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Judith Hermann im Gespräch : Ich bin von jeder Ankunft weit entfernt

Fühlt sich vogelfrei: Die Schriftstellerin Judith Hermann Bild: Gaby Gerster/laif

Für ihren Roman wurde sie heftig kritisiert. Jetzt hat die Schriftstellerin Judith Hermann neue Erzählungen geschrieben. Ein Gespräch über das Erwachsenwerden, aufgebrachte Kritiker und über ihre Entscheidung, sich rauszuhalten.

          7 Min.

          Kann es sein, dass man die Leute aus Ihren neuen Erzählungen schon sehr lange kennt? Es sind zwar nicht die Figuren aus „Sommerhaus, später“, dem Buch, mit dem Sie 1998 berühmt wurden. Aber könnten es nicht deren Freunde sein?

          Julia Encke

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es sind Leute, die damals Mitte zwanzig waren und inzwischen Mitte vierzig sind, durchaus auch die Figuren aus „Sommerhaus, später“ zwanzig Jahre danach: jetzt. Offenbar ist es so, dass ich über die Jahre an ein und derselben Geschichte schreibe oder über dieselben Menschen in den verschiedenen Phasen ihres Lebens. Eigenartigerweise empfinde ich das oft als eine Schwäche, vielleicht schreibe ich, um diese Schwäche in eine Stärke umzuwandeln. Ich denke, etwas anderes könnte ich nicht – oder besser, etwas anderes interessiert mich nicht so sehr, dass ich mich trauen würde, daraus eine Geschichte zu machen. Ich kann nicht recherchieren und aus Recherche einen Text machen. Ich denke, ich kann diese eigenartige Entwicklung beschreiben, die ich mache, die wir machen, ich kann von Menschen erzählen, die ich kenne, mit denen ich mein Leben verbringe.

          Die Schriftstellerin Monika Maron, mit der Sie befreundet sind, hat über „Sommerhaus, später“ geschrieben, dass, was die Figuren vereint hat, eine Sehnsucht war, die ihren Gegenstand nicht kannte. Das sei es auch gewesen, was so viele Leser in den Bann geschlagen hat – viel mehr als der „Sound einer Generation“, von dem oft die Rede war. Sehen Sie das auch so?

          Alle Figuren hatten diese Sehnsucht, ja. Allerdings sind sie davon ausgegangen, dass sie sich irgendwann erfüllen, dass es eine Art der Ankunft geben würde, so etwas wie eine Ankunft im wirklichen Leben. Die Figuren jetzt haben begriffen, dass diese Sehnsucht nicht erfüllbar ist. Man wird sie immer haben, je nach Lebensalter widmet sie sich einem anderen Sujet, aber sie ist immer da – es wird keine gestillte Sehnsucht geben. Mir selber ging das auch so. Ich dachte, wenn ich in diesem Alter sein werde, in dem ich jetzt bin, werde ich in einer bestimmten Hinsicht – angekommen sein.

          Und?

          Es kommt mir von heute aus gesehen geradezu verrückt vor, das angenommen zu haben. Natürlich ist es völlig anders, natürlich bin ich von jeder Ankunft weit entfernt.

          In Ihrem Roman „Aller Liebe Anfang“, der vor zwei Jahren erschienen ist, saß die Hauptfigur Stella mit ihrem Mann im geschmackvoll eingerichteten Einfamilienhaus, brachte das Kind zur Kita, ging zur Arbeit, jeder Tag war gleich. Es ging um das „fertige Leben“ derer, denen im aufregenden Berlin der neunziger Jahre noch alles offenstand. Ist dieses Leben immer mit Resignation, Frustration oder dem Gefühl verpasster Chancen verbunden?

