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Im Gespräch: Uwe Tellkamp : Warum setzen Sie „Der Turm“ fort?

Uwe Tellkamp, wie Burkhard Neie ihn sieht Bild: F.A.Z. - Burkhard Neie

Fünf Jahre nach „Der Turm“ arbeitet Uwe Tellkamp an einem neuen Roman, der das Geschehen weitererzählt. Wir treffen uns in seinem kleinen Büro, nur fünf Fußminuten von Tellkamps Wohnung auf dem Weißen Hirsch in Dresden.

          7 Min.

          Sie sind Suhrkamp-Autor. Wie sehen Sie die Querelen um den Verlag?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nur so viel, und das habe ich auch woanders gesagt: Wenn Herr Barlach Interesse an rein kommerziell arbeitenden Verlagen hat, soll er doch selbst einen eröffnen, aber nicht ausgerechnet Suhrkamp ruinieren wollen.

          Ihr Roman „Der Turm“ war der größte Verkaufserfolg von Suhrkamp in den letzten Jahren und hat gezeigt, dass auch mit anspruchsvollen Büchern viel Geld verdient werden kann. Nun sitzen Sie mitten in der Arbeit an der Fortsetzung zum „Turm“.

          Ich spreche lieber von einer Fortschreibung als einer Fortsetzung. In dem neuen Buch wird ausgeweitet, was im „Turm“ begonnen wurde. Ich habe eines Tages hier im Büro gesessen und mir gesagt: Bei dem Projekt, an dem du jetzt arbeitest, wird es mehr Erzählerstimmen geben als im „Turm“. Und für das, was in der Fortschreibung zum „Turm“ geschieht, ist das Land, das die DDR war, zu klein. Mir stellte sich die Frage, ob ich den Mut haben würde, in den großen Stoff der Politik einzudringen und dort meine Perspektiven zu finden. Ich bin jetzt seit 22 Jahren Bürger dieser neuen Republik, und deshalb muss auch ich mich endlich von dieser beengenden Ossi-Wessi-Perspektive freimachen. Die ist unproduktiv. Wir sind ein Land, es gab vorher schon viele kulturelle Berührungspunkte, mittlerweile ist alles nahezu vollständig durchmischt. Wir lernen von euch, ihr lernt von uns; der Rest ist Heimat und Neugier.

          Wobei Sie den Vorzug genießen, nach der Wende auch im Westen gelebt und dort einiges gesehen zu haben.

          Ja, die Karlsruher Kehrwoche. Das lief ziemlich eindrucksvoll ab. Aber ernsthaft: Die Wiedervereinigung wird mir zu sehr als ostdeutsches Projekt angesehen. Natürlich sind die Leute hier auf die Straße gegangen. Aber man muss den damaligen Druck aufteilen: auf das, was die Straße bewirkt hat, was die Kirche und die Bürgerrechtler bewegt haben, was die Ausreisebewegung bewirkt hat, auf das, was das Beispiel Polens bewirkt hat. Ja, die Revolution ist ein hiesiges Phänomen, die Wiedervereinigung aber nicht mehr. Die ist mit solchen Begriffen allein nicht mehr zu fassen.

          Mir scheint der Eindruck in Westdeutschland immer noch der zu sein, der schon im Moment selbst, 1989, bei den Leuten herrschte: Dieses Ereignis ist glücklich über uns gekommen, wir haben dazu selbst gar nichts oder nur sehr wenig beigetragen. Alles, was danach kam, nahm man gern mit, wir fühlten uns gut aufgehoben, alles schien unaufhaltsam auf das gute Ende zuzulaufen. Erst im Nachhinein weiß man nun, was noch alles hätte schiefgehen können. Aber eine westdeutsche Perspektive auf Wende und Wiedervereinigung war bislang gerade für Westdeutsche uninteressant, weil sie gar nicht das Gefühl hatten, dass ihre Mitwirkung nötig gewesen wäre. Geschichte wurde einem vorgemacht, Anteil daran hatte man nicht.

