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Im Gespräch: Mario Vargas-Llosa : Das System Chávez ähnelt dem Kuba Castros

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Wider Anachronismus und Mythengläubigkeit der südamerikanischen Politik: Mario Vargas Llosa Bild: AFP

Der peruanische Schriftsteller und Politiker Mario Vargas Llosa über die anstehenden Wahlen in Venezuela, die unglückselige Regentschaft Hugo Chávez' und die derzeitige politische Lage seines Kontinents.

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          Kommenden Sonntag finden in Venezuela Wahlen statt. Sie sind seit vielen Jahren ein großer Kritiker des autoritären Regimes von Hugo Chávez – was erwarten Sie sich von diesen Wahlen?

          Nicht viel, leider. Es scheint mir schwierig, heutzutage in Venezuela freie Wahlen abzuhalten. Das ist schade, da ich überzeugt davon bin, dass die Mehrheit der Venezolaner heute entschieden gegen Chávez ist. Insbesondere die Mittelschicht, das akademische Milieu, die Gewerkschaften . . . Aber ich fürchte, dass die Wahlen manipuliert werden. Wenn Chávez eines Tages stürzt, dann nicht durch Wahlen, sondern aufgrund der Mobilisierung der Bevölkerung gegen die innere Verrottung seines völlig korrupten Regimes.

          Es gab ja in diesem Jahr bereits Demonstrationen gegen ihn. Gewinnt die Opposition gegen Chávez nun an Boden?

          Absolut. Aber ihr großes Drama ist, dass sie über keinen charismatischen Führer verfügt. Sie ist zersplittert und steht einem immer repressiver agierenden Regime gegenüber. Der Raum für Freiheit und Kritik wird jeden Tag kleiner, Chávez kontrolliert den gesamten Staatsapparat und die Medien und zögert nicht mehr davor zurück, Demonstrationen mit Gewalt zu unterdrücken. Das Regime Chávez ähnelt mehr und mehr dem von Castro auf Kuba.

          Auch wirtschaftlich?

          Ja, sein „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ beginnt Früchte zu tragen. Das Land wird, vor allem was die Preise für Nahrungsmittel angeht, von einer sehr hohen Inflationsrate erdrückt, die durch die Abwertung der Währung noch verschärft wurde. Die willkürlichen Verstaatlichungen schrecken Investoren ab. Das Land erleidet überdies eine schwere Energiekrise mit regelmäßigen Stromausfällen, was für ein Öl exportierendes Land eine echte Schande ist. Die Situation ist angespannt, daher greift die Regierung immer öfter zur Zensur. Denken Sie nur an die Schließung des Fernsehsenders RCTV im vergangenen Jahr.

          Sie hätten im vergangenen Jahr beinahe an einer Live-Fernsehdebatte mit Chávez in Caracas teilgenommen. Diese wurde allerdings in letzter Minute abgesagt. Was genau ist da passiert?

          Ich war in Caracas, um an einer Konferenz über die Demokratie in Venezuela teilzunehmen. Meine Sorgen begannen allerdings, noch bevor ich venezolanischen Boden betrat: Bei der Einreise wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich auf der Stelle ausgewiesen werden würde, sollte ich über Politik sprechen. Ich fuhr trotzdem hin, um die demokratische Opposition Venezuelas zu unterstützen und mich mit anderen Intellektuellen zu treffen. In seiner Fernsehshow „Aló Presidente“ zog Chávez dann über uns her, warf uns vor, „abgehoben von den Massen“ zu sein, und lud uns ein, uns live vor dem Volk zu erklären, wenn wir den Mut dazu hätten. Wir nahmen ihn beim Wort, bestanden aber auf einem ausgewogenen Diskussionsformat. Ich wurde dazu bestimmt, mit ihm zu diskutieren, aber Chávez kniff in letzter Minute. Es war von seiner Seite nichts als ein Bluff: Chávez ist ein Mann der Sprüche, nicht der Ideen.

          Wenn Sie ihm bei dieser Debatte gegenübergesessen hätten, was hätten Sie ihm gesagt?

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