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Im Gespräch: Umberto Eco : Sind Sie der ideale Leser, Signor Eco?

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Haben Sie sich je gefragt, wie Ihre Bibliothek in hundert Jahren auf Besucher wirken wird? Werden Bibliotheken da Museen von Exzentrikern sein, die man betrachtet wie Wunderkammern oder Kuriositätenkabinette?

Die Hälfe meiner Bibliothek bezeugt den Geschmack und die Interessen unserer Zeit. Die andere Hälfte, wo Homer, Rabelais oder Goethe zuhause sind, jene, die die Zeiten überdauert haben. Wenn Sie Kunst sammeln, können Sie die ausstellen, und alle werden sie bewundern. Aber wenn Sie alte Bücher sammeln, interessiert sich kein Mensch dafür, weil kaum jemand versteht, warum der bescheidene kleine Band hier viel wertvoller und aufregender ist als der reich illustrierte nebenan. Immerhin schützt einen das vor Dieben. Aber Sie können Ihre Freuden nicht teilen, nicht mal mit einem anderen Sammler. Denn entweder sammelt er etwas anderes und interessiert sich nicht für Ihre Trouvaille. Oder aber er sammelt auf demselben Gebiet - und dann ist er eifersüchtig!

Tauschen Sie denn manchmal etwas?

Kaum. Mein größter Rivale ist mein Nachbar. Unglücklicherweise ist er außerdem der reichste Mann Mailands. Einmal hatte ich ein Exemplar des „Dialogus de Laudibus Sanctae Crucis“ von 1503, ein geheimnisvolles Werk. Bei einem Antiquar in Brüssel fand ich ein weiteres Exemplar, ungebunden, das praktisch nichts kostete. Ich nahm es mit heim, gab es meinem Buchbinder, der ihm einen guten Einband verpasste. Dann sagte ich zu meinem Nachbarn: Hör mal, ich habe „De Laudibus Sanctae Crucis“, wollen wir nicht tauschen? Er sagte nein. Daraufhin ging ich zu einem befreundeten Händler und gab ihm das Buch. Er verkaufte es meinem Nachbar für eine enorme Summe und teilte den Gewinn mit mir. Damit ziehe ich meinen Nachbarn seither auf. Er hätte es umsonst haben können.

Verleihen Sie je Bücher?

Nein, wenn überhaupt, dann verschenke ich sie. Zum Ausgleich versuche ich, anderen dann und wann ein Buch zu mopsen! (lacht)

Der amerikanische Präsident hat eine Expertenkommission eingesetzt, die Zeichen entwickeln soll, mit denen wir denjenigen, die in zehntausenden Jahren die Erde bevölkern, vor Atommüll-Lagerungsstätten warnen können. Als Semiotiker haben Sie doch sicher eine Idee.

Das ist eine ganz alte Geschichte, darüber wurde schon vor 25 Jahren debattiert. Wie lassen wir die Aliens, die in zehntausenden Jahren kommen, um sich anzuschauen, was wir von der Welt übriggelassen haben, wissen, dass da und dort Atommüll lagert, der immer noch gefährlich ist? Kein Zeichensystem kann so lange überleben. Damals kam man zu dem Schluss, der einzig mögliche Weg sei der, dass weise Männer, Mystiker und Zauberer Tabus aussprechen, so dass man noch nach sehr langer Zeit auf mystische Weise wissen wird, dass von diesem oder jenem Ort Gefahr ausgeht. Meiner Meinung nach völliger Unsinn. Ich hatte damals eine gute Idee, habe sie aber nicht an die amerikanische Regierung verkauft.

Dann können Sie sie doch jetzt mir verraten.

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