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Inger Christensen gestorben : Das Recht zu dichten, so, wie der Baum Blätter treibt

  • -Aktualisiert am
Inger Christensen 1935-2009

Inger Christensen 1935-2009 Bild:

Ihren Lesern, den Freunden ihrer wunderbaren Poesie, erscheint ihr Tod als jähe, schockierende Nachricht. Inger Christensen ist zwei Wochen vor ihrem vierundsiebzigsten Geburtstag gestorben. Ein Nachruf von Harald Hartung.

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          Als Inger Christensen 2006 den Siegfried-Unseld-Preis erhielt (siehe auch: Vollkommenheit: Christensen erhält Unseld-Preis), las sie aus ihrem Gedichtzyklus „Das Schmetterlingstal“. Sie las auf Deutsch und Dänisch und bemerkte, wer kein Dänisch spreche, könne sich unterdessen ein bisschen wundern: ein Gedicht dauere eine Minute. Das letzte dieser zauberischen Sonette, die einen Kranz bilden, schließt mit den Zeilen: „Es ist der Tod, der dich mit eigenen Augen / vom Schmetterlingsflügel aus anblickt.“ Der Dichterin erscheint der Tod als schwarzer Apollo mnemosyne. Ihren Lesern, den Freunden ihrer wunderbaren Poesie, erscheint der Tod als jähe, schockierende Nachricht. Inger Christensen ist, wie erst jetzt bekannt wurde, am vergangenen Freitag gestorben, zwei Wochen vor ihrem vierundsiebzigsten Geburtstag.

          Wer „Das Schmetterlingstal“ noch einmal in die Hand nimmt oder die Aufnahme auf der gleichnamigen CD hört, versteht nun auch den Untertitel anders: „Ein Requiem“. Der Sonettenkranz ist ein vorweggenommenes Requiem auf die Dichterin selbst. „Es ist der Tod, der sich mit eigenen Augen / sich selber in mir sehen will“, heißt es einmal. Und wirklich ist „Schmetterlingstal“, das auf Dänisch 1991 erschien, die letzte ihrer großen Dichtungen geblieben, ein Abschied, dessen Tragweite wir erst jetzt begreifen.

          Ein phantastisches Glücksgefühl

          Inger Christensen hat sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Die freundliche, zurückhaltende Frau hat ihr Dichtertum nie nach außen gekehrt, schien fast hinter ihrer Poesie zu verschwinden. Sie sagte: „Wenn ich Gedichte schreibe, dann kann es mir einfallen, so zu tun, als schriebe nicht ich, sondern die Sprache selbst.“ So einfach ist das - oder so kompliziert. Man darf nur die Selbstgewissheit nicht überhören, die aus dem Als-ob ihrer Annahme spricht: Sie führt geradewegs ins Zentrum.

          Der Weg dahin freilich brauchte seine Zeit. Inger Christensen, 1935 im jütländischen Veijle geboren, stammte aus kleinen Verhältnissen. Im Gymnasium war sie das einzige Kind aus der Unterklasse. Sie wurde Volksschullehrerin und hätte vielleicht weiter nebenher zarte, diskrete Gedichte geschrieben, wäre da nicht die Begegnung mit der Sprachtheorie Noam Chomskys gewesen, die sie als eine Initiation erlebte. Also die Begegnung mit der Idee einer angeborenen Sprachfähigkeit und der Annahme universaler Regeln der Satzkonstruktion, die es ermöglichen, Sätze ins Unendliche zu generieren. Chomskys Sprachsicht, so Christensen, habe ihr ein phantastisches Glücksgefühl gegeben, nämlich die „unbeweisbare Gewissheit, dass die Sprache die unmittelbare Verlängerung der Natur ist. Dass ich dasselbe Recht hatte zu sprechen, wie der Baum, Blätter zu treiben.“ Es muss wie eine Ermächtigung gewesen sein - mit Konsequenzen für Leben und Werk.

          Eine neue Welt

          Nach zwei schmalen Gedichtbänden und einem Roman erschien 1969 ein langes Gedicht mit dem nicht eben attraktiven Titel „det“, „Das“. Aber die Resonanz war enorm. Die Erstauflage von fünfzehntausend Exemplaren war bald vergriffen - und das bei einem hochkomplexen Poem. In einem kleinen Land wie Dänemark. Und das in einer Zeit, als allenthalben das Ende der Literatur, der Tod der Poesie ausgerufen wurde. Zugegeben: Auch Inger Christensen war vom Krieg in Vietnam aufgewühlt, von Studentenprotest und Flower Power. Auch sie sympathisierte mit R. D. Laings Vorstellung, wonach die Schizophrenie geeignet sei, gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen.

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