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Israelische Literatur : Kann ein Buch ein Leben retten?

Israelische Soldaten beim Rückzug aus dem Libanon im August 2006 Bild: Reuters

Der israelische Schriftsteller David Grossman wollte erzählend seinen Sohn beschützen. Er schrieb ein Epos über sein Land. Und - Weltliteratur

          7 Min.

          Es waren schöne sonnige Tage, als David Grossman und Zeruya Shalev im vergangenen Frühsommer zu den israelischen Literaturtagen nach Schloss Elmau gekommen waren, um, auf Einladung von Rachel Salamanders „Literaturhandlung“, aus ihren Romanen zu lesen. Das oberbayerische Elmau erscheint ja, gerade im Sommer, wie eine aus der Zeit gefallene Idylle; ein Ort am Fuß der Berge, von welchem aus man Wanderungen in die als Chalet getarnte alte Opiumhöhle von Ludwig II. in Schachen machen kann oder hinauf zum Wettersteinkamm.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch fällt geschichtsvergessen niemand aus der Zeit. Auch nicht in Oberbayern. Im Zug zurück nach München bemerkte David Grossman, dass er an solchen Orten die Vorstellung einfach nicht vertreiben könne, dass die Nazis in Waldschlössern dieser Art einst ihre Partys gefeiert haben. Zeruya Shalev fiel bei einem Nachmittagsausflug mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Eyal Megged, in Elmau vom Fahrrad, was ein kurzer, heftiger Schock war, weil sie seit dem Anschlag auf einen Bus in Jerusalem, bei dem sie vor fünf Jahren verletzt wurde, nicht mehr gestürzt war. Und dann gab es da das neue Buch von Grossman, „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, das soeben in Israel erschienen war und auf das man ihn kaum ansprechen wollte, weil man nicht wusste, wie; weil man befürchtete, nicht die richtigen Worte zu finden. Denn beim Schreiben, das wusste man, war dieser Roman aufs unerbittlichste von der Realität eingeholt worden. Die Idylle in Elmau war nur eine scheinbare, alle in ihr waren fragil.

          Die Vorahnung

          Grossman hatte im Mai 2003 mit seinem Buch begonnen, ein halbes Jahr bevor sein älterer Sohn, Jonathan, seinen Militärdienst beendete und ein halbes Jahr bevor der jüngere Sohn, Uri, einberufen wurde. Beide dienten beim israelischen Panzerkorps. Uri kannte die Handlung des Buchs und die Figuren gut. Wenn Vater und Sohn telefonierten und, vor allem, wenn er freihatte und für ein langes Wochenende nach Hause kam, fragte er, was inzwischen in der Geschichte und im Leben der Helden passiert war: „Was hast du ihnen diese Woche wieder angetan?“, fragte er. Die meiste Zeit seines Wehrdienstes verbrachte er in den besetzten Gebieten, bei Patrouillen, auf Beobachtungsposten, in Hinterhalten und an Checkpoints, und er erzählte dem Vater, was er dort erlebte.

          David Grossman

          Kann ein Buch ein Leben retten? David Grossman hat es gehofft. „Ich hatte damals das Gefühl – oder genauer gesagt, die Hoffnung –, dass das Buch, das ich schreibe, Uri schützen wird“, heißt es im Nachwort seines Romans, der von Beginn an anders sein sollte als seine vorhergehenden Bücher; anders als „Sei du mir das Messer“ oder „Das Gedächtnis der Haut“. Denn von seinen politischen Essays abgesehen, hat der 55-jährige Schriftsteller, der zu den größten in Israel gehört, lange versucht, gerade nicht über die erwartbaren „Unheilzonen“ zu schreiben, nicht über das, was man in Israel „ha-Mazaw“ nennt, „die Lage“. Vielmehr schrieb er über Dinge, die ihm nicht weniger wichtig erschienen: über Eifersucht, obdachlose Kinder in Jerusalem, über ein Paar, das sich eine Liebessprache erfindet.

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