          Nicht notwendigerweise, nein. Es ist eher mit so etwas wie Einsicht verbunden, mit Sichfügen, das muss nicht resignativ sein, und es ist nicht unbedingt dasselbe wie eine verpasste Chance. Die Figuren heute können sich sehr viel mehr auf das einlassen, was da ist. Sie können gegenwärtiger sein, scheinbar Kleines viel eher schätzen. Die Figuren in „Sommerhaus, später“ haben immer alles, was da war, erst mal beiseitegeschoben. Sie haben gedacht, das eigentlich Tolle, das ganz große Ding käme erst noch.

          Im neuen Buch steht auch das „fertige Leben“ auf dem Spiel. Es geht um eine Phase, in der das, was etabliert zu sein scheint, wieder zusammenbrechen kann oder tatsächlich zusammenbricht.

          Meine Figuren sind ziemlich selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie irgendwann in einen Lebensraum kommen würden, in dem die Dinge einen endgültigen Bestand hätten – eine selbstgewählte Ordnung. Und dann wird man älter und stellt zwanzig Jahre später fest, dass es eine tägliche Ordnung gibt, aber gleichzeitig auch das Wissen darum, dass sie einstürzen kann, von einem auf den nächsten Moment und durch verschiedenste Einflüsse jeglicher Art.

          Insofern gibt es das „fertige“ Leben nicht: Menschen sterben, Paare trennen sich, ein Mann, mit dem man zusammen war und ein Kind hat, hat jetzt eine neue Freundin und neue Kinder und ist überhaupt plötzlich ein völlig anderer.

          Es gibt diesen Kreidekreis, den man um ein Haus aus Pappe ziehen kann. Magisches Denken. Mehr kann man nicht tun, einen bestimmten Grad der Veränderung hat man eben nicht in der Hand. Und trotzdem ist es gut, diesen Kreidekreis zu ziehen. Ich würde nicht darauf verzichten wollen.

          Mir haben in diesen neuen Geschichten besonders die Augenblicksbeschreibungen gefallen, weil sie eine besondere poetische Kraft haben. Es geht um Momente, durch die im scheinbar festgefügten Leben sich neue Räume öffnen. „Papierflieger“ heißt eine Erzählung: „Nick hält den Papierflieger hoch, er sagt, wenn du schnell wirfst, wenn du – sofort wirfst, kannst du die Schwerkraft für einen Moment überwinden. Drei Sekunden Gleitphase. Dann musst du segeln.“ Geht es insgesamt darum, die Schwerkraft mit literarischen Mitteln zu überwinden?

          Oh, jetzt muss ich aufpassen. Die Geschichten sind ja sehr offen, es ist schwierig für mich, genau diese Momente zu definieren...

          Interessieren Sie sich für solche Momente?

          Für genau diese Momente, ja. Ganz kleine Augenblicke, in denen sich diese Komplexität des Alltags in einem kurzen, präzisen und poetischen Bild sammelt. Aufleuchtet und wieder erlischt. Wie beim Papierflieger: Du musst loslassen, und du musst dafür genau den richtigen, den einzig möglichen Moment finden, dann kann der Papierflieger die Schwerkraft überwinden. Wenn man will, könnte man das als eine Metapher nehmen – eben nicht fürs große Ganze, aber für einen Moment der Emotion, für eine Haltung, die du gegenüber dem Leben, in dem du mit Mitte vierzig plötzlich gelandet bist, annehmen könntest.

          „Ich erinnere mich an mich selber als eine schreibende Person überhaupt nicht“: Judith Hermann.
          „Ich erinnere mich an mich selber als eine schreibende Person überhaupt nicht“: Judith Hermann. : Bild: Ullstein

          Die Momente erschließen sich beim Lesen von selbst. Man denkt eben nicht, wie Sie es jetzt erklärt haben, man schlüsselt es nicht psychologisch auf, jedenfalls nicht unmittelbar. Man denkt nicht: Der sagt das jetzt, weil er sagen will, dass sie loslassen muss. Man versteht es trotzdem.

          Das ist genau das, was ich beim Schreiben versuche: bewusst so wenig wie möglich zu denken. Klingt komisch, aber ich kann es nicht anders sagen – ich will mich schreibend nicht überprüfen, ich will nicht taktisch sein. Ich empfinde das – dass es für dieses Bild mit dem Flieger eine Entsprechung gibt. Ich glaube an diese Entsprechung, ich möchte sie festhalten und in der Geschichte aufheben.

