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Bruno Latour im Interview : Wir sind alle wie Trump

Bruno Latour, Anfang Mai 2018 in Berlin Bild: Andreas Pein

Der französische Soziologe Bruno Latour war schon immer gut darin, scheinbar unvereinbare Dinge zusammenzubringen: Ein Gespräch über Klimawandel, Heimat und Globalisierung – und ein neues politisches Denken.

          Vor 40 Jahren zeigte er, dass sich naturwissenschaftliche Forschung nicht von ihrem gesellschaftlichen Kontext trennen lässt; 1991 beschrieb er in seinem Buch „Wir sind nie modern gewesen“, wie illusorisch die Unterscheidung von Mensch und Natur ist, die dem Glauben an den Fortschritt zugrunde liegt, und forderte ein „Parlament der Dinge“. Und heute, da sich leider kaum noch übersehen lässt, wie der Mensch die Natur beeinflusst und die Umweltbedingungen das Schicksal der Menschen prägen, ist sein hybrides Denken so zeitgemäß wie nie. Davon zeugen auch die vielen Besucher, die Ende vergangener Woche seinen Vortrag im Berliner Haus der Kulturen der Welt hören wollten. Am Tag danach steht er fürs Interview bereit. Die Sonne scheint, die Luft ist klar, die Vögel zwitschern. „Es ist, als würde nichts passieren“, sagt Latour.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Phänomen des Klimawandels. Für Sie ist der Klimawandel nicht nur eine ökologische Frage, sondern die Ursache für viele andere politische Probleme, etwa für Migration und Ungleichheit. Wie hängt das zusammen?

          Der Beginn der Politik der Deregulierung, die Margaret Thatcher und Ronald Reagan im großen Stil vorangetrieben haben, fällt mit der wissenschaftlichen Entdeckung des Klimawandels zusammen. Meine eigene, etwas eigensinnige Interpretation ist, dass einige Leute bemerkt haben, dass die Transformation des Klimas gravierend ist, und sich entschieden haben, vor den Konsequenzen zu fliehen, statt etwas dagegen zu tun. Etwa ab 1995 wurde die Frage des Klimas zur politischen Trennlinie. Ab dieser Zeit endet die parteiübergreifende Gesetzgebung beim Thema Klimawandel; und diejenigen, die sich dem Problem nicht stellen wollen, beginnen, es zu leugnen. Auch diese Leute haben gemerkt, dass der Klimawandel wichtig ist, aber sie behaupten, er existiert nicht. Das ist absurd, aber es ist eine verständliche Reaktion auf die ökologische Krise. Der bisherige Höhepunkt dieser Haltung war Donald Trumps Rückzug aus dem Übereinkommen von Paris im vergangenen Jahr. Damit sagte er explizit: Wir teilen nicht das Schicksal einer Welt, in der der Klimawandel passiert.

          Sie sprechen von einer Politik der „Eliten“ und der „führenden Klassen“. Das klingt fast wie eine Verschwörungstheorie. Es ist überraschend, so etwas von dem Mann zu hören, der für die Akteur-Netzwerk-Theorie bekannt ist, der so etwas wie ein autonom handelndes Subjekt eigentlich fremd ist.

          Es ist eine Dramatisierung eines anderen Problems, nämlich der Frage, was die Leute mit all den Nachrichten über den Zustand unseres Planeten anfangen. Seit dreißig Jahren schreiben Wissenschaftler über den Klimawandel, und das wird jeden Tag noch intensiver. Das kann man nicht ignorieren. Man kann sich nur der Realität verweigern. Deshalb hat Trump sein ganzes Umweltministerium um die Leugnung des Klimawandels herum organisiert und die Mittel für Wissenschaftler gekürzt. Es geht nicht einfach um eine Frage der Ökologie, sondern um die Kernthemen der Politik. Wir nehmen nur einen Teil der Probleme wahr, etwa die Migration, die meiner Ansicht nach nur ein Stellvertreterproblem ist.

          Simulation einer „Mars City“: „Das ist eine zu extreme Form des Futurismus für sehr wenige sehr reiche Leute. Musk kann nicht neun Milliarden Menschen auf den Mars fliegen“, sagt Bruno Latour.

          Steht Trumps erratische Politik wirklich für eine allgemeine Tendenz? Glauben Sie, dass seine Politik gegen die Kräfte der Globalisierung viel ausrichten kann?

          Es ist auf jeden Fall ein einzigartiges Ereignis. Auch wenn es keine Folgen haben wird: In zwei Jahren wird es hoffentlich einen anderen Präsidenten geben, aber es dauert vier Jahre, bis man aus dem Übereinkommen rauskommt. Trotzdem ist es, auf rechtlicher, diplomatischer und geopolitischer Ebene, die explizite Erklärung, dass die Vereinigten Staaten die Sorgen der restlichen Welt nicht teilen. Ich nehme das sehr ernst.

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