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John Green im Gespräch : Das Internet lenkt ab vom Schmerz

  • -Aktualisiert am

Der amerikanische Autor John Green, 37 Jahre alt, ist ein Teenie-Idol. Bild: laif

Der Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ hat John Green berühmt gemacht. Jetzt kommt auch „Margos Spuren“ ins Kino. Warum stellen Jugendliche die klügsten Fragen? Was verbindet Internet und Roman? Ein Gespräch.

          Mr. Green, Sie sind ein bekannter Schriftsteller und zugleich im Internet ein Video-Star. Nun sind Internet und Literatur zwei sehr unterschiedliche Medien: Das eine ist auf Schnelligkeit und Interaktion ausgelegt, das andere, der Roman, eine notwendig einseitige Form der Kommunikation. Wie lebt es sich in diesen zwei Welten?

          Romane sind für mich nicht einseitig. Klar, ich schreibe lange vor mich hin, und dann lasse ich den Leser erst einmal allein mit dem Text. Aber er wird zum Ko-Kreativen: Er muss die Geschichte selbst erschaffen aus Zeichen auf Papier, die ohne seine Vorstellungskraft rein gar nichts aussagen. Filme nehmen dir viel mehr Arbeit ab, die Bilder zeigen, was du sehen, die Musik sagt, was du fühlen sollst. Bei Büchern muss der Leser alles selbst machen.

          Der Roman „Margos Spuren“, der im Original „Paper Towns“ heißt, war ihr drittes Jugendbuch. Jetzt kommt die Verfilmung ins Kino. Sie haben die Dreharbeiten begleitet, aber das Drehbuch nicht selbst geschrieben. Ist es Ihnen schwergefallen, die Geschichte loszulassen?

          Ein bisschen. Aber sobald ein Buch erschienen ist, ist es nicht mehr meine Geschichte, sondern sie gehört allen, und sie kann ohne mich weiterwachsen, größer und besser werden. Ich glaube, diese Einstellung habe ich auch durchs Internet gelernt, wo immer alles weiterwächst und zur Diskussion steht.

          Margo Spiegelmann, die Protagonistin des Romans, hat ja sogar einen eigenen Twitter-Account ...

          Ja, das habe ich auch gesehen! Ich kenne die Person, die dahintersteckt, nicht, aber sie gibt eine sehr überzeugende Margo ab.

          Cara Delevigne (l.) als Margo Spiegelman in „Margos Spuren“.

          Margo ist, wie fast alle Ihre Helden und auch die meisten Ihrer Fans, noch ein Teenager. Sie selbst sind inzwischen siebenunddreißig.

          Ich weiß, ich bin alt! Aber im Gegensatz zu vielen anderen Erwachsenen unterschätze ich Jugendliche nicht. Sie sind sehr interessiert und offen, und sie stellen die großen, existentiellen Fragen auf so grundsätzliche, leidenschaftliche Art, wie Erwachsene es verlernt haben.

          Verarbeiten Sie in Ihren Romanen auch Ihre eigene Jugend? Quentin, der männliche Held in „Margos Spuren“, der glaubt, in der wilden Nachbarstochter eine Gleichgesinnte gefunden zu haben, ist ein Außenseiter, der lieber am Computer spielt, als auf Partys zu gehen.

          Ja, da steckt viel von mir drin. Ich bin in Orlando, Florida aufgewachsen und war definitiv ein Nerd und oft einsam. Mädchen habe ich aus der Ferne angehimmelt und viel Zeit vor dem Computer verbracht. Mein Vater ist sehr technikbegeistert, so dass wir schon Anfang der Neunziger einen Internetzugang hatten - da war ich etwa dreizehn, mein Bruder Hank zehn. Damals bestand das Internet noch aus grüner Schrift vor schwarzem Hintergrund, aber man konnte sich bereits mit Gleichgesinnten austauschen.

          Literatur spielt in Ihrem Leben, Ihren Videos und auch in Ihren Büchern eine große Rolle. In „Margos Spuren“ geht es zum Beispiel viel um Walt Whitman und seinen Gedichtzyklus „Grashalme - Leaves of Grass“. Können Ihre jugendlichen Leser damit überhaupt etwas anfangen?

          Na klar, kann ich doch auch. Als ich Whitman gelesen habe, war er seit hundert Jahren tot, mittlerweile ist er seit hundertzwanzig Jahren tot, das macht keinen großen Unterschied. Womit jeder etwas anfangen kann, sind seine universellen Ideen. Wir alle kennen das Gefühl, mit anderen Menschen verbunden zu sein und uns gleichzeitig allein und unverstanden zu fühlen. Das ist immer noch relevant. Allerdings hätte ich vor sieben Jahren, als ich „Margos Spuren“ schrieb, niemals gedacht, dass es irgendwann von so vielen deutschen Teenagern gelesen werden würde. Aber es freut mich sehr, wenn sie Whitman und seine „Grashalme“ auf diese Weise kennenlernen.

          Seit Jahren wird gejammert, dass Jugendliche immer weniger lesen. Stimmt das überhaupt?

          Ich glaube das nicht. Um die Erwachsenen mache ich mir diesbezüglich viel mehr Sorgen. Die meisten, die in diesem Jahr Whitmans „Leaves of Grass“ lesen werden, sind Jugendliche. Weil sie es in der Schule durchnehmen. Nicht alle wird es interessieren, aber viele werden sich doch damit beschäftigen.

          Muss sich der Roman in Zeiten des Internets und immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen Ihrer Meinung nach verändern? Zum Beispiel durch neue Möglichkeiten zur Interaktion in E-Readern?

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