          War das in „Sommerhaus, später“ auch schon so?

          Ich erinnere mich an mich selber als eine schreibende Person überhaupt nicht. Kaum – oder selten. Das ist etwas Eigenartiges. Ich kann mich an das Schreiben der allerersten Geschichte erinnern, das war „Rote Korallen“. Und vielleicht war das ein Schritt in einen Bewusstseinszustand, aus dem ich danach dann gar nicht mehr rausgegangen bin, vielleicht kann ich mich deshalb an den Rest der Schreibphasen so schlecht erinnern. Ich sehe mich manchmal von außen – dieses Buch habe ich an diesem Tisch und das andere an jenem geschrieben, dieses im Sommer und jenes im Winter. Mehr weiß ich nicht – aber ich weiß, dass damals schon jede Geschichte ein Zentrum hatte und dass dieses Zentrum aus einem ganz schlichten Satz oder aus einem einzigen Bild bestand. Nachträglich sind diese Sätze und Bilder als solche nicht mehr unbedingt so wahrnehmbar, sie fallen nicht unbedingt auf. Man sollte über sie auch eigentlich gar nicht sprechen. Man entzaubert sie sonst.

          Sie haben nach dem Roman wieder Erzählungen geschrieben. Haben Sie sich in der Form des Romans nicht so wohl gefühlt?

          Der Text entscheidet das für sich: Will er eine lange Strecke machen? Oder kurz sein, knapp, kühl. Ich habe es durchaus als sehr erleichternd empfunden, nach dem Roman wieder zu Erzählungen zurückkehren zu können, als geradezu befreiend eigentlich, sicher lag das auch an der Handlung von „Aller Liebe Anfang“, am klaustrophobischen, bedrohlichen Sujet.

          Sie haben sich, bei dem unglaublichen Erfolg, den Sie von Beginn an hatten, von Ihren Kritikern einiges anhören müssen – meist von Männern. Das fing mit Marcel Reich-Ranicki an, der Sie im „Literarischen Quartett“ sehr lobte, der Ihnen aber auch prophezeite, dass Ihre literarische Kreativität versiegen werde, wenn Sie ein Kind hätten.

          Das hat er nicht öffentlich, er hat es persönlich gesagt, in einem persönlichen Gespräch. Wir sind uns ein einziges Mal begegnet, zu einem nachmittäglichen Kaffeetrinken mit mehreren Leuten in einem Restaurant, irgendwo in Berlin-Mitte, sehr freundlich alles. Und ich habe eine heiße Schokolade getrunken. Ich werde diese heiße Schokolade nicht vergessen, weil Reich-Ranicki sie für mich bestellt hat, ohne mich zu fragen, sehr autoritär, eine Feststellung: „Das Kind trinkt eine heiße Schokolade!“ Ich war achtundzwanzig Jahre alt.

          Das hatte er beschlossen?

          Ja, das hatte er beschlossen, und ich hab’ nicht widersprochen, ich hab’ sie gerne getrunken, auch wenn ich selber nie darauf gekommen wäre, mir eine heiße Schokolade zu bestellen. Er fand mich offenbar kindlich, und wahrscheinlich war ich das auch. In diesem Gespräch an diesem Nachmittag ging es auch um Kinder, kann sein, dass es um Ingeborg Bachmann und ihre Kinderlosigkeit ging, um Frauen und Kinder im Allgemeinen. Und da fiel dann dieser Satz: Ich solle mir gut überlegen, ob ich Kinder haben wolle, denn wenn ich welche bekäme, wäre es mit jeglicher Kreativität vorbei. Als ich ein halbes Jahr später schwanger wurde, musste ich natürlich daran denken. Als ich mein zweites Buch schrieb – mein Sohn war ein Baby–, musste ich daran denken. Vielleicht muss ich bis heute daran denken. Was soll man dazu sagen?

