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Im Gespräch: Uwe Tellkamp : Warum setzen Sie „Der Turm“ fort?

Das alles macht deutlich, dass Sie es bei Ihrem Romanvorhaben für die Zeit nach dem Mauerfall mit einem riesigen Stoff zu tun haben.

Ich muss sehen, ob etwas daraus wird, ob ich nicht wieder etwas herausnehme. Aber es macht mir einen Riesenspaß. Es gibt in der Tat großartige Stoffe, großartige Biographien. Zum Beispiel die von Reinhard Schmidt, dem Freiberger Berghauptmann. Der kommt aus dem Ruhrgebiet, und als er Kind war - er entstammt einer Bergarbeiterdynastie -, hat er zu seinem Opa gesagt: „Ich will mal Berghauptmann in Freiberg werden.“ Da hat der Großvater ihn gefragt, ob er überhaupt wisse, was das ist und wo Freiberg liegt, doch der Kleine hat nur geantwortet: „Na, trotzdem.“ Und jetzt sitzt er wirklich hier in Freiberg. Sein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen.

Das ist eine meiner Grunderfahrungen mit der Wiedervereinigung: dass Dinge, die man eigentlich nur noch als legendär ansah, plötzlich Teil des eigenen Lebens wurden. Als ich das erste Mal über die A4 nach Sachsen fuhr, kam ich an Städten vorbei, die sich wie auf einer Kette mit historischen Perlen aneinanderreihten: Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar, Jena, Gera. Jede dieser Städte kannte ich - aus dem Geschichtsbuch. Sie waren für mich so weit weg wie Atlantis. Und nun tauchten sie wieder auf. Dieses Gefühl hat mich bis heute nicht verlassen: dass da eine Märchenwelt zurückgekehrt ist.

Ich frage mich dagegen bisweilen: Was sollen mir diese alten Gespenster? Gerade jetzt beim Fortschreiben. Aber „Der Turm“ ist nicht fertig, es gibt motivische Überhänge. Es ist kein rundes Buch, es bleibt zu viel lose darin. Zum Beispiel die Geschichte der Zehnminutenuhr. Wo kommt die her? Wieso hat so ein armer Lektor wie Meno Rohde eine solche Uhr, und keiner fragt im Buch danach?

Aber Sie haben die Vorgeschichte der Rohdes im „Turm“ doch wunderbar angerissen: ihre frühere Zugehörigkeit zur Nomenklatura in Moskau, der angeheiratete Londoner Zweig.

Das interessiert mich weiterhin sehr. Es wirft Fragen auf, wenn man die Sache ein bisschen tiefer versteht. Nehmen wir nur das Alter der Rohde-Geschwister: Ulrich ist Jahrgang 1938, Meno 1940, Anne aber 1945. Da würde ich schon fragen: Ist sie wirklich das Kind ihrer beiden Eltern? Die Mutter wurde doch verhaftet. Ist sie vor 1945 wieder rausgekommen? Wurde sie später verhaftet? Und wie ist es den Kindern eigentlich ergangen in Moskau? Wenn man im „Hotel Lux“ war und der Partner wurde verhaftet, dann hatte das für die Angehörigen sofort Folgen: Sie mussten ausziehen, wurden in einem Nebengebäude untergebracht und waren fortan Parias in diesem Hotel, vollkommen ausgegrenzt. Manche wurden auch wieder abgeschoben, das war die große Gefahr, als der Hitler-Stalin-Pakt 1939 abgeschlossen war.

Das ist auch etwas, das im neuen Buch von Jenny Erpenbeck eine Rolle spielt.

„Heimsuchung“ kenne ich.

Der neue Roman heißt „Aller Tage Abend“ und erzählt von einer Frau, die im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts fünfmal stirbt, aber durch einen winzigen Zufall, der die Todesumstände ändert, jeweils wieder ins Leben zurückgerufen wird und dann neue Stationen durchläuft. Vorbild ist erkennbar eine reale Person, die Großmutter von Jenny Erpenbeck...

... Hedda Zinner. Man kennt einander. Der Großvater war Fritz Erpenbeck, der hat auch eine wichtige Rolle gespielt. Hedda Zinner war Dramatikerin, er hat Krimis geschrieben, und das alles habe ich natürlich auch hier in den Regalen stehen. Es ist eine kleine Welt. Jenny Erpenbeck ist eine fabelhafte Schriftstellerin, völlig schlackenlos.

Und das, ohne dabei auf Pathos zu verzichten. Es ist ein bewegendes Schreiben, das aber nicht auf Effekte setzt.

Was sie in „Heimsuchung“ macht, mit der Villa und dem Gartenmotiv - das würde ich auch gern mal können. So in sich geschlossen einen festen kantigen Fels herauszuschlagen. Hervorragende Kollegin! Aber zurück zum „Turm“: Solche Episoden wie die Moskauer Zeit der Rohdes werfen offene Fragen auf.

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