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Im Gespräch: Per Olov Enquist : „Ich schreibe definitiv ziemlichen Mist über mich“

  • -Aktualisiert am

Per Olov Enquist Bild: Burkhard Neie/xix

Sein neues Buch nennt Per Olov Enquist lieber Roman als Autobiographie. Er habe, sagt der große schwedische Autor, in „Ein fremdes Leben“ einiges unerzählt gelassen, um keinen Mist über andere Menschen zu schreiben. Ein Gespräch über Wahrheit, Leben und Tod.

          7 Min.

          Per Olov Enquist genießt die Kälte in Berlin, als er ohne Mantel auf dem Pariser Platz vor der Akademie der Künste steht. Er ist groß und schlank, mit seinem schmalen Gesicht und dem weißen Haarschopf hat der schwedische Schriftsteller auf den ersten Blick eine verwirrende Ähnlichkeit mit Samuel Beckett.

          Herr Enquist, Sie haben einmal gesagt, dass es sich mit einem guten Theatertext wie mit einem Menschen verhalte - beide trügen ein Geheimnis in sich. Dem Menschen sei es jedoch erlaubt, dieses Geheimnis zu behalten, „sonst verschwindet er oder wird unmenschlich deutlich“. Konnten Sie Ihr Geheimnis auch beim Schreiben Ihrer Autobiographie bewahren?

          Natürlich gibt es Dinge, von denen ich in meiner Autobiographie nicht erzähle, aber sprechen wir von der Autobiographie lieber als „dem Buch“ oder „dem Roman“: Selbstverständlich gibt es chronologische Auslassungen, etwa zwischen meinem dreizehnten und meinem 23. Lebensjahr oder später, wenn ich über die siebziger Jahre schreibe. Das Romanhafte dieses Buchs liegt aber nicht zuletzt in diesen Lücken: In ihnen verbergen sich viele weitere Leben, die auch alle meines sind. Ich wollte jedoch keinen Mist über andere Menschen schreiben und habe deswegen einiges unerzählt gelassen, aber ich schreibe in dem Buch definitiv ziemlichen Mist über mich.

          Wie nah kann man dem eigenen Ich beim Schreiben eigentlich kommen?

          In meinem 1966 erschienenen Roman „Hess“, der noch immer nicht ins Deutsche übersetzt wurde, gibt es Passagen über meine Jugend, die der Erzählung in „Ein anderes Leben“ sehr ähnlich sind, und auch in anderen Romanen wie „Die Ausgelieferten“, „Auszug der Musikanten“ oder „Der Sekundant“ oder in meinem Stück wie „Aus dem Leben der Regenwürmer“, das ja auch von einem Mann handelt, der wie ich aus der Provinz in die Großstadt und ans Theater gegangen ist, habe ich über eigene Erfahrungen geschrieben. Ich bin in diesen Büchern allerdings immer rings um das Private herumgegangen, habe sozusagen Zirkel ums Zentrum gezogen. Ich kann nicht sagen, ob ich in „Ein fremdes Leben“ ein Geheimnis bewahre oder preisgebe, doch ich war beim Schreiben des Buchs sehr glücklich und habe bei der Arbeit keine inneren Kämpfe ausstehen müssen, weil ich versucht hätte, bestimmte Dinge über mich zu verheimlichen.

          Sie schreiben in „Ein fremdes Leben“ über sich selbst ausschließlich in der dritten Person. Könnte es sein, dass in gewisser Weise das „Ich“ das Geheimnis ist, das Sie sich auf diese Weise bewahrt haben?

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