seine Romanhandlungen gepackt hat, dass manche Leser dabei auf der Strecke blieben. Hier sagt er über sein schmales Buch, es sei „eine Liebesgeschichte, in der die Liebe weder sichtbar ist noch lebt, sondern angekündigt und erinnert wird“. Und dann sagt er noch: „Ich weiß es nicht, glaube aber, dass die Liebe weitgehend auf ihrer Vorwegnahme und ihrer Erinnerung gründet.“

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Man darf in diesem Gedanken - er mag einem schlicht vorkommen oder auch revolutionär - so etwas wie die Gründungsakte eines neuen literarischen Stils sehen. Denn Javier Marías „beschreibt“ oder „schildert“ oder „zeigt“ die Liebe nicht (seine Geschichte ist einfach, daran kann es nicht liegen), sondern bedenkt, untersucht und analysiert sie wie ein Chemiker die Zusammensetzung einer geheimnisvollen Substanz. Seine Figuren „tun“ also nur vordergründig etwas; in Wahrheit helfen sie dem Chemiker bei der Analyse. Trotzdem und wundersamerweise wirken sie nicht abstrakt. Das ist gerade das Unheimliche seines Schreibens: Obwohl Marías ausdrücklich Platz für Gedanken und handlungsphilosophische Abschweifungen fordert und dadurch immer weniger Plot benötigt, hält das bohrende Nachdenken dieses Autors die Spannung wach. In „Mein Herz so weiß“ (1992) erzielte er damit, zumal in Deutschland, einen sensationellen Erfolg (die Rede ist von 1,2 Millionen verkauften Exemplaren), den er mit dem Roman „Morgen in der Schlacht denk an mich“ (1994) in respektablem Umfang wiederholen konnte.

          Ein bekennender Shakespeare-Verehrer

          Seitdem allerdings sind seine Bücher dicker und seine deutschen Leser weniger geworden. Man liest es den Verkaufszahlen ab, man hört es am gereizten Ton der Rezensenten. Vielleicht ist es aber auch die konsequente Fortführung des Erzählprinzips, nicht mit Landkarte, sondern nur mit Kompass zu arbeiten, also nicht genau zu wissen, wo man ankommt, solange die ungefähre Richtung stimmt. Das sich selbst fortspinnende Räsonieren über unsere Wahrnehmung, unsere Blindheit, unsere Phantasien und unerschöpflichen Möglichkeitswelten ist, mit vollem Risiko, zum Markenzeichen des Erzählers Marías geworden. Das sukzessive Erscheinen seines 1600-Seiten-Romans „Dein Gesicht morgen“ (deutsch in drei Bänden zwischen 2005 und 2010) hat die Kritiker endgültig in Marías-Süchtige und Marías-Verächter geteilt. Es ist, hieß es in dieser Zeitung, „als wäre die Hecke zugewachsen, hinter der bei Marías die Prinzessinnen schlafen“.

          Ein wenig anders stellt sich die Sache im angelsächsischen Sprachraum dar, zu dem der bekennende Shakespeare-Verehrer schon immer eine besondere Affinität hatte: In England und Amerika ließen sich die Bücher dieses reflexionsbesessenen Autors erst spät, dafür aber umso sicherer verankern, und heute gilt Javier Marías nicht nur als einer der eigenwilligsten europäischen Schriftsteller, sondern auch als Kandidat für den Nobelpreis. „Pensamiento literario“, literarisches Nachdenken, nennt er seine Methode. Für wen, wenn nicht für die Schwierigen und Eigenwilligen sollte die literarische Königsauszeichnung da sein?

          Zurück zu den glasklaren Konstellationen früherer Romane

          In seinem neuesten, bisher nur auf Spanisch erhältlichen Roman „Los enamoramientos“ (wörtlich: Die Verliebtheiten, erschienen 2011 bei Alfaguara) wendet Marías seine Schritte zurück zu den glasklaren Konstellationen früherer Romane. Ein angeblich todkranker Mann lässt sich angeblich von seinem besten Freund umbringen, um sich sinnloses Leiden zu ersparen; die Ehefrau des Toten, die Erzählerin, erfährt sowohl von der Krankheit wie von der Bitte um Tötung erst nach der Tat. Soll sie dem angeblich besten Freund glauben? Und was bedeuten die Überlegungen des Dahingegangenen für jene, die zurückbleibt?

          Ein Schlüsseltext in dieser moralisch-amourösen Versuchsanordnung ist Balzacs Roman „Oberst Chabert“, der mit Kommentaren versehen, gleichsam in Marías' Roman zurückgeleitet wird. Es ist die tragische Geschichte eines hochgeachteten Mannes, der nach einer Schlacht, die ihn an den Rand des Grabes bringt, für tot erklärt wird. Seine mutmaßliche Witwe heiratet wieder, und die Wasser schließen sich über dieser unglücklichen Existenz. Balzacs Buch berührt eine der Kernfragen in Marías' Werk: Was geschieht, wenn die Toten wiederkehren und ihren Platz zurückfordern, den die Ehefrau längst schon an einen anderen vergeben hat? Würde jemand sie willkommen heißen, sie wieder aufnehmen in den Kreis der Lebenden? Eine unlösbare Frage, aber eine, die sich die beste Literatur vornehmen darf. Am heutigen Dienstag wird Javier Marías sechzig Jahre alt.

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