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Debütroman von Jane Gardam : Wie kommt der Blitzkrieg in den Bärlauchwald?

Debütierte auf dem deutsche Buchmarkt mit 87: Jane Gardam. Bild: Getty

Jane Gardams wiederentdeckter Romanerstling „Weit weg von Verona“ schildert eine englische Jugend um 1940. Aber er fragt auch, was Jungsein überhaupt heißt. Die Geschichte der zwölfjährigen Jessica Vye ist furios.

          Tut, als wäre es wahr, ist aber alles gelogen! Voller Belanglosigkeiten, formlos, selbstverliebt, zu lang! Am besten vernichten! Gnadenlos donnert das Verdikt von Jessicas Lehrerin Miss Dobbs auf die Zwölfjährige nieder, dabei können wir uns ungefähr vorstellen, wie furios deren 47-Seiten-Aufsatz zum einfallslosesten aller Themen, „Mein schönster Ferientag“, war: Sein Inhalt gehört zum höchst amüsanten Auftakt von Jane Gardams Roman „Weit weg von Verona“. Darin tritt uns die wahlweise als „Grand Old Lady“ oder „erstaunlichstes It-Girl“ der britischen Literatur titulierte Schriftstellerin, die 1928 geboren wurde, in Deutschland lange nahezu unbekannt blieb und vor drei Jahren – dem Hanser Verlag sei Dank – mit ihrer Trilogie um die Leute von Old Filth auch bei uns Bestsellerlisten eroberte, noch frischer und frecher entgegen, als sie es ohnehin geblieben ist.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Fern von Verona“ ist Jane Gardams Erstling, 1971 erschienen und zuerst als Jugendbuch vermarktet. „Ich“ ist sein erstes Wort. Und das Wort hat eine eigenwillige Hilfspfarrerstochter, die sich immerzu sagen lassen muss, dass man Sätze nicht mit „ich“ beginne. Dabei ist sie doch schon im Alter von neun Jahren von dem vor Ort weltberühmten Literaten Arnold Hanger beim Namen genannt worden und hat eine Berufung zugesprochen bekommen: „Jessica Vye, du bist ohne jeden Zweifel eine echte Schriftstellerin.“

          So ist es. Denn Jessica hat den literarischen Charakterdefekt „unweigerlich immer und überall die Wahrheit zu sagen“, dazu die Fähigkeiten, das Erstaunliche im Alltäglichen zu sehen und es in Worte zu fassen. Dieses junge Alter Ego der Autorin – wie Jane Gardam wächst Jessica Vye in einem englischen Badeort auf – begleiten wir durch knapp vier Jahre, in denen der Zweite Weltkrieg über das fiktive Cleveland Sands zieht. Der Strand ist vermint, nachts kommen die Bomber. Aber über dem mal ferneren, mal näheren Grollen der Weltkatastrophe flattert mit quecksilbriger Lebendigkeit dieses Mädchen an der Schwelle zur Jugendlichen, das notiert: „Komisch, dass man die Luftangriffe tagsüber einfach vergisst.“

          Jessica ficht ihre eigenen Kämpfe aus: damit, dass sie angeblich keiner mag, dass sie drei Tadel an einem Tag kassiert (zu Unrecht!), und damit, dass sie selbst vieles als derart überwältigend wunderbar, verwirrend oder einschüchternd erlebt, dass sie gar nicht anders kann, als es abscheulich zu finden. Wodurch sie im ständigen Clinch mit sich selbst liegt, aber auch charmant böse Bekenntnisse für Teilzeit-Misanthropen raushaut wie: „Ich mag Leute, die dauernd Klavier spielen, eigentlich nicht so gerne. Sie haben so gemeine kleine Münder.“ Die Lehrerin Miss Phelomen, eine der phänomenal verschrobenen Helfergestalten in diesem an starken Frauencharakteren reichen Roman, sagt, das liege am Magen. Was ein sehr schönes Wort für Pubertät ist.

          Jane Gardam: „Weit weg von Verona, Roman, Aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Hanser Berlin Verlag, Berlin 2018, 240 S.; geb.; 22 Euro.

          Nicht, dass das große Schreckliche dadurch seinen Schrecken verlöre. Die Gasmaske liegt immer im Ranzen, alles ist rationiert, und Springseilreime der Kinder handeln von Hitler. Aber wer kann schon, zumal als Gerade-mal-Teenager, in ängstlicher Erstarrung verharren? Das Kunststück Jane Gardams liegt darin, dass es ihr gelingt, durch das Prisma des Schulalltags an Jessicas Highschool, ihrer Ausflüge mit anderen Mädchen und schließlich mit dem wunderbarsten aller Jungen Blitze des Blitzkriegs zucken zu lassen. Nicht als zeithistorisches Dekorationsgewitter, sondern um erhellende Momente zu markieren, in denen Jessica wächst.

          Da ist im ersten Abschnitt des in drei Teile gegliederten Romans die Begegnung im Bärlauchwald mit einem entflohenen italienischen Kriegsgefangenen, dem „Verrückten“, die als Verzauberung beginnt. Augenblicke später scheint das ganze Elend des geschlagenen Kämpfers für eine schlechte Sache als menschliche Tragödie auf. Und wieder Wimpernschläge darauf tritt ein „komisches Mögen“ in den Blick des Soldaten. Da wird es plötzlich sehr kalt und dunkel.

          Alles verändert sich unentwegt, auch weil es eine Frage der Perspektive ist. Mal direkt an den Leser gerichtet, mal in Form von Briefen, die Jessica empfängt, dann wieder in der von Briefen, die sie schreibt (und zur Hälfte zurückhält), immer in einer vor Ausrufen, Einschüben und Hervorhebungen in Großbuchstaben tanzenden Sprache, verlebendigt Jane Gardam, was es bedeutet, Jugendliche zu sein: in eine phantastische Welt ohne Sicherheiten einzutreten – voller unbekannter Gefahren.

          Diesen zeitlosen Aspekt an Jessicas Geschichte macht der Verlag stark, wenn er mit Titelbild und Klappentext jeglichen Hinweis auf ihre Handlungs- und Entstehungszeit vermeidet. Tatsächlich wirkt Jessica, obwohl Isabel Bogdans Übersetzung jede Anbiederung an allzu gegenwärtiges Deutsch vermeidet und obwohl ein Bombenangriff auf eine Arbeitersiedlung zu den zentralen Erschütterungen der Protagonistin gehört, erstaunlich heutig. Sie ist unabhängig und will keine Dame werden, sondern ein guter Mensch, sie lässt sich wenig sagen und erst recht nicht das Schreiben ausreden. Arnold Hanger soll recht behalten.

          Jane Gardam: „Weit weg von Verona“. Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2018. 240 S., geb., 22 Euro.

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