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Literatur : Israelischer Schriftsteller Amos Oz gestorben

  • Aktualisiert am

Amos Oz, 4.5.1939 - 28.12.2018 Bild: EPA

Der weltweit bekannte israelische Schriftsteller und Friedensaktivist Amos Oz ist tot. Der langjährige Anwärter auf den Literaturnobelpreis starb im Alter von 79 Jahren, wie seine Tochter Fania Oz-Salzberger am Freitag auf Twitter schrieb.

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          Der israelische Schriftsteller Amos Oz ist tot. Er starb an diesem Freitag im Alter von 79 Jahren in Jerusalem, wie seine Tochter Fania Oz-Salzberger auf Twitter mitteilte.

          Amos Oz wurde als Amos Klausner am 4. Mai 1939 in Jerusalem im britischen Mandatsgebiet Palästina (1920-1948) geboren. Sechs Jahre nach der Staatsgründung Israels (1948) rebellierte der 15-jährige Schüler gegen das konservative Elternhaus und zog in den Kibbuz Chulda, wo er sich den hebräischen Namen „Oz“ (zu deutsch Stärke, Kraft) zulegte. Nach Abschluss der kibbuzeigenen Oberschule wurde er dort 1957 als Vollmitglied aufgenommen, ehe er bis 1960 seinen dreijährigen Wehrdienst ableistete. Anschließend studierte Oz an der Hebräischen Universität von Jerusalem (HUJI) Literatur und Philosophie bis zum Bachelor-Abschluss 1963 und kehrte dann nach Chulda zurück. 1969/1970 war er Gasthörer der Universität Oxford in England.

          Seit 1961 veröffentlichte Oz Kurzgeschichten, sein erster Romanbestseller gelang ihm 1968 mit „Mein Michael“. Nach dem Examen arbeitete er im Kibbuz-Kollektiv mit, unterrichtete an Oberschulen und schrieb. 1986 verließ er den Kibbuz und übernahm 1987 eine ordentliche Professur für Hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität in Beerscheba, wo er von 1993 bis 2005 den renommierten Agnon-Lehrstuhl für Moderne Hebräische Literatur innehatte. Literaturstipendien, Gastaufenthalte als „Writer in Residence“ und Lehraufträge führten ihn wieder nach Jerusalem (HUJI; 1975 und 1990), nach Tel Aviv (1996) und regelmäßig auch ins Ausland, vor allem in die Vereinigten Staaten.

          Gegen wachsende Militanz wie strikten Pazifismus

          Oz veröffentlichte über dreißig Bücher, darunter fünfzehn Romane sowie Erzählbände und Essays. Sein Werk wurde in 37 Sprachen übersetzt. International gilt er als wichtigster Repräsentant der israelischen Literatur und aufgrund seines politischen Engagements als einer der großen Friedensvisionäre seines Landes, der dort auch mit literarischen Arbeiten wegen ihrer zeit- und gesellschaftskritischen Bezüge teils heftige Kontroversen auslöste. Sein Lebenswerk wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt, zuletzt galt er immer wieder auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis.

          Den Nahostkonflikt, der seit der Staatsgründung Israels zu mehreren Kriegen mit den arabischen Nachbarn führte, erlebte Oz an vorderster Front mit. Während des Sechstagekrieges 1967, bei dem Israel unter anderem die palästinensischen Gebiete Westjordanland und Gazastreifen besetzte, kämpfte er in einer Panzereinheit auf dem Sinai und während des Jom-Kippur-Krieges 1973 auf den Golanhöhen. In diversen Aufsätzen sprach sich der moderat linke Zionist jedoch früh für einen Kompromiss mit den Palästinensern aus und wurde als einer der ersten israelischen Verfechter einer Zwei-Staaten-Lösung bekannt. 1967 war er Mitherausgeber des Dokumentationsbandes „Gespräche mit israelischen Soldaten“ und gehörte 1977 zu den Gründern der israelischen Friedensbewegung Schalom Achschaw (Frieden jetzt). Auch wenn er die wachsende Militanz der israelischen Gesellschaft scharf kritisierte, blieb er skeptisch gegenüber einem strikten Pazifismus. So verurteilte er die europäische Friedensbewegung für ihr Eintreten gegen den UN-mandatierten Golfkrieg nach der irakischen Besetzung Kuwaits 1990/1991. Vor der Knesset-Wahl 1992 bekannte sich Oz, der bis dahin die Arbeitspartei unterstützt hatte, zum linken Wahlbündnis Meretz, das eine schnelle Autonomie der besetzten Palästinensergebiete anstrebte. In Deutschland wurde er 1992 für sein politisches Engagement mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

