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Im Gespräch: Umberto Eco : Sind Sie der ideale Leser, Signor Eco?

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In Italien ist gerade Ihr neuer Roman erschienen. Über „Der Name der Rose“ haben Sie einmal gesagt, Sie hätten eben Lust gehabt, einen Mönch zu vergiften. Was stand am Anfang von „Der Friedhof von Prag“?

Es ist ein Buch über den Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts und über die Erfindung jener Prophezeiungen, die als die „Protokolle der Weisen von Zion“ bekannt wurden. Mich hat diese Schrift, die so offensichtlich erlogen war und doch so viel ausgelöst hat, schon immer interessiert, und ich wollte die Geschichte dieser Konstruktion erzählen.

Wie hält man es als Intellektueller unter Berlusconi in Italien aus? Haben Sie je erwogen, das Land zu verlassen?

Ja, aber das würde nichts bringen. Denn das Modell Berlusconi wird in ganz Europa siegen, ja, auf der ganzen Welt. Und das sehr bald. Mit seinem Medienpopulismus, wo das Parlament nichts mehr zu sagen hat, hat Berlusconi ein Laboratorium erfunden, das die Zukunft bestimmen wird. Darum interessiert man sich überall so für Italien: weil man Angst um sein eigenes Land hat. Wenn Sarah Palin in Amerika gewinnt, wird es auch dort so weit sein. Und selbst, wenn Berlusconi eines Tages weg ist, wird das Fernsehen ihn längst ersetzt haben. Früher, wenn ein Mafiaboss erwischt wurde, führte man ihn mit gesenktem Haupt ab. Heute guckt er in die Kameras und winkt.

Neulich haben Sie gesagt, Sie spielten zur Entspannung manchmal Computerspiele.

Wirklich? Daran erinnere ich mich nicht. Möglicherweise dachte ich an „Battle Galatica“. Das habe ich einmal mit meinem Enkel gespielt, und das Programm ist noch auf meinem Computer. Aber die Versuchung, die Erfahrung zu wiederholen, ist nicht sehr groß.

Welches Buch würden Sie mit ins Grab nehmen?

Sagen wir lieber: auf die einsame Insel. Das Telefonbuch - all die Namen, die mir Geschichten einflüstern würden...

Aber Telefonbücher sind doch mit die ersten, die vom Internet überflüssig gemacht werden.

Das ist noch ein Grund, eines einzupacken: Es ist eine Inkunabel der Zukunft!

Aber keine, die in Ihre Bibliothek käme.

Das liegt am Thema. Meine Sammlung heißt Biblioteca Semiologia Curiosita Lunatica Magica Emblematica. Um mich bei den Antiquaren verständlich zu machen, sage ich: okkult. Was nicht stimmt. Ich sammle alles, was als falsch gilt. Also habe ich die Astronomie des Ptolomäus, aber nicht die des Galileo. Manche Bücher habe ich aber auch allein ihrer Schönheit wegen gekauft, zum Beispiel das letzte, die „Etymologiae“. Fände ich eine Gutenberg-Bibel, würde ich die auch erwerben - nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie in den Kanon der größten Bücher gehört.

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