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Im Gespräch: Wolfgang Herrndorf : Wann hat es „Tschick“ gemacht, Herr Herrndorf?

  • Aktualisiert am

Schon. Keine konkrete Person, aber einen schlauen Leser, der alles kapiert.

In Ihrem nächsten Buch geht es um Amnesien, Explosionen und geheime Ultrazentrifugenbaupläne. Also ein Thriller?

In gewisser Weise. Man kann das Ganze aber auch dem Genre des Trottelromans zuschlagen. Alle handelnden Personen sind Trottel. Die Araber sind dumm, faul und stinken, die Europäer sind ausnahmslos arrogante Rassisten und Päderasten, die Amerikaner foltern alles, was ihnen in den Weg kommt, und hinter allem stecken - selbstverständlich - die Juden.

Irgendwelche Vorbilder in diesem Genre?

Bei Thrillern kenne ich mich nicht aus. Für den Ton hatte ich Stendhal im Hinterkopf.

Stendhal hat nie über Spionage geschrieben..

Doch, hat er, jedenfalls über so ein Komplott zur napoleonischen Zeit.

Ihr Output ist ziemlich eklektisch. Berlin-Popliteratur, Kurzgeschichten, Jugendroman, Thriller. . .

Als Nächstes liegt hier ein Konzept für Science-Fiction rum.

Ist das Sportsgeist? Oder Langeweile?

Bei mir ist es eher Steuerungsunfähigkeit. Auf das meiste komme ich, wenn ich irgendetwas Mittelmäßiges sehe oder lese. Schlechte Sachen sind zu schlecht, bei guten fällt mir vor Bewunderung nichts ein, aber bei Mittelmäßigem denke ich oft, da müsste man nur hier und da ein bisschen an den Stellschrauben drehen . . . In welchem Genre ich damit lande, ist zweitrangig. Außerdem hatte ich mit diesem Thriller im Ernst mal die Absicht, einen Bestseller zu schreiben. Das hat nichts mit Kunst oder ihrem Gegenteil zu tun, sondern nur damit, dass man es irgendwann leid ist, in einer Ein-Zimmer-Hinterhofwohnung zu wohnen.

Aber die Sache mit dem Bestseller hat „Tschick“ ja jetzt erledigt.

Ich kann mir auch nicht erklären, woran das liegt. Buchhandel, Werbung, Rezensionen - keine Ahnung. Mein Lektor warf neulich die Theorie ein: „Es könnte auch am Buch liegen.“ Aber ich bin vom Literaturbetrieb so gründlich desillusioniert, dass ich das nicht glaube.

Welche Illusionen haben Sie da verloren?

Illusionen ist vielleicht übertrieben, ich komme ja schon von der Malerei, da ist es ähnlich oder noch schlimmer. Roger Willemsen hat neulich etwas Kluges dazu gesagt, dass es im Literaturbetrieb etwa ein Dutzend Gruppen gibt in Deutschland, meistens Kritikerzusammenballungen mit ein paar Autoren, die der Kritiker immer wieder bespricht und die auch untereinander auf ungute Weise zusammenhängen und dann auch das Übliche mit den Preisvergaben . . . Aber das ist uninteressant. Fragen Sie Willemsen, der konnte das so formulieren, dass es interessant war.

Sie haben Malerei studiert - und aufgegeben. Warum?

Ich konnte nicht das, was ich wollte. Außerdem war man mit Realismus und Lasurmalerei an einer Kunsthochschule in den Achtzigern nicht wirklich gut aufgehoben. Ich habe am Ende nur noch Comics gemacht. Bei denen wurden dann irgendwann die Bilder immer kleiner und der Text immer größer, und irgendwann gab es überhaupt keine Bilder mehr. Und ich war auch froh, mit bildender Kunst nichts mehr zu tun zu haben.

Was ist besser an der Literatur?

Die Kundenfreundlichkeit. Es ist ein großer Nachteil der bildenden Kunst gegenüber der Literatur, dass man sich auch viele Quadratmeter Unsinn schmerzfrei ansehen kann. Man kann die Augen schließen und nach zwei Sekunden weitergehen. Als Leser, der in einem Tausend-Seiten-Roman feststeckt, ist man sehr lange sehr allein. Das hat in der Evolution der Literatur etwas Grundsolides und angenehm Konventionelles wie den Roman hervorgebracht. Da wird es die bildende Kunst nicht mehr hinbringen.

Maik und Tschick lassen beim Aufbruch in die Walachei ihre Handys zurück. Warum?

Ich habe mir überlegt, Spannung, ich kann keine Spannung, und wenn ich jetzt noch ein Handy habe, mein lieber Mann, wie soll ich das denn regeln? Ich will Verfolgungsjagden in der Wüste!

Wolfgang Herrndorf wurde 1965 in Hamburg geboren. Er lebt in Berlin.

In Nürnberg studierte er Malerei. Zunächst arbeitete er als Illustrator für den Haffmans Verlag und das Satiremagazin „Titanic“.

2002 erschien sein Debütroman „In Plüschgewittern“. Beim Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt er für die Erzählung „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ den Kelag-Publikumspreis.

2007 folgte der gleichnamige Erzählungsband, für den er 2008 mit dem Deutschen Erzählerpreis ausgezeichnet wurde.

Im vergangenen Herbst veröffentlichte er den Roman „Tschick“, der von der Literaturkritik ebenso wie von Lesern aller Altersgruppen begeistert aufgenommen wurde.

Unter www.wolfgang-herrndorf.de findet sich das nach einer Gehirnoperation begonnene Tagebuch des Schriftstellers.

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