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Immer Ärger um Martin Amis : Wie schwer muss er an England leiden?

  • -Aktualisiert am

Martin Amis geht in seinem neuen Roman aufs Neue mit England ins Gericht. Dort reagiert man auf die ätzende Kritik aus New York gereizt und wieder gilt der Schriftsteller als Nestbeschmutzer.

          5 Min.

          Als Schriftsteller hat sich Martin Amis immer gern im Morast der menschlichen Abgründe gesuhlt, um mit erotisiertem Schauder über die Vulgarisierung der Gesellschaft zu spotten. Zu seiner Figurengalerie verworfener Grobiane, die ihr Unwesen in einer grellen Welt aus Gangstern, Gewalt, Drogen und Pornos treiben, gesellt sich nun Lionel Asbo, die „brutal gewöhnliche“ Titelfigur von Amis’ jüngster Satire. „Lionel Asbo - State of England“ ist die Geschichte eines grausamen Halunken, der während eines seiner regelmäßigen Gefängnisaufenthalte erfährt, dass er 140 Millionen Pfund im Lotto gewonnen hat. Kaum auf freiem Fuß, befördern die Medien den unflätigen Lottokönig in den Rang der von ihnen geschaffenen Prominenten, die aus keinem anderen Grund berühmt sind, als dass sie eben berühmt sind.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Martin Amis wetzt seine ätzende Feder nun also gegen die neue Volksreligion des Promikults. Sein Antiheld stammt aus dem fiktiven Londoner Bezirk Diston. Man könnte auch schreiben: Dystown, also „Unstadt“. In Diston ist die Lebenserwartung so niedrig wie in Benin oder Somalia und die Geburtsrate so hoch wie in Malawi oder Jemen. In Diston spuckt und spritzt verseuchtes breiiges Kanalwasser, und die Luft summt vor Radioaktivität. In Diston hasst „alles alles Andere, und alles Andere hasst im Gegenzug alles zurück“. In Diston herrschen dysfunktionale Verhältnisse, von der Art, wie sie die „Daily Mail“ ständig hervorhebt, um den britischen Werteverlust zu beklagen.

          „Ein Kloß von einem Gesicht“

          Wie bei dem Autor von „Das Rachel-Tagebuch“, „Gierig“ und „Pfeil der Zeit“ nicht anders zu erwarten, kostet Amis die Misere dieses Milieus aus Hoffnungslosigkeit, Sozialhilfebetrug, Kriminalität und Jugendschwangerschaft mit gnadenlosem Humor und manieriertem Wohlgefallen an pointierten Formulierungen aus. Markenzeichen seiner Prosa ist der betonte Widerstreit zwischen Vulgarität und extravaganter verbaler Verfeinerung.

          Lionel Asbo, der stereotype Rüpel aus der weißen, nichtarbeitenden Arbeiterklasse, grinst dem Leser auf dem Umschlag aus zahnlückigem Mund entgegen. Der Patriot steht mit seinen zwei psychopathischen Pitbulls an der Leine vor dem roten Georgskreuz der englischen Fahne. Auf seinem T-Shirt prangt das Akronym Asbo. Es steht für die von der Regierung Blair eingeführten und von der Regierung Cameron nach und nach wieder abgeschafften „Antisocial Behaviour Orders“, die unter delinquenten Jugendlichen als Ehrenzeichen gelten. Lionel Asbo, geborener Pepperdine, hat dieses Akronym bei Erlangung der Volljährigkeit als Nachnamen gewählt: aus Stolz über die zahlreichen Verwarnungen wegen antisozialen Verhaltens, die er seit seinem dritten Geburtstag wie Kriegsmedaillen sammelt.

          „Draußen in der großen Weltstadt gab es Hunderttausende von jungen Männern, die so ziemlich wie Lionel Asbo aussahen“, schreibt Amis, „plattenförmiger Körper, ein Kloß von einem Gesicht, glattrasierter Kopf mit seinen gelbbraunen Stoppeln.“ Amis versäumt nicht, auf die physische Ähnlichkeit mit dem Fußballstar Wayne Rooney hinzuweisen (vor dessen Haarimplantat). Mit dem Untertitel „State of England“ suggeriert der unlängst von London nach New York umgezogene Autor, dass sich seine Satire in die Gattung der englischen Zustandsromane einreihe, die seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert die soziale Befindlichkeit der Nation zu erfassen suchen.

          Uniform der Unzulänglichkeiten

          Das Erscheinen eines neuen Buchs von Martin Amis ist schon fast zum Ritual geworden, bei dem die Person des Autors mindestens so genau unter die Lupe genommen wird wie das OEuvre. Sein dreizehnter Roman bildet keine Ausnahme: Dem Schriftsteller, den die englischen Medien zu hassen lieben, wird vorgeworfen, in der Bequemlichkeit seines Sandsteinhauses in Brooklyn ein blasiertes Porträt der englischen Unterklasse gezeichnet und eine höhnische Attacke gegen die moralische Hinfälligkeit Großbritanniens geritten zu haben.

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