          Dass die Wiedervereinigung hier anders bewertet wird als in Westdeutschland, ist klar, auch deshalb, weil danach ja hier die Betriebe geschlossen wurden. Es geht mir aber auch um die Hilfe, die geleistet wurde: Aufbauhilfe, die gerade mit dem Stichwort „Treuhand“ verbunden ist. Hier ist die Meinung verbreitet, dass die Treuhand eine Schurkenanstalt gewesen wäre. Sicher ist da viel Mieses passiert, aber nicht nur. Mich stört es, wenn immer nur diese Klischees kommen. Auch viele Betriebsdirektoren von hier, die früher überzeugte Kommunisten waren, haben plötzlich ihre kapitalistischen Fähigkeiten entdeckt und in einer Art und Weise Leute entlassen, die niemand im Westen für möglich gehalten hatte. Die haben ihre Raubtiervorstellungen aus irgendwelchen ML-Lehrbüchern ausgelebt. Natürlich gab es unter den Leuten, die aus dem Westen hierherkamen, auch Schurken und Gewinnler, aber sehr viele entschieden sich aus purem Idealismus dafür zu helfen.

          Das alles macht deutlich, dass Sie es bei Ihrem Romanvorhaben für die Zeit nach dem Mauerfall mit einem riesigen Stoff zu tun haben.

          Ich muss sehen, ob etwas daraus wird, ob ich nicht wieder etwas herausnehme. Aber es macht mir einen Riesenspaß. Es gibt in der Tat großartige Stoffe, großartige Biographien. Zum Beispiel die von Reinhard Schmidt, dem Freiberger Berghauptmann. Der kommt aus dem Ruhrgebiet, und als er Kind war - er entstammt einer Bergarbeiterdynastie -, hat er zu seinem Opa gesagt: „Ich will mal Berghauptmann in Freiberg werden.“ Da hat der Großvater ihn gefragt, ob er überhaupt wisse, was das ist und wo Freiberg liegt, doch der Kleine hat nur geantwortet: „Na, trotzdem.“ Und jetzt sitzt er wirklich hier in Freiberg. Sein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen.

          Das ist eine meiner Grunderfahrungen mit der Wiedervereinigung: dass Dinge, die man eigentlich nur noch als legendär ansah, plötzlich Teil des eigenen Lebens wurden. Als ich das erste Mal über die A4 nach Sachsen fuhr, kam ich an Städten vorbei, die sich wie auf einer Kette mit historischen Perlen aneinanderreihten: Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar, Jena, Gera. Jede dieser Städte kannte ich - aus dem Geschichtsbuch. Sie waren für mich so weit weg wie Atlantis. Und nun tauchten sie wieder auf. Dieses Gefühl hat mich bis heute nicht verlassen: dass da eine Märchenwelt zurückgekehrt ist.

          Ich frage mich dagegen bisweilen: Was sollen mir diese alten Gespenster? Gerade jetzt beim Fortschreiben. Aber „Der Turm“ ist nicht fertig, es gibt motivische Überhänge. Es ist kein rundes Buch, es bleibt zu viel lose darin. Zum Beispiel die Geschichte der Zehnminutenuhr. Wo kommt die her? Wieso hat so ein armer Lektor wie Meno Rohde eine solche Uhr, und keiner fragt im Buch danach?

          Aber Sie haben die Vorgeschichte der Rohdes im „Turm“ doch wunderbar angerissen: ihre frühere Zugehörigkeit zur Nomenklatura in Moskau, der angeheiratete Londoner Zweig.