          An alte Tabus gerührt

          Als politischer Journalist kommentierte Oz die zahlreichen Rückschläge im nahöstlichen Friedensprozess, die Aufstände der palästinensischen „Intifada“ und die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten. 2003 beteiligte er sich am Entwurf eines Friedensabkommens im Rahmen der privaten israelisch-palästinensischen „Genfer Initiative“, die jedoch keinen offiziellen oder bindenden Charakter hatte. Mit Autorenkollegen wie David Grossman und Eli Amir bildete Oz eine prominente Gruppe „kritischer Israelis“, die stetig an Einfluss verlor, während von 1996 bis 1999 und wieder ab 2001 die rechtsorientierte Likud-Partei oder ihre moderate Abspaltung Kadima das Land regierten. Ende 2008 gehörte Oz zu den Initiatoren der neuen Parteienverbindung Hatnua Hahadasha - Meretz (Neue Bewegung - Meretz), die bei der Knesset-Wahl 2009 allerdings mit 2,95 Prozent der Stimmen nur drei von 120 Sitzen gewann. Oz selbst hatte nach eigenem Bekunden kein politisches Amt angestrebt. Die Linke habe es sehr schwer, seit der Kadima-Gründer Ariel Sharon als Premier (2001-2006) den Gazastreifen räumen ließ und dennoch kein Frieden eingekehrt sei, resümierte Oz 2014.

          Von 1961 bis 1963 erschienen in der Literaturzeitschrift „Keshet“ erste Kurzgeschichten von Oz über das Leben im Kibbuz, dem auch sein Erzählband „Arzot Ha-Tan“ (1965; deutsch Länder des Schakals) gewidmet war. Die Bedrohung des von sozialistisch-zionistischen Idealen getragenen Kibbuzlebens durch Kleingeisterei, Missgunst und Egoismus im Innern und durch nationale Feinde von außen verarbeitete Oz in seinem Debütroman „Makom Acher“ (1966, deutsch 1976 als „Keiner bleibt allein“). Der Anpassungsdruck im Kibbuz wurde nach Kritikermeinung durchaus humorvoll, satirisch und mit spürbarer Fabulierlust behandelt. Im Jerusalem der fünfziger Jahre spielt dagegen sein zweiter Roman „Michael Scheli“ (1968; deutsch 1979 als „Mein Michael“), der in Israel zum Bestseller avancierte, aber auch umstritten war. An alte Tabus rührte damals die Geschichte einer vom Leben betrogenen jüdischen Ehefrau, deren sexuelle Fantasien um zwei schöne arabische Brüder kreisen, die Spielgefährten ihrer Kindheit, von denen sie durch politische Wirren getrennt wurde. Der Roman machte Oz auch im Ausland bekannt.

          Mit seinem Opus Magnum „Sipur Al-Ahava We-Choschech“ (2002; deutsch 2004 als „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“) gelang Oz aus Kritikersicht schließlich der Sprung in die Liga der „Weltliteratur“. Dem autobiographischen Roman, der Familiensaga und politische Historie verbindet, wurde eine große erzählerische Kraft attestiert.

          Jetzt ist Amos Oz einem Krebsleiden erlegen – ein halbes Jahr vor seinem 80. Geburtstag.

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