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Im Gespräch: Krimiautor Jörg Maurer : Man hat eine irrsinnige Angst, etwas zu übersehen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Es ist der Überraschungserfolg unter den Sommerkrimis: Mit „Föhnlage“ legt der Münchner Kabarettist Jörg Maurer ein fulminantes Romandebüt vor, das fast ohne jeden Werbeaufwand zum Bestseller avanciert ist. Der Autor selbst kann das zumindest ansatzweise erklären.

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          Zur Zeit herrscht im kriminalistischen Sommerloch „Föhnlage“. So nämlich heißt Jörg Maurers charmanter Romanerstling, der sich innerhalb weniger Wochen vom literarischen Geheimtipp zum vielgelesenen Bestseller mauserte. Mit sechs Auflagen in nur vier Monaten eroberte der satirische Alpenkrimi um den stoischen Hauptkommissar Jennerwein kürzlich sogar die Spitze des marktführenden Internet-Portals Amazon.

          Am Anfang des virtuos komponierten Kriminalrätsels steht ein mysteriöser Todesfall: Während eines Konzerts in einem beschaulichen bayerischen Kurort stürzt ein Mann von der Decke - mitten ins verstörte Publikum: tot. Und der Zuhörer, auf den er fiel, auch. Bei den Ermittlungen tappt die Polizei zunächst im Dunkeln, da es sowohl an Motiven, als auch an konstruktiven Hinweisen oder schlüssigen Indizien fehlt. Doch von solchen Ärgernissen lässt sich der stoische, gesundheitlich angeschlagene Hauptkommissar Hubertus Jennerwein nicht abschrecken. Gemeinsam mit seinem liebenswert-verschrobenen Soko-Team spürt er den seelischen Abgründen der Einheimischen nach, jagt verdächtigen Gestalten in Trachtanzügen hinterher und nimmt die Beerdigungspraktiken des Ehepaars Grasegger unter die Lupe.

          Herr Maurer, Sie sind von Haus aus Kabarettist und spielen schon seit 15 Jahren im Münchner Unterhaus. Was bewog sie dazu, einen Kriminalroman zu schreiben?

          Ich bin immer schon ein fleißiger und begeisterter Krimi-Leser gewesen und habe vorher auch schon Kurzkrimis geschrieben. Von daher war ein eigener Roman schon lange mein großer Traum. Ich bin mit Qualtinger und Georg Kreisler aufgewachsen und da kommt natürlich schon sehr stark der schwarze Humor her, die Beschäftigung mit Tod und Verbrechen. Und später, als ich mit dem Musikkabarett anfing, habe ich eigentlich schon immer auch kleine Krimi-Stücke gemacht, in denen ich mich mit dem Bösen im Menschen auseinandergesetzt habe. Irgendwann habe ich damit angefangen - wie wohl die meisten, die zum Buch wollen - Kurzgeschichten zu schreiben. Das hat mit sehr, sehr viel Spaß gemacht, so die letzten drei, vier Jahre über. Danach habe ich mich an den ersten Krimi gewagt, auf Veranlassung des Fischer-Verlages. Das Angebot war natürlich erst einmal ein Schock. (lacht)

          Ob Kabarett oder Kriminalroman: Jörg Maurer liebt es lustig
          Ob Kabarett oder Kriminalroman: Jörg Maurer liebt es lustig : Bild: Christiane Birr

          Nun ist „Föhnlage“ ja fast schon mehr Krimiparodie als klassischer Detektivroman.

          Das Buch entstand aus der vagen Hoffnung heraus, dass die Kombination einer spannenden Handlung mit skurrilen Figuren ein gefragtes Rezept sein könnte. Es gibt ja im Bereich des Krimis nun schon alles Mögliche, auch schon die komödiantischen „Funny Crimes“. Für mich lag aber die große Herausforderung im gleichberechtigten Nebeneinander von Thrill und Satirischem.

          Wie hat man sich denn die Arbeit an einem satirischen Kriminalroman vorzustellen? Sammeln Sie zunächst Ideen für einzelne kabarettistische Szenen und richten anschließend die Handlung darauf aus? Oder beginnen sie eher mit einer Idee und schauen dann, wohin der Weg Sie führt?

          Letzteres ist nicht so meine Sache, denn wenn man sich einfach so treiben lässt, ist die Gefahr gerade im Krimigenre groß, dass man schlichtweg Sachen übersieht, die Hauptfigur auf Seite 200 also zum Beispiel blaue Augen hat, obwohl sie erst braun waren, oder ein Schlüssel auf einmal dort auftaucht, wo er gar nicht sein dürfte und so weiter. Um dieser Gefahr zu entgehen, schreibe ich mir zu Beginn diejenigen Grundsituationen und erzählerischen Elemente auf, die ich benutzen will - zum Beispiel also den tödlichen Sturz von der Decke, das Ärztechaos oder die Idee eines Kommissars, der im Laufe der Ermittlungen eigentlich einen ganz anderen Fall löst als den zunächst gedachten. Dann mache ich mir ein Exposé, damit ich so ungefähr weiß, wie's ausgeht - und dann kann man drauflos schreiben.

          Tatsächlich ist „Föhnlage“ ja ziemlich komplex konstruiert. Immer wieder werden entlegene und scheinbar redundante Erzählstränge angerissen, brechen dann ab und tauchen oft erst sehr viel später wieder schlagartig aus der Versenkung auf. Sicherlich war es für einen Roman-Debütanten mitunter schwierig, die vielen losen Fäden fest in der Hand zu behalten?

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