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Javier Marías : Der Filter der Phantasie

  • -Aktualisiert am

Erlegt sich beim Schreiben das gleiche Erkenntnisprinzip auf, das auch das Leben regiert: der spanische Schriftsteller Javier Marías. Bild: dpa

Tatsache oder Trugbild? Auf dem unscharfen Terrain des Erfundenen verschwimmt die Herkunft des Erzählten. Zum Glück: Denn die Wirklichkeit kommt mit bizarren Auflagen daher.

          8 Min.

          Es lässt sich schwer erklären, warum man so viele Stunden mit dem Schreiben verbringt. Noch schwerer vermutlich, wenn das Geschriebene erfunden ist oder, sagen wir, erdichtet. Denn entleiht man in dem Fall Elemente aus der Wirklichkeit, dann erzählt man sie nicht nur, wie sie waren, gibt die Tatsachen nicht nur wieder, wie sie geschahen, sondern schreibt sie Figuren zu, die es nie gegeben hat, baut oder bettet sie in eine durch und durch fiktive Geschichte ein, als wollte man das Geschehene aufweichen oder mit Fiktion infizieren.

          Viele Schriftsteller tun genau das Gegenteil. Sie geben ihren Romanen und Erzählungen explizit den Anschein der Realität, versuchen den Leser auf verschiedenste Weise davon zu überzeugen, dass ihre Phantasien keine solchen sind, sondern auf tatsächliche Ereignisse zurückgehen oder, wie es heißt, „auf eine wahre Geschichte“. „This is a true story“, liest man noch heute zu Beginn vieler Filme, ob im Kino oder im Fernsehen. In Spanien sagt man: „Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.“

          Immer wenn ich das höre oder lese, bin ich keineswegs beruhigt, interessiert oder gespannt, vertraue keineswegs darauf, dass man mir nichts Unsinniges, Beliebiges, Billiges, Wunderliches, keine unglaubwürdigen Zufälle vorsetzen wird, denke keineswegs, dass das, was ich sehen oder lesen werde, nun mehr Geltung oder Wahrscheinlichkeit besitzt, vielmehr überfällt mich ein Gefühl von Trägheit, von vorauseilender Langeweile, von Misstrauen und Ablehnung, von Argwohn, ja Skepsis. Der Gedanke, der mir dann kommt, ist ungefähr der folgende: „Was muss das für eine abwegige Geschichte sein, wie unwahrscheinlich, aberwitzig, willkürlich und billig, damit man sie mir, da sie in der Wirklichkeit geschehen ist, erzählen will und mir auch noch einredet, dass ich sie unbedingt glauben muss, bloß weil sie sich tatsächlich zugetragen und so stattgefunden hat, ob es mir gefällt oder nicht?“

          Die Wirklichkeit ist eine erbärmliche Schriftstellerin

          Im Gegensatz zu vielen anderen heutzutage, zu vielen Schriftstellern und Kritikern, die fasziniert sind von etwas hohlen, flachen Begriffen wie „Autofiktion“, „realem Erzählen“ oder „faction“ – die Verschmelzung von „fact“ und „fiction“ –, bin ich der Meinung, dass sich Wahres nur unter der eleganten, schamhaften Maske einer Erfindung erzählen lässt, weil sich derjenige, der erfindet oder dichtet – sofern er es gut und bedachtsam tut oder sich zumindest nicht dumm anstellt –, niemals den vulgären, bizarren Auflagen der Wirklichkeit beugen wird.

          Ich erinnere mich, dass ich vor einigen Jahren in einem Interview gesagt habe, dass die Wirklichkeit eine erbärmliche Schriftstellerin ist, weil sie weder auswählt noch ordnet oder dosiert; weil sie ohne Widerrede alle Zufälle schluckt – was bleibt ihr übrig, wenn sie doch in ihr geschehen –; weil sie alle Unwahrscheinlichkeiten hinnimmt, selbst solche, bei denen wir in einem Roman oder Film ärgerlich ausrufen würden „Komm schon! Wie unverschämt, wer soll das glauben?“, weil sie weder filtert noch verschweigt oder hinauszögert, wenn sie doch gerade filtern, verschweigen oder hinauszögern müsste; weil sie ohne weiteres imstande ist, ein Geheimnis oder einen Zweifel zu beseitigen und Ängsten den Boden zu entziehen; weil sie jeder Absicht entbehrt, schlimmer noch, jeden Stils; weil sie entweder keine Pausen kennt oder sie übermäßig in die Länge zieht, bis wir den Faden und das Interesse verloren haben; weil sie voller banaler Figuren und Situationen ohne jede Spannung ist und uns unaufhörlich mit überflüssigen, ja öden Einzelheiten versorgt, etwa mit dem kompletten Menü eines jeden Gastes im Laufe eines Mittagessens; weil sie auf alles mal allzu viel Licht, mal allzu viel Dunkel wirft, weshalb das, was eine Geschichte zu sein schien, gar keine mehr ist, denn man erfährt entweder alles auf einen Schlag, oder man hat keine Chance, etwas zu begreifen, je nachdem; weil es ihr oft an Rhythmus fehlt, sie voll toter Zeit ist oder die Ereignisse sich überschlagen.

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