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Buch über Fehlgeburt : Er hat gelebt

  • -Aktualisiert am

Die amerikanische Journalistin und Buchautorin Ariel Levy Bild: David Klagsbrun

Die amerikanische Journalistin Ariel Levy hat ein Buch über ihre Erfahrung einer Fehlgeburt geschrieben: „Gegen alle Regeln“. Im Gespräch erklärt sie, warum das einfach notwendig war, was an diesem Memoir feministisch ist und wie Rituale Schmerz lindern können.

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          Um Ariel Levy zu besuchen, muss man in New York in den Jitney steigen, in die Hamptons fahren und von dort aus mit einer winzigen Fähre nach Shelter Island übersetzen. Man bezahlt einen Dollar an den Kapitän und teilt sich für zehn Minuten das kleine, sanft wankende Schiff mit verbeulten Pick-up-Trucks, Kombis und Leuten, die nicht so aussehen, als hätten sie irgendetwas mit den Hamptons zu tun. Der Kontrast zu den yachtbestückten Häfen und protzigen Glaskästen von South Hampton ist groß, auch hier säumen Sandstrände die Küste, aber die Natur hat die Oberhand, man geht zwischen zerklüfteten Felsen und riesigen Bäumen an Land. Nach fünfzehn Minuten auf der Hauptstraße der Insel steht man vor einem unauffälligen Haus, das, wie die meisten hier, mit graubraunen Schindeln verkleidet ist. Hier wohnt die Autorin, die für ihre halsbrecherischen Reportagen und eigenwilligen Porträts für den „New Yorker“ bekannt ist, und für „Female Chauvinist Pigs“, eine feministische Polemik, die 2005 erschien. Jetzt ist ihr neues Buch „Gegen alle Regeln“ erschienen, ein Memoir, in der es um ihre Fehlgeburt geht, um ihr Leben davor und danach und um die Frage, ob wir wirklich alles haben können.

          Manhattan, Shelter Island – haben Sie eine Vorliebe für Inseln?

          Ich bin im Staat New York aufgewachsen, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, und wenn man von dort kommt, ist es nicht ungewöhnlich, in die Stadt ziehen zu wollen. Das hier ist das Haus aus dem Buch. Ich habe es von meiner Exfrau gekauft. Sie musste es verkaufen, und das ist nicht einfach hier. Sie war froh darüber.

          Hat es sich so angefühlt, als wären Sie in Ihr altes Leben zurückgekehrt, vor Ihrer Fehlgeburt, vor der Alkoholkrankheit Ihrer Exfrau Lucy?

          Wir waren nur sieben oder acht Monate getrennt, das Haus und ich. Natürlich vermisse ich Lucy manchmal und denke an die Zeiten, in denen unser gemeinsames Leben gut war, aber das geht mir auch an vielen anderen Orten so.

          Sie sind eine erfahrene Journalistin, für den „New Yorker“ porträtieren Sie häufig Frauen, denen die Adjektive „stark“ und „ungewöhnlich“ zugeschrieben werden. Nun also ein Selbstporträt. Ist es seltsam, auf der anderen Seite zu stehen?

          Nicht wirklich. Es geht bei dem, was ich veröffentliche, um andere Leute, aber seit ich ein kleines Kind bin, schreibe ich in einem Tagebuch an mich selbst und über mich selbst. Das ist natürlich etwas völlig anderes. Wenn man in ein Tagebuch schreibt, kotzt man die Wörter so raus, bei einem Buch muss das Augenmerk dem Handwerk gelten. Aber es geht um dieselben Fähigkeiten: Eine Struktur zu finden und Charaktere echt erscheinen zu lassen. Durch das Tagebuchschreiben bin ich es gewohnt, eine Konversation mit mir selbst zu führen. Schon bevor ich Journalistin wurde, war ich im Schreiben in ständiger Unterhaltung mit mir selbst.

          Eine Begegnung auf Shelter Island: Ariel Levy
          Eine Begegnung auf Shelter Island: Ariel Levy : Bild: David Klagsbrun

          Im „New Yorker“ schilderte Levy 2013 in ihrem Essay „Thanksgiving in Mongolia“ zum ersten Mal die Szene, die das Kernstück ihres Buches ausmacht. Die Autorin ist im fünften Monat schwanger, der Samenspender ist ein guter Freund, und das Kind wollen sie und Lucy gemeinsam aufziehen. Sie fliegt für eine Reportage in die Mongolei. Dort, in einem Hotelzimmer, wird ihr Sohn geboren – und lebt nur wenige Stunden. Begriffe wie „Fehlgeburt“ und „Totgeburt“ erscheinen ihr mit einem Mal unzulänglich.

          Sie sagen, „Thanksgiving in Mongolia“ kam Ihnen „einfach aus den Fingern“. Hätten Sie es auch nur für sich geschrieben?

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