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Im Gespräch: Umberto Eco : Sind Sie der ideale Leser, Signor Eco?

  • -Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie

Wir treffen einen blendend gelaunten Umberto Eco am Rand des Münchner Literaturfests. Trotz diverser Whiskeys, die er im Verlauf der Unterhaltung bestellt, ist das Glas vor ihm immer leer. Das ist aber nur einer der vielen Tricks, die dieser Schriftsteller beherrscht.

          7 Min.

          Herr Eco, wir hätten Sie ja fast nicht erkannt. Wo ist denn Ihr Bart geblieben?

          Den habe ich mir abnehmen lassen, schon vor zwei Jahren. Denn mein Bart wurde immer grauer, während der Schnurrbart dunkel blieb. Ich sah aus wie Dschingis Khan!

          Sie sind als Bücherliebhaber inzwischen fast so bekannt wie als Romancier. Welches Buch haben Sie zuletzt gekauft?

          Eine Inkunabel von 1473, eine Ausgabe der „Etymologiae“ des Isidor von Sevilla, die mit ihrem blütenweißen Papier aussieht, als wäre sie erst gestern gedruckt worden. Eine Schönheit. Eine solche Schönheit, dass der Händler mir vier Jahre Zeit gibt, um sie abzubezahlen.

          Dieses Werk haben Sie natürlich erst in Augenschein genommen. Aber kaufen Sie auch mal Bücher übers Internet?

          Ja, wenn ich Bücher für meine Arbeit, zur Recherche, brauche. Für meinen neuen Roman zum Beispiel habe ich über fünf Jahre hinweg Material aus dem neunzehnten Jahrhundert zusammengetragen, von antisemitischen Pamphleten bis zu antijesuitischen Schriften. Aber für gewöhnlich kaufe ich keine neuen Bücher, denn meist treffen sie in großer Zahl ohnehin ungebeten ein. Das Problem ist eher, wie man sie wieder los wird. Ich bin von der Wirtschaftskrise gewissermaßen gerettet worden: Sie hat die Menge an Büchern, die mir ungefragt von Verlagen zugeschickt werden, um gut siebzig Prozent reduziert. (lacht)

          Und was machen Sie mit den übrigen dreißig?

          Am Anfang habe ich versucht, die Bücher Krankenhäusern oder Gefängnissen zu geben, doch dann teilte man mir mit, dass die Sorte Bücher, die ich spende, Häftlinge und kranke Menschen korrumpieren kann. Dann habe ich beschlossen, wenigstens die in Fremdsprachen geschriebenen an die Gefängnisse zu geben, denn dort sind deutsche, englische, französische, albanische oder rumänische Ausgaben sicherlich rar. Inzwischen gebe ich die meisten Bücher aber an die Universität. Dort stapeln wir sie dann auf einem sehr langen Tisch und machen einen Aushang: „Take a book and run“. In wenigen Minuten ist der Tisch leer.

          Wie entscheiden Sie, wovon Sie sich sofort trennen und was erst einmal bleiben darf?

          Pures Genie, was dachten Sie denn! (lacht)

          Und nach welchem Ordnungsprinzip funktioniert Ihre Bibliothek?

          Oh, das ist ein Problem. Die seltenen Bücher und Kostbarkeiten stehen natürlich separat, ungeheizt etcetera. Die sind nach speziellen Kriterien geordnet, und jedes ist ausführlich katalogisiert. Aber dann passiert mir so etwas wie gerade vorgestern: Ich weiß, dass ich ein bestimmtes Buch habe, aber es ist eines, das sich außerhalb der gängigen Klassifizierungen bewegt, und ich erinnere mich nicht, ob ich es hier oder dort einsortiert habe. Ich schlage es nach, aber das Verzeichnis sagt mir nicht, wie der Einband aussieht. Da kann ich dann lange suchen! Was die modernen Bücher angeht, so habe ich einen zwanzig Meter langen Flur mit Literatur, wo italienische, französische und deutsche Ausgaben vom zwanzigsten Jahrhundert an alphabetisch geordnet sind. Alles Frühere ist nach Jahrhunderten geordnet: Frankreich achtzehntes Jahrhundert, Deutschland achtzehntes Jahrhundert und so weiter. Im Studio stehen die Essays, die sind nach persönlichen Kriterien sortiert. Denn je nach Zeitpunkt und meiner jeweiligen Beschäftigung kann ein Buch dort erst unter Ästhetik stehen und drei Jahre später bei der Linguistik. Da taucht das Problem auf, dass ich mich zu erinnern glaube, dass ein Werk einen gelben Rücken hat, nach dem ich dann tagelang suche, nur um schließlich festzustellen, dass der Umschlag in Wahrheit grün war. Ich besitze fünfzigtausend Bücher. Wenn jemand eines aus dem Regal nimmt und es an anderer Stelle zurückstellt, geht es mir auf immer verloren.

          Haben Sie sich je gefragt, wie Ihre Bibliothek in hundert Jahren auf Besucher wirken wird? Werden Bibliotheken da Museen von Exzentrikern sein, die man betrachtet wie Wunderkammern oder Kuriositätenkabinette?

