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Judith Hermann im Gespräch : Ich bin von jeder Ankunft weit entfernt

Ich erinnere mich an mich selber als eine schreibende Person überhaupt nicht. Kaum – oder selten. Das ist etwas Eigenartiges. Ich kann mich an das Schreiben der allerersten Geschichte erinnern, das war „Rote Korallen“. Und vielleicht war das ein Schritt in einen Bewusstseinszustand, aus dem ich danach dann gar nicht mehr rausgegangen bin, vielleicht kann ich mich deshalb an den Rest der Schreibphasen so schlecht erinnern. Ich sehe mich manchmal von außen – dieses Buch habe ich an diesem Tisch und das andere an jenem geschrieben, dieses im Sommer und jenes im Winter. Mehr weiß ich nicht – aber ich weiß, dass damals schon jede Geschichte ein Zentrum hatte und dass dieses Zentrum aus einem ganz schlichten Satz oder aus einem einzigen Bild bestand. Nachträglich sind diese Sätze und Bilder als solche nicht mehr unbedingt so wahrnehmbar, sie fallen nicht unbedingt auf. Man sollte über sie auch eigentlich gar nicht sprechen. Man entzaubert sie sonst.

Sie haben nach dem Roman wieder Erzählungen geschrieben. Haben Sie sich in der Form des Romans nicht so wohl gefühlt?

Der Text entscheidet das für sich: Will er eine lange Strecke machen? Oder kurz sein, knapp, kühl. Ich habe es durchaus als sehr erleichternd empfunden, nach dem Roman wieder zu Erzählungen zurückkehren zu können, als geradezu befreiend eigentlich, sicher lag das auch an der Handlung von „Aller Liebe Anfang“, am klaustrophobischen, bedrohlichen Sujet.

Sie haben sich, bei dem unglaublichen Erfolg, den Sie von Beginn an hatten, von Ihren Kritikern einiges anhören müssen – meist von Männern. Das fing mit Marcel Reich-Ranicki an, der Sie im „Literarischen Quartett“ sehr lobte, der Ihnen aber auch prophezeite, dass Ihre literarische Kreativität versiegen werde, wenn Sie ein Kind hätten.

Das hat er nicht öffentlich, er hat es persönlich gesagt, in einem persönlichen Gespräch. Wir sind uns ein einziges Mal begegnet, zu einem nachmittäglichen Kaffeetrinken mit mehreren Leuten in einem Restaurant, irgendwo in Berlin-Mitte, sehr freundlich alles. Und ich habe eine heiße Schokolade getrunken. Ich werde diese heiße Schokolade nicht vergessen, weil Reich-Ranicki sie für mich bestellt hat, ohne mich zu fragen, sehr autoritär, eine Feststellung: „Das Kind trinkt eine heiße Schokolade!“ Ich war achtundzwanzig Jahre alt.

Das hatte er beschlossen?

Ja, das hatte er beschlossen, und ich hab’ nicht widersprochen, ich hab’ sie gerne getrunken, auch wenn ich selber nie darauf gekommen wäre, mir eine heiße Schokolade zu bestellen. Er fand mich offenbar kindlich, und wahrscheinlich war ich das auch. In diesem Gespräch an diesem Nachmittag ging es auch um Kinder, kann sein, dass es um Ingeborg Bachmann und ihre Kinderlosigkeit ging, um Frauen und Kinder im Allgemeinen. Und da fiel dann dieser Satz: Ich solle mir gut überlegen, ob ich Kinder haben wolle, denn wenn ich welche bekäme, wäre es mit jeglicher Kreativität vorbei. Als ich ein halbes Jahr später schwanger wurde, musste ich natürlich daran denken. Als ich mein zweites Buch schrieb – mein Sohn war ein Baby–, musste ich daran denken. Vielleicht muss ich bis heute daran denken. Was soll man dazu sagen?

Wie haben Sie damals reagiert?

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