          Wie haben Sie damals reagiert?

          Gar nicht. Ich habe es so gemacht, wie meine Figuren es manchmal machen: Ich hab’ den Satz in die Tasche gesteckt. Ich hab’ ihn mir für später aufgehoben, ich hab’ ihn mir gemerkt.

          Ihr Roman wurde heftig angegriffen. In dieser Zeitung stand, Sie könnten nicht schreiben, und in der „Welt“ wurden Sie zurechtgewiesen, Sie sollten sich nicht anmaßen, Patricia Highsmith zu sein. Warum haben sich Ihre Kritiker so herausgefordert gefühlt?

          Mir hat mal eine Buchhändlerin einen Satz gesagt, den ich mir genau so aufgehoben habe wie diesen Satz von Marcel Reich-Ranicki. Sie sagte: „Aller Liebe Anfang“ erzählt von einer Frau, die geht. Von einer Frau in den mittleren Jahren, die geht – und damit hätten Männer ein schweres Problem. Ich fand das ziemlich einleuchtend, erstaunlich und schön. Dieses Gehen der Hauptfigur Stella aus ihren Verhältnissen heraus ist autonom, es berücksichtigt am Ende niemanden mehr außer ihr selbst, außer Stella ganz allein. Dieses versteckte Autonomiebedürfnis ist vielleicht das Provokative gewesen. Aber alles in allem glaube ich, dass es, wenn die Kritik so harsch und heftig wird, mehr um meine Person geht als um meine Bücher.

          Aber Sie treten doch kaum öffentlich in Erscheinung.

          Vielleicht gerade deswegen?

          Sie machen nicht mit.

          Ich halte mich raus, ja. Ich nehme mal an, dass das reizen kann.

          Erfordert es eine besondere Energie, sich rauszuhalten?

          Schon. Ich glaube, ich brauche so lange Abstände zwischen meinen Büchern, um in meine Verhältnisse zurückgehen zu können, zu mir selber. Um mich auszuruhen. Ich merke, dass der Abstand jetzt für meine Begriffe ziemlich kurz ist – dass ich noch nicht so ganz bei mir angelangt war und schon wieder los muss. Und trotzdem ist es auch gut, den Rhythmus zu brechen.

          Hat der kürzere Abstand etwas damit zu tun, dass Sie nach der heftigen Kritik erst recht und schnell weitermachen wollten? Man kann sich ja anders nicht wehren.

          Vielleicht könnte man sich wehren? Macht man aber nicht, man tut es nicht. Es ist in diesem System nicht vorgesehen, dass ich mich hinsetze und eine Antwort formuliere, dass ich reagiere. Die Erzählungen waren in meinem Kopf, als ich den Roman geschrieben habe, es wäre schwachsinnig gewesen, sie zu verschieben. Aber es gab durchaus die Frage, wie das interpretiert werden würde, nach relativ kurzer Zeit wieder Erzählungen zu veröffentlichen.

          Sie hatten Bedenken, dass es als ein mögliches Eingeständnis verstanden werden könnte: Jetzt hat es mit dem Roman nicht so gut geklappt, also schreibe ich wieder Erzählungen.

          Ich habe darüber nachgedacht, ja. Wissen Sie, es sind exakt solche Überlegungen, die ich lieber ausschließlich mit mir selber verhandele, in „meinen Verhältnissen“, für mich. Vielleicht ein Reflex aufs System? Ein Selbstschutz. Wir können uns darauf einigen, dass genau diese eine Kritik, von der Sie gesprochen haben, mich zu dem Schluss hat kommen lassen: Das ist total egal. Es ist schnuppe. Ich kann meine Erzählungen jetzt veröffentlichen, oder ich kann damit noch drei absurde taktische Jahre lang warten – spielt letztlich keine Rolle. Vielleicht war das der produktive Effekt einer absolut vernichtenden Kritik am Roman: Vogelfreiheit.

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