          Die Hälfe meiner Bibliothek bezeugt den Geschmack und die Interessen unserer Zeit. Die andere Hälfte, wo Homer, Rabelais oder Goethe zuhause sind, jene, die die Zeiten überdauert haben. Wenn Sie Kunst sammeln, können Sie die ausstellen, und alle werden sie bewundern. Aber wenn Sie alte Bücher sammeln, interessiert sich kein Mensch dafür, weil kaum jemand versteht, warum der bescheidene kleine Band hier viel wertvoller und aufregender ist als der reich illustrierte nebenan. Immerhin schützt einen das vor Dieben. Aber Sie können Ihre Freuden nicht teilen, nicht mal mit einem anderen Sammler. Denn entweder sammelt er etwas anderes und interessiert sich nicht für Ihre Trouvaille. Oder aber er sammelt auf demselben Gebiet - und dann ist er eifersüchtig!

          Tauschen Sie denn manchmal etwas?

          Kaum. Mein größter Rivale ist mein Nachbar. Unglücklicherweise ist er außerdem der reichste Mann Mailands. Einmal hatte ich ein Exemplar des „Dialogus de Laudibus Sanctae Crucis“ von 1503, ein geheimnisvolles Werk. Bei einem Antiquar in Brüssel fand ich ein weiteres Exemplar, ungebunden, das praktisch nichts kostete. Ich nahm es mit heim, gab es meinem Buchbinder, der ihm einen guten Einband verpasste. Dann sagte ich zu meinem Nachbarn: Hör mal, ich habe „De Laudibus Sanctae Crucis“, wollen wir nicht tauschen? Er sagte nein. Daraufhin ging ich zu einem befreundeten Händler und gab ihm das Buch. Er verkaufte es meinem Nachbar für eine enorme Summe und teilte den Gewinn mit mir. Damit ziehe ich meinen Nachbarn seither auf. Er hätte es umsonst haben können.

          Verleihen Sie je Bücher?

          Nein, wenn überhaupt, dann verschenke ich sie. Zum Ausgleich versuche ich, anderen dann und wann ein Buch zu mopsen! (lacht)

          Der amerikanische Präsident hat eine Expertenkommission eingesetzt, die Zeichen entwickeln soll, mit denen wir denjenigen, die in zehntausenden Jahren die Erde bevölkern, vor Atommüll-Lagerungsstätten warnen können. Als Semiotiker haben Sie doch sicher eine Idee.

          Das ist eine ganz alte Geschichte, darüber wurde schon vor 25 Jahren debattiert. Wie lassen wir die Aliens, die in zehntausenden Jahren kommen, um sich anzuschauen, was wir von der Welt übriggelassen haben, wissen, dass da und dort Atommüll lagert, der immer noch gefährlich ist? Kein Zeichensystem kann so lange überleben. Damals kam man zu dem Schluss, der einzig mögliche Weg sei der, dass weise Männer, Mystiker und Zauberer Tabus aussprechen, so dass man noch nach sehr langer Zeit auf mystische Weise wissen wird, dass von diesem oder jenem Ort Gefahr ausgeht. Meiner Meinung nach völliger Unsinn. Ich hatte damals eine gute Idee, habe sie aber nicht an die amerikanische Regierung verkauft.

          Dann können Sie sie doch jetzt mir verraten.

          Ja, Sie können sie dann Obama weitersagen. Also: Man muss den Atommüll in Schichten lagern, so dass die Radioaktivität ganz oben gering ist und dann nach unten zunimmt. Wenn dann in 25.000 Jahren ein Alien kommt, den Finger in den Boden steckt, erst den Finger verliert, dann die Hand, dann den Arm - glauben Sie mir, es wird nicht weiter graben!

          Wenn man dann noch mit den Händen gräbt, hilft das vielleicht.

          Ich glaube nun mal eher an Körperkommunikation als an eine semiotische Lösung. Und die Tatsache, dass sich das Problem offenbar alle fünfundzwanzig Jahre neu stellt, zeigt, dass ich recht habe.

          Apropos: Haben Sie denn auch eine Vision, wie die Bücher der Zukunft aussehen werden?

          In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts konnte man sich nicht vorstellen, dass die Bücher künftig aus Papier mit Holz bestehen würden. Das Holzschliffverfahren hat die Buchherstellung radikal verändert. Deswegen hält meine Inkunabel über Jahrhunderte, und ein Buch aus den Fünfzigern fällt bereits auseinander. Die meisten Bücher, die wir heute lesen, bestehen aus recyceltem, säurefreiem Papier, das mit dem früheren nichts mehr zu tun hat. Vielleicht bekommen wir in Zukunft Plastikseiten. Aber an Format und Struktur des Buchs hat sich seit seiner Erfindung nichts geändert, egal, woraus es hergestellt wird.

          Und wie halten Sie es mit den E-Books?

