https://www.faz.net/-gr0-9qeae

Buch über deutsche Gegenwart : Willkommen im Land der Einzelkämpfer

  • -Aktualisiert am

Als sähen wir Deutschland zum ersten Mal: Jana Simon. Bild: Imago

Die „Wir schaffen das“-Zuversicht war einmal: Die Reportagen von Jana Simon zeigen, wie in Deutschland die Zukunftsangst wächst. Die Autorin befasst sich dabei auch mit der eigenen Profession.

          4 Min.

          Weltweit verschärft sich die politische Polarisierung. Dass auch Deutschland sich „radikal“ verändere, gar „eine allmähliche Zersetzung der Gesellschaft“ stattfinde, schreibt Jana Simon im Vorwort ihres glänzend recherchierten Buchs „Unter Druck“, das sich im weitesten Sinne der Mentalitätsgeschichte zurechnen ließe.

          Bei dieser Rahmung handelt es sich zwar ein Stück weit um eine Prämisse im Sinne von „Framing“, auch um eine geschickte Zweitverwertungsstrategie (drei der sechs Langzeitreportagen lagen Artikel für das „Zeit-Magazin“ zugrunde), aber die Aussage ist vom Material her tatsächlich gedeckt. Fünf der Protagonisten nämlich nehmen im Laufe der mehrjährigen Gespräche die Situation im reichen, demokratischen Deutschland immer stärker als Krisenszenario wahr. Sorgen und Ängste bestimmen zunehmend das Bild; ein Kollaps scheint ihnen möglich.

          In einem Fall werden solche Sorgen und Ängste ganz gezielt stimuliert, denn die mit Abstand meisten Seiten werden einer fünf Jahre überspannenden Nahaufnahme Alexander Gaulands eingeräumt. Simon fragt sich selbstkritisch, ob sie dessen Ansichten damit zu viel Raum gebe, zumal es an Texten über den AfD-Parteivorsitzenden, der Medienvertreter gern nah an sich heranlässt, nicht mangelt – erwähnt sei nur das aufschlussreiche Buch von Olaf Sundermeyer aus dem Jahr 2018. Auch hat man Gaulands gezielte Provokationen von der „Entsorgung“ türkischstämmiger Politikerinnen in Anatolien bis zur Relativierung des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ oft genug gehört.

          Dennoch war es richtig, den Text aufzunehmen, nicht nur, weil der Blick nach rechts in ein solches Buch unbedingt gehört, sondern vor allem, weil diese Langzeitbeobachtung sehr schön zeigt, wie der einst liberale Konservative, der sich stets als souveräner, unabhängiger Geist inszeniert, seinerseits zum Getriebenen wurde. Weil Gauland anders als viele andere Mitgründer der Alternative für Deutschland nicht von dem politisch schnell entgleisten Zug abspringen wollte, radikalisierte er sich immer weiter. Mit kontinuierlichen Verschiebungen der Grenzen des Sagbaren bestimmt und vergiftet er heute den Diskurs. Simons Urteil: „Am Ende bedeutet alles auf jede erdenkliche Art sagen zu können, eben auch jegliche Achtung, jeglichen Respekt vor den Andersdenkenden zu verlieren.“

          Das Porträt kann als komplexe Tragödie einer Verhärtung gelesen werden, die Simon aber nicht wie Sundermeyer vornehmlich auf eine Kränkung durch die CDU, Gaulands langjährige politische Heimat, zurückführt, sondern lediglich konstatiert. Dabei lässt sie ihrem Gegenüber die routinierten Ausreden freilich nicht durchgehen: Ob der Mut von Wehrmachtssoldaten durch Mitterrand oder Gauland hervorgehoben werde, sei „nicht dasselbe“: Mal „Geste der Versöhnung“, mal Brandrede. Unter Druck sieht Gauland übrigens nicht nur Deutschland (ganz AfD-konform durch Flüchtlinge und „Altparteien“), sondern – trotz allen Wahlerfolgen – auch die eigene Partei, die Anfang dieses Jahres zum Prüffall für den Verfassungsschutz wurde und durch den erstarkenden Rechtsaußen-Flügel bald vor der Spaltung stehen könnte. Wer die Geister des Umsturzes ruft, wird sie nicht mehr los.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vor dem CDU-Parteitag : Wer wird Kanzlerkandidat?

          In Leipzig wird das große Schaulaufen zwischen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz erwartet. F.A.Z.-Ressortleiter Jasper von Altenbockum verrät im Video die Chancenverteilung und wen man nicht vergessen darf.
          Das Geburtshaus Hitlers (rechts) wurde mit einer Entschädigung von 812.000 Euro von seiner vorherigen Eigentürmerin enteignet.

          Hitlers Geburtshaus : Braunau braucht einen neuen Frame

          Hitlers Geburtshaus wird nach den Plänen des österreichischen Innenministers eine Polizeidienststelle. So soll es einer Erinnerung an den Nationalsozialismus entzogen werden. Manche finden: Es gäbe bessere Optionen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.