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Israelische Schriftsteller : Kommt ein Pferd in eine Bar

  • -Aktualisiert am

Unruhige Zeiten: Der heftige Sandsturm über dem Ölberg in Jerusalem lässt sogar den Felsendom im Hintergrund fast verschwinden. Bild: UPI/laif

Warum dem Schriftsteller Etgar Keret das Lachen vergeht, sein Kollege David Grossman an traurige Comedians denkt und Meir Shalev lieber wilde Pflanzen in der Wüste züchtet: Israels Autoren und Künstler schützen sich mit Ironie vor dem Selbstmitleid.

          Sein Vater harrte sechshundert Tage in einem Erdloch aus, versorgt von einem Polen. Seine Mutter überlebte das Warschauer Getto. Etgar Keret und seine Geschwister haben, wie andere Kinder von Holocaust-Überlebenden auch, daraufhin Strategien entwickelt, um sich angesichts solch einer Vergangenheit in der Welt zurechtzufinden. Kerets Schwester wandte sich dem orthodoxen Judentum zu und lebt heute mit ihren zwölf Kindern in Mea Shearim, dem religiösen Viertel von Jerusalem. Kerets Bruder gehört zu den führenden linken Aktivisten, die gegen den israelischen Mauerbau entlang der Grenze zum Westjordanland kämpften. Und Etgar Keret selbst? Er wappnet sich mit einem absurd hintergründigen Humor gegen die Zudringlichkeiten der israelischen Gegenwart. Etgar Keret, achtundvierzig Jahre alt, zählt heute zu den bekanntesten Schriftstellern des Landes. Seine Geschichten, so ambivalent sie auch sind, skurril und manchmal böse im Ton, sind in Israel Schullektüre. Und sie sind über die Landesgrenzen hinaus populär - übersetzt in mittlerweile mehr als zwanzig Sprachen. Er ist der erste israelische Autor, dessen Werke ins Arabische übersetzt und in den palästinensischen Autonomiegebieten veröffentlicht wurden.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Humor sei seine Art, mit der Situation fertig zu werden, sagt der Schriftsteller, als wir in dem kleinen Café „Michal“ in der Rehov Dizengoff gleich um die Ecke seiner Wohnung in Tel Aviv beieinander sitzen. Gerade weil er in einem Land lebe, in dem sich viele Tragödien ereigneten, erlaube er sich jede Respektlosigkeit. Pathos lehnt er ab. Nur mit Ironie, sagt er, könne er sich gegen Selbstmitleid schützen. Das funktioniere wie ein Airbag: nicht als Selbstzweck, sondern als Reaktion auf einen heftigen Aufprall.

          Der unverkennbare Keret-Ton

          Doch während wir so sprechen, über Vergangenheit und Gegenwart, Ländergrenzen, Zweistaatenlösung, seine arabischen Freunde und die Frage nach Utopien am Strand von Tel Aviv, weicht der unverkennbare Keret-Ton dann doch immer mehr einem unerwarteten Ernst. Keret wirkt in diesen Tagen nicht weniger besorgt als viele seiner Landsleute. Auch wenn gerade keine Raketen fliegen, sagt er, sei es doch keine Frage: Israel befinde sich im Krieg. „Es ist ein Krieg innerhalb der Gesellschaft, und eine Lösung ist nicht in Sicht.“

          Insgeheim hatte Keret gehofft, seine Familie könne so etwas wie ein Modell für Israel sein. Denn obwohl seine Schwester es mit ihrem Glauben so ernst meint, dass sie ihren Kindern verbietet, seine Bücher zu lesen, und er wiederum sagt, keinen Gott zu haben, was seine Schwester verletzt, er sich aber auch nicht als links empfindet wie sein Bruder, all dieser Zwiste zum Trotz haben die Geschwister den Kontakt zueinander nie abgebrochen. „Aber was für die Familie gilt, ist für das Land offenbar nicht möglich“, sagt er.

          In Ratlosigkeit verfangen

          Wer dieser Tage nach Israel reist - Mitte März wird das Land Schwerpunkt der Buchmesse in Leipzig sein -, erlebt ein Land, das in Ratlosigkeit verfangen ist. In wenigen Wochen finden die Wahlen statt, und Israels Ministerpräsident Netanjahu lässt es sich nicht nehmen, mit einem umstrittenen Auftritt im amerikanischen Kongress auf Stimmenfang im eigenen Land zu gehen. Doch auch die anderen Parteien fahren lieber Ablenkungsmanöver, oder sie zerlegen sich gleich selbst. Der Friedensprozess ist auf Eis gelegt. Mit wem man auch spricht, wen man auch fragt, ob in Tel Aviv oder in Jerusalem, ob Schriftsteller, Gelehrte oder politische Funktionäre - allen steht die Ausweglosigkeit ins Gesicht geschrieben. Lasst uns lieber über meinen Garten reden, sagt der Romancier Meir Shalev bei einer Begegnung in der Lobby eines Hotels in Tel Aviv. Draußen in der Wüste, wo er lebt, züchtet er wilde Pflanzen. Wer will, kann auch dieses Paradox als Metapher verstehen.

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