          Das interessiert mich weiterhin sehr. Es wirft Fragen auf, wenn man die Sache ein bisschen tiefer versteht. Nehmen wir nur das Alter der Rohde-Geschwister: Ulrich ist Jahrgang 1938, Meno 1940, Anne aber 1945. Da würde ich schon fragen: Ist sie wirklich das Kind ihrer beiden Eltern? Die Mutter wurde doch verhaftet. Ist sie vor 1945 wieder rausgekommen? Wurde sie später verhaftet? Und wie ist es den Kindern eigentlich ergangen in Moskau? Wenn man im „Hotel Lux“ war und der Partner wurde verhaftet, dann hatte das für die Angehörigen sofort Folgen: Sie mussten ausziehen, wurden in einem Nebengebäude untergebracht und waren fortan Parias in diesem Hotel, vollkommen ausgegrenzt. Manche wurden auch wieder abgeschoben, das war die große Gefahr, als der Hitler-Stalin-Pakt 1939 abgeschlossen war.

          Das ist auch etwas, das im neuen Buch von Jenny Erpenbeck eine Rolle spielt.

          „Heimsuchung“ kenne ich.

          Der neue Roman heißt „Aller Tage Abend“ und erzählt von einer Frau, die im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts fünfmal stirbt, aber durch einen winzigen Zufall, der die Todesumstände ändert, jeweils wieder ins Leben zurückgerufen wird und dann neue Stationen durchläuft. Vorbild ist erkennbar eine reale Person, die Großmutter von Jenny Erpenbeck...

          ... Hedda Zinner. Man kennt einander. Der Großvater war Fritz Erpenbeck, der hat auch eine wichtige Rolle gespielt. Hedda Zinner war Dramatikerin, er hat Krimis geschrieben, und das alles habe ich natürlich auch hier in den Regalen stehen. Es ist eine kleine Welt. Jenny Erpenbeck ist eine fabelhafte Schriftstellerin, völlig schlackenlos.

          Und das, ohne dabei auf Pathos zu verzichten. Es ist ein bewegendes Schreiben, das aber nicht auf Effekte setzt.

          Was sie in „Heimsuchung“ macht, mit der Villa und dem Gartenmotiv - das würde ich auch gern mal können. So in sich geschlossen einen festen kantigen Fels herauszuschlagen. Hervorragende Kollegin! Aber zurück zum „Turm“: Solche Episoden wie die Moskauer Zeit der Rohdes werfen offene Fragen auf.

          Dass Ihre Fortschreibung den Titel „Lava“ tragen soll, wurde schon kolportiert. Ist das noch aktuell?

          Ja, aber wohl nur für einen Teil des Buches. Ich bin jetzt wieder beim ursprünglichen Titel „Der Schlaf in den Uhren“. Ich hatte gedacht, dass es ein anderes, knapperes Buch würde als „Der Turm“, aber ich habe gemerkt, dass das mit dem, was ich vorhabe, nicht zu machen ist. Man kann es in kurzer Form nicht erzählen. Das Buch, was dahintersteckt, das reckt und streckt sich. „Lava“ wird der erste Teil davon heißen, und die Zeit, auf die der Titel abhebt, hatte in meiner Beobachtung ein typisches Charakteristikum: einen merkwürdigen Starrsinn, der sich da entwickelte. Über die Wendezeit gibt es das Klischee, sie wäre unglaublich actionreich gewesen. Jeder Tag wie Jahre, und es hätte sich unfassbar viel verändert. Oberflächlich gesehen, stimmt das, doch wenn man genau hinschaut, war es von einer bestimmten Zeit an immer genau das Gleiche. Da herrscht immer wieder die alte Mechanik von Abwicklung, Tragik, Kampf dagegen und so weiter. Und plötzlich bemerkt man, dass das Klischee von der unfassbar bewegten Zeit einerseits zwar stimmt, andererseits aber rasender Stillstand herrschte. Und überdies hat diese Vorwärtsbewegung eine enorme Rückwärtsdynamik. Alle diese neuen Dinge von 1989, dass man sich traf, dass man miteinander redete, dass Arbeitsbeziehungen entstanden und auch persönlich-private, das zeigt ja, dass dieses versinkende Land viel lebendiger war als im Entstehen. Das habe ich auch selbst damals so erlebt: Wir haben uns vor 1989 über bestimmte Grundbedingungen nie unterhalten, weil die für uns selbstverständlich waren. Das Buch so zu gestalten, dass man die Vorwärtsdynamik hat, eine Rasanz, aber auch die Rückwärtsdynamik, die bis in die Urwurzeln reicht, das erst könnte ein zutreffendes subjektives Bild - ein objektives kann man nie erreichen - ergeben. Das ist die Herausforderung.

