https://www.faz.net/-gr0-9lgms

Milan Kundera zum 90. : Punkrock im Namen des großen Melancholikers

  • -Aktualisiert am

Dann kam der Herbst. Die Ostdeutschen drängten in die Prager Botschaft der Bundesrepublik, und ich las kurz vor dem Mauerfall seinen Roman „Der Scherz“ von 1967, den ein Freund von mir in der Dunkelheit der zweiten Reihe der Hausbibliothek seiner Eltern fand. Ein großartiges Buch über die düsteren Jahre des Stalinismus in der Tschechoslowakei. Über den nach dem Kriegsgräuel vielleicht verständlichen, doch gefährlichen, schrecklich naiven Optimismus der jungen Kommunisten, zu denen Kundera kurze Zeit gehörte, bevor er aus der Partei rausgeschmissen wurde. Über die Genossen, die auf den Straßen für Stalin und Gottwald tanzten und sangen und fröhlich lachten und doch keine Scherze verstanden. Ein Roman über eine späte Rache im Bett.

Die Lust, die Peinlichkeit, die Leere danach

Ja, Kunderas Bettszenen: Die oft gespielte Unsicherheit der Frauen und der lächerliche Machismus der Männer, das komische, zögernde Ausziehen, die Treue und der Betrug, die Scham und die scheuen Blicke, die Lust und die Peinlichkeit und die Leere nach dem Liebesakt, alles fließt bei Kundera zusammen in ein einziges großes tragikomisches Gemälde. Und irgendwo spielt immer Musik, und draußen rollen die sowjetischen Panzer.

Jahre später, nachdem ich die ersten Geschichten und Romane von Kundera las, saß ich in der deutschen Hauptstadt, schaute aus dem Fenster auf ein schwarzes, abgebranntes Haus und schrieb an meinem ersten Buch „Der Himmel unter Berlin“. Auf meinem Tisch lag „Das Buch der lächerlichen Liebe“. Ich war wieder unglücklich verliebt und schrieb an meiner Geschichte über einen jungen Tschechen, der hofft, sich in Berlin neu zu finden, so wie ich gerade hoffte, mich selbst neu zu finden und dabei etwas von der Leichtigkeit des Erzählens bei Kundera zu haben. Von seinem ruhigen, distanzierten und doch so lebendigen Erzählton. Von seinem einzigartigen Spiel zwischen Ironie und Melancholie. Von der Musikalität seiner Sprache.

Und so kam es dazu, dass meine Helden eine Band namens U-Bahn gründen, die Punkrock spielt und neben den Ramones oder Sex Pistols auch Kundera als eins ihrer großen Vorbilder hat. Und die auf die Plakate schreiben „U-Bahn und die unerträgliche Bitterkeit des Seins“ und sich dabei Anerkennung und viele weibliche Fans, die Kunderas Bücher lieben, erhoffen. Der Sänger Pancho Dirk versucht es zwischen den Konzerten immer wieder mit „Kontakttage“ und ergänzt es noch um „Montage“, „Demontage“ und „Stand-by“, doch auch er ist zum Scheitern verdammt.

Sein Sprachwechsel hat mich ermutigt

Und auch bei meinem Roman „Winterbergs letzte Reise“, der vor einem Monat erschienen ist, musste ich an Kundera denken. Vor allem an unser Mitteleuropa zwischen West und Ost, das wieder zu verschwinden droht. An unser Mitteleuropa, das im Westen gerade wieder vergessen wird – denn was ist es schon anderes als ein Vergessen, wenn man über uns schon wieder fast nur als Osteuropa spricht und schreibt?

Kundera verließ 1975 die Tschechoslowakei, ging nach Paris und schrieb die letzten Romane auf Französisch. Darunter auch „Die Unwissenheit“, eines seiner schönsten, melancholischsten Bücher über die Unmöglichkeit der Rückkehr aus dem Exil, über das Leben zwischen zwei Welten und zwei Sprachen. Sein Sprachwechsel hat mich ermutigt. So habe ich jetzt meinen ersten Roman auf Deutsch verfasst.

Milan Kundera lebt heute zurückgezogen in Paris. In der Bibliothek meiner Eltern verstecken sich die Bücher von ihm, Pavel Kohout oder Ivan Klíma immer noch in der zweiten Reihe. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht liegt es an der unruhigen Atmosphäre in Mitteleuropa, vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten, die gerade wieder von Moskau ins Visier genommen werden. Mein Vater paraphrasiert dabei gern den Švejk. Er sagt immer, die Lage an der Front ändert sich in jedem Augenblick. Was bleibt, ist die Hoffnung. Und das Erzählen und die Bücher in unserer Schatztruhe. Auch die tollen Romane von Milan Kundera.

Weitere Themen

Das Theater als Fenster zur Welt Video-Seite öffnen

Spielplanänderung – Folge 8 : Das Theater als Fenster zur Welt

Zwei Männer stehen vor einem Fenster und beobachten eine Familie, dessen Kind ertrunken ist. Sie verzögern den Moment, der Übertragung der Todesnachricht. In der letzten Folge der Videoserie „Spielplanänderung“ betrachten wir das Fenster als Lebensgegenstand, als Fenster zur Welt.

Topmeldungen

Nimm hin das EU-Geld: Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Milliarden von der EU : Die Zeichen stehen auf Schuldenunion

Der Wiederaufbaufonds der EU setzt Fehlanreize – denn an Kontrolle und Tilgung gibt es kein Interesse. Für die Befürworter vergemeinschafteter Schulden ist das Kalkül.
Vom Enkel bis zum Rentner: Altersvorsorge ist ein Thema für das ganze Leben

Deutschland-Rente : Ein Aktienfonds für alle

Der Riester-Rente droht das Aus. Stattdessen könnte bald ein Konzept verwirklicht werden, das schwarz-grüne Regierungen mögen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.