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Im Gespräch: Ulrich Peltzer : Warum sind Gefühle nicht das Wahre, Herr Peltzer?

  • -Aktualisiert am

Angefangen wird mittendrin: Der Berliner Schriftsteller Ulrich Peltzer Bild: Frank Röth

Die Schokoladenplätzchen auf dem Tisch des tristen Universitätsbüros, in dem wir uns treffen, rührt Ulrich Peltzer nicht an. Der Romanautor ist auch nicht zum Kaffeekränzchen gekommen, sondern um über die Veränderung der Verhältnisse durch Literatur zu sprechen.

          Sie wollen den Verhältnissen „ihre eigene Fall- und Zerfallsgeschichte erzählen, weil anders sie zu überwinden nicht in der Macht des Künstlers und der Kunst liegt“, heißt es an einer Stelle Ihrer Poetikvorlesungen, die Sie im Januar an der Frankfurter Universität gehalten haben. Hat Literatur die Macht, Verhältnisse zu ändern?

          In der Formulierung steckt natürlich die unausgesprochene Erwartung, dass sich die Verhältnisse ändern mögen. In meine Arbeit, aber vielleicht auch in die Arbeit des Künstlers im Allgemeinen, ist es eingeschrieben - ob er will oder nicht -, an der Veränderung, am Unmöglichmachen der Verhältnisse zu arbeiten. Was mir im Rahmen einer poetologischen Überlegung bei dieser Passage aber besonders wichtig ist, ist die Frage, wie man in einem Augenblick, in dem die Wirklichkeit in außerordentlich viele Fragmente, Fraktionen und Ereignisse zu zerfallen scheint, die sich nicht mehr unter eine Idee oder große Erzählung subsumieren lassen, wie man also unter diesen Bedingungen Geschichte als Geschichte wieder erzählen kann.

          Das Erzählen einer Geschichte ist schon ein politischer Akt?

          Es kommt ja darauf an, was man für einen Begriff von Geschichte hat, und es kommt folglich darauf an, in welcher Form Geschichten erzählt werden. Erst, wenn ich einen Begriff von Geschichte habe, der nicht mehr von einem ideologischen Programm her denkt, erst dann kann ich auch eine Geschichte schreiben. Dann wird es auch möglich, darüber nachzudenken, wie die Verhältnisse, von denen diese Geschichte ja durchtränkt ist, zu verändern seien. Und das führt zum Problem des Plots - inwiefern es über die Kontingenzen des Alltags hinaus die Möglichkeit gibt, Restspuren von Sinn in der Geschichte zu entdecken, ohne dass es ein vorgeschriebener, sozusagen ein dekretierter Sinn wäre.

          Was heißt das konkret?

          Es geht darum, Geschichte zu erzählen, ohne ins Ressentiment abzurutschen, ohne denunziatorisch zu werden. Das bedeutet beispielsweise, dass ich beim Schreiben grundsätzlich mit dem einverstanden bin, was die Figuren denken und tun. Das ist die einzige Möglichkeit, um mein Interesse wachzuhalten. Ich schreibe nicht Romane, um in ihnen Beweise anzutreten, und auch nicht, um moralische oder politische Programme umzusetzen.

          Aus der Perspektive der Politik wird die Literatur ohnehin häufig als defizitär angesehen. Kann aber nicht Literatur gerade dann, wenn sie sich der politischen Programmatik entzieht, das Politische auf eine Weise lesbar machen, wie es die Politik nie könnte?

          Ja, sicherlich. Das Feld der Literatur muss insofern auch gegenüber dem Feld der Wissenschaft und der Philosophie abgegrenzt werden. Es geht eher darum, Perzepte zu entwickeln, durch die ich beim Lesen hindurchgehe und die Verschiebungen erzeugen: in meinem Denken, in meiner Wahrnehmung, in meinen Überzeugungen. Insbesondere im politischen Aktivismus ist man nicht in der Lage, der Kunst das erstens zuzugestehen und zweitens das auch zu wollen. Da erwartet man doch eher moralische und politische Verbindlichkeiten. Die sollte die Literatur aber nicht geben.

          Muss man aber nicht in gewisser Weise immer denunziatorisch sein, wenn man den Verhältnissen ihre Zerfallsgeschichte erzählt?

          Ich würde die Betonung eher auf die Fallgeschichte legen. Eine Fallgeschichte kann aber nur eine Fallgeschichte sein, wenn ich einen Begriffsrahmen habe, in dem ich eine Geschichte als Fall betrachte. Ich muss wissen, was diesen Fall von anderen unterscheidet. Das sind Gedanken, die ich mir mache, bevor ich beginne zu schreiben. Im Produktionsprozess eines Buches folgen das Material und die Geschichte dann aber einer autonomen Eigendynamik, die sich bestimmten Intentionen entzieht. Dieser Bewegung muss man folgen, und das meine ich mit nicht-denunziatorischem Erzählen.

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