          Was heißt das konkret?

          Ich versuche, diesen Anspruch über die Perspektiven einzulösen. Die Vorwärtsdynamik, das sind beispielsweise der Christian Hoffmann und die Anne, seine Mutter, die jetzt zu einer Hauptfigur wird. Deren Entwicklungen und Biographien nach vorn werden gezeigt. Die Rückwärtsdynamik wird von einer anderen Figur übernommen, die von einem diffusen „Heute“ aus erzählt. Es wird erst später gezeigt, was für ein Heute das ist und wo vor allem. Dieser Erzähler erinnert sich an die Geschichte seiner Schwester Muriel, das ist die Cousine von Christian, die im „Turm“ in den Werkhof kommt, eine kleine Randfigur.

          Also ist der Rückwärtserzähler deren Zwillingsbruder Fabian Hoffmann?

          Ja, und er verfolgt diese Geschichte zurück, dann die der Eltern, immer tiefer.

          Sie erzählen schon sehr detailliert über die Handlung. Wo stehen Sie im Buch?

          Was meinen Sie damit?

          Bei der Hälfte zum Beispiel?

          O Gott. Vielleicht bei einem Drittel!

          Und wann sollen Sie es fertig haben?

          Mein Abgabetermin ist auf den Mai 2013 festgelegt. Ob ich das schaffe, ist die Frage, aber es ist ein gesunder Druck.

          Das bedeutet, der Roman könnte im Herbst nächsten Jahres erscheinen.

          Mal sehen, wie lange es dauert. Ich weiß nicht, wie umfangreich es wird. Ich sehe gewisse Enden noch nicht. Die Schwierigkeit ist: Ich habe drei Perspektiven darin, von denen ich im Grunde aus eigener Anschauung nur eine kenne. Das ist die von Christian. Aber es gibt Dinge, die ein Autor machen - ich will nicht sagen: muss, aber sollte. Ich bin mit Mircea Cărtărescu, einem genialen Autor, befreundet, und der hat mir gesagt: „Wenn du ein Buch, das dir wichtig ist, nicht machst, das verfolgt dich als Gespenst. Das wirst du nicht los.“ Manche Kollegen haben mir davon abgeraten, das Buch fortzuschreiben. Aber es geht nicht anders. „Der Turm“ ist nicht fertig.

          Zur Person

          Uwe Tellkamp wird am 28. Oktober 1968 in Dresden geboren. Er wächst nach ersten Jahren in einer Plattenbausiedlung im Villenstadtteil Weißer Hirsch auf; sein Vater ist Internist.

          Im Oktober 1989 verweigert sich Tellkamp als Unteroffizier der Nationalen Volksarmee dem Einsatz gegen Demonstranten in seiner Heimatstadt. Nach der Wende studiert er Medizin in Leipzig, New York und Dresden. Danach arbeitet er als Arzt in München. 2004 entscheidet er sich, als freier Schriftsteller zu leben und zieht nach Karlsruhe. Im selben Jahr gewinnt er in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis für seine Erzählung „Der Schlaf in den Uhren“. 2005 erscheint sein Roman „Der Eisvogel“.

          Im Jahr 2008 veröffentlicht der Suhrkamp Verlag Tellkamps Roman „Der Turm“, der im selben Jahr den Deutschen Buchpreis gewinnt. Es entstehen mehrere Bühnenadaptionen und 2012 die gefeierte Fernsehverfilmung durch Christian Schwochow. 2009 zieht Tellkamp zurück nach Dresden, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern lebt.

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