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Stanislaw Strasburgers Roman : Last und Lust der Geschichte

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Die Abwehr orientalischer Piraten verlangte den Nordeuropäern alles ab: Philipp J. Loutherbourg d. J. malte diese Phantasie 1767. Bild: culture-images/fine art images

Die lustvolle Aneignung geschichtlicher Wirklichkeiten hat heute in Island reale gesellschaftspolitische Konsequenzen. Ein idealer Ansatzpunkt für einen Roman.

          Im Sitz des isländischen Parlaments wird eine Anfrage heftig debattiert. Die Inselbewohner sollten ihre Verteidigung endlich selbst in die Hand nehmen. Zumindest eine tüchtige Küstenwache müsse aufgestellt werden. Dazu gehöre natürlich auch die Finanzierung von Kriegsschiffen. Oder zumindest von Patrouillenbooten. Schließlich seien die Gefahren aus dem Mittelmeer noch lange nicht vorüber. Der Staat und seine Bürger müssten ja die Außengrenzen richtig kontrollieren können.

          Nein, es ist nicht das Jahr 2018. Die Anfrage kam vom dänischen König Friedrich III., und gemeint war die Gefahr der Piraten aus Algier und Salé. Im Jahr 1627 griffen sie Island an, entführten und versklavten etwa vierhundert Menschen. Trotz der fortwährenden Bedrohung und traumatischen Erinnerungen an die wenige Jahre zurückliegenden Angriffe fällt die Antwort verblüffend aus: Man bedaure es sehr, leider könne nicht einmal das kleinste Kriegsschiff angekauft werden. Die wohlhabenderen Insulaner würden es bevorzugen, der Sorge um ihre Nachkommen Rechnung zu tragen, indem sie diese lieber dabei finanziell unterstützen, sich im Ausland zu bilden. Nicht zuletzt deswegen, um zu vermeiden, dass „hierzulande alles in den Zustand der Barbarei verfällt“. Was die einfacheren Menschen betreffe, auch ihnen solle keine zusätzliche Steuerlast zur Finanzierung einer Küstenwache aufgebürdet werden. Das könne nämlich dazu führen, dass sie, in Armut gestürzt, „ihre mögliche Entführung durch die Piraten willkommen heißen, aus Abenteuerlust und in Vorfreude auf mögliche weitere Vorzüge“.

          Abenteuerlust?, frage ich mich, gewohnt, in ähnlichen Fällen mit Begriffen wie Opfer und Täter zu hantieren. Ich bin am Anfang meiner Schriftstellerresidenz in Reykjavík. Gunnar, eine Figur meines Romans „Schluchzend“, an dem ich gerade arbeite, kommt aus dieser Stadt. Seine Ur-urur-...-Großmutter ist eine der Entführten. Und wie der Zufall es so will, schreibt seine Beiruter Freundin Rania ihre Doktorarbeit gerade über diese Piraten. Die Arbeit geht schleppend voran. Ich helfe nach und mache die Feldforschung für Rania.

          Im Licht dieser Quellen wird die Abenteuerlust nachvollziehbar

          Es fügt sich gut: Vor Ort ist eine Fülle von Quellen erhalten geblieben. Heute würden wir sie Zeitzeugenliteratur nennen. Im Auftrag des dänischen Königs, der Bischöfe oder einfach aus Neugier wurden schon kurz nach den Entführungen Briefe, Berichte und Aufzeichnungen gesammelt.

          Im Licht dieser Quellen wird die Abenteuerlust nachvollziehbar. Über Algier und Umgebung lese ich zum Beispiel: „Die Qualität des Ackerbodens ist hier so gut, die Erde so reichhaltig und fruchtbar und die Vegetation so üppig, dass man halbjährig ernten kann. Auch das Vieh vermehrt sich zweimal schneller als bei uns. Nie schneit es, und das Gras muss nicht gemäht werden. Das Leben der Menschen gleicht hier einem Paradies auf Erden.“

          Eine derartige Beschreibung des Landes der, wie es damals hieß, „Heidentürken“ (heute würden wir Täter sagen) kann selbstverständlich nicht einfach so durchgehen. Der Chronist beeilt sich mit der Pointe: „Dafür sind wir diejenigen, die im Freudenreich im Himmel auf ewige Wonne hoffen können.“

          Kurz nach meiner Ankunft in Reykjavík lerne ich den renommierten Historiker Thorsteinn Helgason kennen. Wir verabreden uns in einem Büchercafé im Zentrum. Ich frage aufgeregt: „Wie kam es, dass aus einem militarisierten Volk, wie die Wikinger es waren, die Island im Mittelalter besiedelten, bereits Anfang der Neuzeit eine pazifistische Gesellschaft wurde, die Waffen und Krieg für Unsinn hielt?“

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