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Im Gespräch: Umberto Eco : Sind Sie der ideale Leser, Signor Eco?

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Ja, Sie können sie dann Obama weitersagen. Also: Man muss den Atommüll in Schichten lagern, so dass die Radioaktivität ganz oben gering ist und dann nach unten zunimmt. Wenn dann in 25.000 Jahren ein Alien kommt, den Finger in den Boden steckt, erst den Finger verliert, dann die Hand, dann den Arm - glauben Sie mir, es wird nicht weiter graben!

Wenn man dann noch mit den Händen gräbt, hilft das vielleicht.

Ich glaube nun mal eher an Körperkommunikation als an eine semiotische Lösung. Und die Tatsache, dass sich das Problem offenbar alle fünfundzwanzig Jahre neu stellt, zeigt, dass ich recht habe.

Apropos: Haben Sie denn auch eine Vision, wie die Bücher der Zukunft aussehen werden?

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts konnte man sich nicht vorstellen, dass die Bücher künftig aus Papier mit Holz bestehen würden. Das Holzschliffverfahren hat die Buchherstellung radikal verändert. Deswegen hält meine Inkunabel über Jahrhunderte, und ein Buch aus den Fünfzigern fällt bereits auseinander. Die meisten Bücher, die wir heute lesen, bestehen aus recyceltem, säurefreiem Papier, das mit dem früheren nichts mehr zu tun hat. Vielleicht bekommen wir in Zukunft Plastikseiten. Aber an Format und Struktur des Buchs hat sich seit seiner Erfindung nichts geändert, egal, woraus es hergestellt wird.

Und wie halten Sie es mit den E-Books?

Da ich mit dem Alter immer weitsichtiger werde, muss ich wohl in Zukunft die Zeitung auf dem iPad lesen. Und falls Sie die „Ilias“ als E-Book lesen wollen: Bitte, wir leben in einer freien Gesellschaft, jeder kann machen, was er will. Nur: Alles, was wir über uns wissen, verdanken wir der Überlieferung aus Büchern, und das seit bald zweitausend Jahren. Bisher aber gibt es keinen Beweis dafür, dass die elektronischen Geräte ähnlich lange überdauern werden. Und dann ist da unsere taktile, haptische, auch emotionale Verbindung mit Büchern. Wenn wir im Keller Bücher finden, die wir einst als Kind gelesen haben, bewegt uns das. Wenn wir aber eines Tages die Diskette finden, die wir als Kind verwendet haben, kann unser Computer sie nicht mehr lesen, und die Diskette ist dieselbe wie die einer beliebig anderen Person. Dass wir den persönlichen Kontakt verlieren, ist nicht nur für Bibliophile ein Desaster. Eine kleine Minderheit elektronischer Taliban wird nur mit iPads und E-Books umgehen, alle anderen werden Bücher weiterhin brauchen, davon bin ich überzeugt.

Ist nicht auch wichtig, dass unser Wissensstand gesichert wird? Indem es ständig alte Informationen mit neueren überschreibt, beschleunigt das Internet den Gedächtnisverlust.

Natürlich. Die Enzyklopädie Diderots erzählt uns bis heute, was die Menschen damals dachten. Wenn man in fünfhundert Jahren Wikipedia aufruft, wird uns das nichts mehr sagen über die Welt, in der wir heute leben. Das eigentliche Phänomen sind aber nicht die neuen Technologien, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie einander ersetzen.

Wie schreiben Sie eigentlich? Mit der Hand?

Ich meißle natürlich alles direkt in Stein, das erlaubt mir, langsam vorzugehen und dabei meine Gedanken zu ordnen. (lacht) Nein, ich mache mir schon hier und da Notizen, aber hauptsächlich verwende ich den Computer.

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