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Gespräch mit Irvine Welsh : „Ich führe einen Krieg gegen mich selbst“

Der schottische Schriftsteller Irvine Welsh Bild: Imago

Drogen, Gewalt, Organhandel und die Suche nach großen Gefühlen: „Die Hosen der Toten“ ist das letzte Buch der „Trainspotting“-Reihe von Irvine Welsh.

          4 Min.

          In seinem Roman „Trainspotting“ schuf der schottische Schriftsteller Irvine Welsh Anfang der neunziger Jahre mit dem heroinabhängigen Mark Renton und seiner kaputten Clique aus dem Arbeitermilieu in Edinburgh charismatische Verlierergestalten, die als Stellvertreter für eine ganze Generation von hoffnungslosen, desorientierten, überforderten jungen Männern wahrgenommen wurden. Ihr Leben war geprägt von Deindustrialisierung und Perspektivlosigkeit, von Drogen, Gewalt, Sex, Tod – und Fußball. Das war harter, roher und stets auch tragisch-komischer Stoff, der von Danny Boyle im gleichnamigen Film in die Kinos gebracht wurde. Die Geschichte „seiner“ Jungs sponn Welsh danach weiter, jetzt erscheint der letzte Teil der Reihe auf Deutsch: „Die Hosen der Toten“.

          Rainer Schmidt
          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          Die Hauptfiguren sind jetzt um die 50, Mark Renton ist mittlerweile international erfolgreicher DJ-Manager, der kriminelle Psychopath Franco Begbie anerkannter Künstler in den U.S.A., „Sick Boy“ betreibt einen Escort Service, „Spud“ bettelt auf der Straße. Renton will bei seinen Kumpeln alte Schulden begleichen, aber das ist schwerer als gedacht. Es geht, auch befeuert durch reichlich Koks und MDMA, um Wiedergutmachung und Rache, um schnellen Sex und die Suche nach größeren Gefühlen, um illegalen Organhandel und die Frage, ob man sich wirklich jemals ändern kann. Welsh jagt seine Protagonisten von einer aberwitzigen Situation in die nächste, das ist nicht immer zwingend, aber oft ans Slapstickhafte grenzend absurd lustig, manchmal brutal, und er lässt sie in einem stets groben, teilweise frauenverachtenden und immer wieder nicht nur latent homophoben Straßenslang reden, der aus der Zeit dadurch völlig gefallen wirkt. Oder vielleicht auch einfach extrem realistisch.

          In den Neunzigern standen die vier für eine ganze Generation. Mit 50 fluchen sie permanent, denken dauernd an Drogen und beurteilen Frauen meist nur nach ihrer sexuellen Verwendbarkeit. Stehen sie damit immer noch für eine Generation?

          Die Hauptfiguren sind typisch für eine bestimmte Entwicklung, sie kommen aus einer einst eng verbundenen, vormals industriell geprägten Community, die mit den Folgen des Wandels hin zu einer sehr individuellen Kultur heftig zu kämpfen hat. Alle befinden sich in einer existentiellen Krise, nicht nur in materieller Hinsicht.

          Aus einer modernen Perspektive leben Mark Renton, Franco Begbie, Spud and Sickboy auf einem alten Planeten: Sie wirken homophob, haben noch nie was von Feminismus gehört und reden sehr vulgär daher.

          Ja, aber das gilt nur für Situationen, in denen sie unter sich sind, und da ist es mehr wie ein eigener Code, da haben solche Sprüche ihre eigene Bedeutung. Das heißt nicht, dass sie mit anderen auch so reden. Wenn ein paar Kerle in den Pub gehen, dauert es ja meist nicht lange und sie fallen in ihren eigenen Slang. Das kennt jeder, wir reden privat anders als in Businesskreisen. Wir passen unsere Sprache unserer Umgebung an.

          Wie viel Freude haben Ihnen die Schimpforgien gemacht?

          Das war ein großer Spaß, sich wieder in die Gedanken- und Sprachwelt dieser Charaktere hineinzudenken. Man versucht, ihrem Wesen gerecht zu werden und sich dem nicht zu sehr in den Weg zu stellen. In meinem Leben bin ich sehr viel mehr PC, oder sagen wir eher: emphatischer und sensibler als die meisten meiner Figuren im Buch.

          Sie haben einmal gesagt: „Wenn man älter wird, wird es schwieriger, ein Bastard zu sein.“

          Als junger Mensch ist man viel öfter wütend und verurteilt Sachen schneller, später lernt man, wertzuschätzen, was man hat, und drängt nicht immer sofort zum nächsten Ding. Aber wenn man so wird und mehr Empathie empfindet, ist es schwerer, egoistisch und rücksichtslos zu handeln.

          Spüren Sie das als Autor auch? Im Buch merkt davon nichts...

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