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Wettstreit der Biographen : Die Gegenleben des Philip Roth

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Philip Roth 2010 in New York Bild: Reuters

Er wünschte sich eine Biographie, die nicht nur seine Sexualität beschreibt. Drei Jahre nach Philip Roths Tod sind zwei erschienen. Erfüllen sie den Wunsch?

          5 Min.

          Es ist fast wie eine Geschichte aus den Romanen von Philip Roth: Zwei Biographen streiten sich darüber, wer den authentischen Roth beschrieben hat. Für Blake Bailey ist die Sache klar: „Ich erhielt vollen Zugang, Nadel hatte überhaupt keinen“, triumphierte er bei Twitter. Ira Nadel hatte kürzlich eine eigene Roth-Biographie veröffentlicht, beinahe gleichzeitig mit Baileys autorisiertem Werk.

          Roth, der 2018 im Alter von 85 Jahren starb, war einer der Großen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Er gewann die wichtigen Preise, die es in Amerika für Romane zu gewinnen gibt, und seine Bücher prägten das Selbstbild einer ganzen Generation, ähnlich denen von John Updike oder Richard Ford. Roth schrieb einunddreißig Bücher und hinterließ Zehntausende Seiten an unveröffentlichtem Material, durch die sich die beiden konkurrierenden Biographen gearbeitet haben. „Philip Roth – A Counterlife“ (ein Gegenleben) heißt die von Nadel, erschienen bei Oxford University Press. Bailey nennt die seine selbstbewusst „Philip Roth – The Biography“ (Norton).

          „Biographien geben dem Terror des Sterbens eine neue Dimension“, sagte Roth einmal, der alle Erzählungen über sich kontrollieren wollte und deswegen jahrelang nach dem richtigen Biographen gesucht hatte; keinesfalls sollte ein solches Buch als „Geschichte meines Penis“ enden. Bailey wurde auserwählt, nachdem der Schriftsteller eine Reihe anderer Kandidaten verworfen hatte.

          Ausbruch aus der Vorstadt

          In beiden Biographien nimmt die Jugend Roths in der jüdischen Mittelschicht von Newark (New Jersey) breiten Raum ein. Zentrales Thema seiner Bücher war schließlich der Ausbruch aus den engen Konventionen der Vorstadt der fünfziger Jahre. „Enthüllung ist, wofür wir leben, worum sich alles dreht“, schrieb Roth, „enthülle es, erzähl es!“ Seine ersten erfolgreichen Bücher, „Portnoys Beschwerden“ und „Goodbye, Columbus“, waren stark autobiographisch inspiriert. Die Alter Egos der kommenden Jahrzehnte, von Nathan Zuckerman bis David Kepesh, stemmten sich Konventionen, dem Alter und der Sterblichkeit entgegen. Ihre Waffen dabei waren vor allem Sex, Wut und das Spiel mit dem Konzept der Identität.

          Die erste große Kontroverse zettelte Roth aber nicht mit dem Thema Sex an. Im Jahr 1959 erschien im „New Yorker“ seine Geschichte „Defender of the Faith“, die von jüdischen Soldaten handelte. Die Helden dieser Erzählung nutzen religiöse Vorwände, um sich vor unliebsamen Aufgaben und letztlich dem Kriegseinsatz zu drücken. Viele amerikanische Juden nahmen Roth das als Provokation übel. Wann er denn endlich zum Schweigen gebracht werde, wütete ein ranghoher Rabbiner. Der Chef der Zeitschrift „Esquire“ bezeichnete Roth als einen antisemitischen Juden voller Selbsthass und verbannte ihn aus seinem Blatt. Roth fand Lust an der Kontroverse und schrieb an den Rabbiner: „Sie sind nicht mein Anführer, und dafür danke ich Gott.“ Nichts war für ihn so weit von Antisemitismus entfernt, wie jüdische Protagonisten als fehlbare Durchschnittsmenschen zu porträtieren. Legendär geworden sind seitdem Roths öffentlich ausgetragene Fehden mit Kritikern oder auch nur mit Menschen, die er für langweilig hielt.

          Dass ihm der Literaturnobelpreis verwehrt blieb, schmerzte den Schriftsteller besonders. Baileys Buch beginnt denn auch mit der Enthüllung einer Plakette für Roth in seiner Heimatstadt Newark. Wenige Tage nachdem er wieder einmal den Nobelpreis nicht bekommen hatte, sagte Roth dort 2005: „Newark ist mein Stockholm.“

          Diskussionen über sein Frauenbild

          Bailey hatte tatsächlich jenen umfassenden Zugang zu Roth, dessen er sich nun bei Twitter rühmt. Der Autor lud ihn in sein Landhaus in Connecticut ein und sprach eine Woche lang täglich sechs Stunden mit seinem Biographen. Das Buch wurde trotzdem keine reine Hagiographie, auch wenn manche Kritiker ihm vorwerfen, zu oft Roths Perspektive zu übernehmen. Bailey schildert jedoch die Manipulationen und Verletzungen, die der Schriftsteller anderen Menschen zufügte, ebenso ausführlich wie seine Großzügigkeit gegenüber Freunden oder Fremden. Er schont Roth auch nicht, wenn er beschreibt, wie dieser noch im Alter Lehraufträge dazu nutzte, Verhältnisse mit jüngeren Frauen anzufangen, macht sich dabei aber Roths Sicht öfter zu eigen. So fragt er etwa, was ein derart vielversprechender junger Schriftsteller denn mit seiner ersten Ehefrau hätte anfangen sollen, die ihn letztlich nur vom Sex mit anderen Frauen abgehalten habe, wenn auch nicht lange. Und in einer besonders auffälligen (und entsprechend vielfach beachteten) Passage übernimmt er Roths Wertung, der sich offenbar vom Aussehen des Geschlechtsteils seiner ersten Ehefrau abgestoßen fühlte. Stephen Metcalf schrieb in der „Los Angeles Times“, Baileys Buch gebe Lesern Gründe, Roth zu hassen.

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