          Da ich mit dem Alter immer weitsichtiger werde, muss ich wohl in Zukunft die Zeitung auf dem iPad lesen. Und falls Sie die „Ilias“ als E-Book lesen wollen: Bitte, wir leben in einer freien Gesellschaft, jeder kann machen, was er will. Nur: Alles, was wir über uns wissen, verdanken wir der Überlieferung aus Büchern, und das seit bald zweitausend Jahren. Bisher aber gibt es keinen Beweis dafür, dass die elektronischen Geräte ähnlich lange überdauern werden. Und dann ist da unsere taktile, haptische, auch emotionale Verbindung mit Büchern. Wenn wir im Keller Bücher finden, die wir einst als Kind gelesen haben, bewegt uns das. Wenn wir aber eines Tages die Diskette finden, die wir als Kind verwendet haben, kann unser Computer sie nicht mehr lesen, und die Diskette ist dieselbe wie die einer beliebig anderen Person. Dass wir den persönlichen Kontakt verlieren, ist nicht nur für Bibliophile ein Desaster. Eine kleine Minderheit elektronischer Taliban wird nur mit iPads und E-Books umgehen, alle anderen werden Bücher weiterhin brauchen, davon bin ich überzeugt.

          Ist nicht auch wichtig, dass unser Wissensstand gesichert wird? Indem es ständig alte Informationen mit neueren überschreibt, beschleunigt das Internet den Gedächtnisverlust.

          Natürlich. Die Enzyklopädie Diderots erzählt uns bis heute, was die Menschen damals dachten. Wenn man in fünfhundert Jahren Wikipedia aufruft, wird uns das nichts mehr sagen über die Welt, in der wir heute leben. Das eigentliche Phänomen sind aber nicht die neuen Technologien, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie einander ersetzen.

          Wie schreiben Sie eigentlich? Mit der Hand?

          Ich meißle natürlich alles direkt in Stein, das erlaubt mir, langsam vorzugehen und dabei meine Gedanken zu ordnen. (lacht) Nein, ich mache mir schon hier und da Notizen, aber hauptsächlich verwende ich den Computer.

          In Italien ist gerade Ihr neuer Roman erschienen. Über „Der Name der Rose“ haben Sie einmal gesagt, Sie hätten eben Lust gehabt, einen Mönch zu vergiften. Was stand am Anfang von „Der Friedhof von Prag“?

          Es ist ein Buch über den Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts und über die Erfindung jener Prophezeiungen, die als die „Protokolle der Weisen von Zion“ bekannt wurden. Mich hat diese Schrift, die so offensichtlich erlogen war und doch so viel ausgelöst hat, schon immer interessiert, und ich wollte die Geschichte dieser Konstruktion erzählen.

          Wie hält man es als Intellektueller unter Berlusconi in Italien aus? Haben Sie je erwogen, das Land zu verlassen?

          Ja, aber das würde nichts bringen. Denn das Modell Berlusconi wird in ganz Europa siegen, ja, auf der ganzen Welt. Und das sehr bald. Mit seinem Medienpopulismus, wo das Parlament nichts mehr zu sagen hat, hat Berlusconi ein Laboratorium erfunden, das die Zukunft bestimmen wird. Darum interessiert man sich überall so für Italien: weil man Angst um sein eigenes Land hat. Wenn Sarah Palin in Amerika gewinnt, wird es auch dort so weit sein. Und selbst, wenn Berlusconi eines Tages weg ist, wird das Fernsehen ihn längst ersetzt haben. Früher, wenn ein Mafiaboss erwischt wurde, führte man ihn mit gesenktem Haupt ab. Heute guckt er in die Kameras und winkt.

          Neulich haben Sie gesagt, Sie spielten zur Entspannung manchmal Computerspiele.

          Wirklich? Daran erinnere ich mich nicht. Möglicherweise dachte ich an „Battle Galatica“. Das habe ich einmal mit meinem Enkel gespielt, und das Programm ist noch auf meinem Computer. Aber die Versuchung, die Erfahrung zu wiederholen, ist nicht sehr groß.

          Welches Buch würden Sie mit ins Grab nehmen?

          Sagen wir lieber: auf die einsame Insel. Das Telefonbuch - all die Namen, die mir Geschichten einflüstern würden...

          Aber Telefonbücher sind doch mit die ersten, die vom Internet überflüssig gemacht werden.

          Das ist noch ein Grund, eines einzupacken: Es ist eine Inkunabel der Zukunft!

          Aber keine, die in Ihre Bibliothek käme.

          Das liegt am Thema. Meine Sammlung heißt Biblioteca Semiologia Curiosita Lunatica Magica Emblematica. Um mich bei den Antiquaren verständlich zu machen, sage ich: okkult. Was nicht stimmt. Ich sammle alles, was als falsch gilt. Also habe ich die Astronomie des Ptolomäus, aber nicht die des Galileo. Manche Bücher habe ich aber auch allein ihrer Schönheit wegen gekauft, zum Beispiel das letzte, die „Etymologiae“. Fände ich eine Gutenberg-Bibel, würde ich die auch erwerben - nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie in den Kanon der größten Bücher gehört.

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