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Milan Kundera 2005 in Spanien Bild: dpa

Milan Kundera zum 90. : Punkrock im Namen des großen Melancholikers

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Aus dem unruhigen Mitteleuropa: Verneigung eines tschechischen Kollegen vor dem großen Schriftsteller Milan Kundera, der heute neunzig Jahre alt wird.

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          Die Bibliothek meiner Eltern steht im Wohnzimmer. Nebeneinander schlafen hier die zerlesenen Klassiker der Weltliteratur von Dostojewski, Hemingway und Hašek, Kochbücher aus Böhmen, Mähren und aus der Slowakei, großformatige Bildbände, die an Urlaubsreisen im Riesengebirge, in der Hohen Tatra und an der Ostsee erinnern, und natürlich ein paar Bücher zur Geschichte und zur Eisenbahn.

          Doch wenn man eins dieser Bücher aus dieser Wand herausnimmt, eröffnet sich eine zweite, geheimnisvolle Welt. Aus dem Schatten treten die Romane und Erzählungen von Ivan Klíma, Josef Škvorecký oder Pavel Kohout. Allesamt besondere Ausgaben aus den Sechzigern, aus der viel zu kurzen Zeit des Prager Frühlings. Der Winter danach verbannte die Bücher und deren Autoren in dieses Versteck.

          Jaroslav Rudiš ist selbst tschechischer Schriftsteller.
          Jaroslav Rudiš ist selbst tschechischer Schriftsteller. : Bild: dpa

          Auch von Milan Kundera, der heute seinen neunzigsten Geburtstag feiert, findet sich hier bis heute noch ein Titel, „Das Buch der lächerlichen Liebe“, eine Sammlung seiner ersten Erzählungen, die er zwischen 1963 und 1968 geschrieben hat. Seine Geschichten mussten nach dem Einmarsch der Sowjets im August 1968 aus den Buchhandlungen und Bibliotheken verschwinden und wurden vernichtet. Zu regimekritisch, zu dekadent, zu erotisch, zu individualistisch und zu verführerisch waren sie für die prüde, graue, eiskalte Zeit der sogenannten Normalisierung des „Präsidenten des Vergessens,“ wie Kundera den späteren Parteiführer und Präsidenten Gustáv Husák in seinem Roman „Das Buch vom Lachen und Vergessen“ nannte.

          Die Welt aus ironischem Abstand

          Kundera schreibt gegen dieses Vergessen an. Und in seinen Geschichten kehrt er immer wieder in unser unruhiges Mitteleuropa der ewigen Zusammenbrüche und Umstürze zurück, und das nicht nur in seinem bekanntesten Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1984), der in Tschechien offiziell erst 2006 erschienen ist, in einer von Kundera nachbearbeiteten Fassung. Nur die wenigsten hatten die Chance, gleich an die kleine Erstausgabe von 1985 aus dem Exilverlag „68 Publishers“ von Kunderas Freund Josef Škvorecký in Toronto zu kommen. Andere lasen das Buch zuerst auf Englisch, Polnisch oder Französisch. Oder auf Deutsch, so wie ich. Doch das erst viel später.

          Ich weiß noch ganz genau, wie ich „Das Buch der lächerlichen Liebe“ zum ersten Mal in den Händen hielt. Es war im Sommer 1989. Damals bin ich gerade siebzehn geworden. Über Böhmen flüchteten die Ostdeutschen nach Ungarn und dann weiter über die offenen Grenzen nach Österreich, und ich war unglücklich verliebt. Am Abend betrunken und am Morgen verkatert. Und dann reiste ich zusammen mit Kunderas tragikomischen Helden in Wehmut und Trauer. Es heilte mich. Ich trank Sliwowitz mit der schönen Klára in der Erzählung „Niemand wird lachen“ und musste dabei doch lachen, ich saß im Café mit Martin, diesem traurigen Angeber und Pseudomacho, der nur von „Kontakttage“ und „Registrage“ besessen ist, wenn er eine schöne Frau sieht, und dabei nicht merkt, dass er schon viel zu alt und ziemlich lächerlich ist. Ich sah bei Alice „die fiktive Linie, die auf der Höhe des Bauchnabels gezogen war und die Sphäre der Unschuld von der Sphäre der Unzucht trennte“. Ich trank weniger und lernte viel von seinem ironischen Abstand, mit dem er die Welt beschreibt.

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