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Im Gespräch: Ferdinand von Schirach : Verbrechen und andere Kleinigkeiten

  • Aktualisiert am

Schreibender Anwalt: Ferdinand von Schirach Bild: AP

Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach ist unter die Schriftsteller gegangen und hat seinen ersten Kurzgeschichtenband veröffentlicht. Ein Gespräch über die Abgründe der menschlichen Natur und die empirischen Vorteile schreibender Anwälte.

          6 Min.

          Es sind wahre Geschichten über die Abgründe der menschlichen Natur, die der Berliner Strafverteidiger und Anwalt Ferdinand von Schirach, 45, in seinem ersten Buch erzählt. Es ist ein Erzählband mit Kurzgeschichten, die auf Fällen basieren, die er in seiner Kanzlei erlebt hat. Neben Eifersucht, Gier, Verzweiflung und Leidenschaft geht es natürlich auch immer wieder um die ewige Frage nach dem Whodunit – wobei die entscheidendere Rolle aber spielt, warum jemand etwas getan hat. Ein wunderbares Debüt, fesselnd von der ersten Seite an und ohne jeden falschen Ton.

          Ein freundlicher älterer Doktor erschlägt nach vierzig Jahren Ehe seine Frau mit einer Axt, ein führender Industrieller wird des Mordes an einer Prostituierten verdächtigt, eine Frau tötet ihren Bruder . . . All die Geschichten aus Ihrem Buch haben Sie als Strafverteidiger erlebt. Liest sich, als wäre Ihr Berufsleben sehr schillernd.

          Ferdinand von Schirach: Also, es ist nicht unspannend. Es gibt Leute, die behaupten, sie seinen nur deshalb Strafverteidiger geworden, weil Leute einfach so tolle Geschichten erzählen. Die Menschen kommen zu Ihnen in die Kanzlei und erzählen etwas, das wirklich passiert ist. Wo hat man das schon? Das ist so wie gutes Kino und eigentlich noch interessanter. Aber es gibt natürlich auch mühsame Sachen, irgendwann haben Sie ein bisschen die Nase voll von den weinenden Ehefrauen der inhaftierten Mandanten. Oder in der weißen Kriminalität, in der Wirtschaftskriminalität, kann es auch anstrengend sein, dass alle Leute, die zu Ihnen kommen, immer vollkommen unschuldig sind.

          Mit Ihrer Erfahrung könnten Sie wahrscheinlich erfolgreich Krimis fürs Fernsehen schreiben.

          Die meisten Leute, die Krimis schreiben, erleben keine Krimis, sondern sitzen in Prenzlauer Berg bei einem Cappuccino und denken sich die Welt aus. Deswegen müssen sie sehr ausführlich beschreiben, wie jemand mit Messer und Gabel gegessen hat, dass die Tischdecke ausgefranst war, dass der Himmel sich zuzuziehen begann . . . Ich hab’ da einfach Glück. Ich hab’ einfach diese Geschichten und kann die dann auch relativ kurz schreiben.

          Eine längere Form liegt Ihnen nicht?

          Ein Schwurgerichtsprozess dauert fünf bis zehn Tage. In dieser Zeit können Sie einen Menschen sehr gut kennenlernen, und die Richter, die ja meistens ein hohes Ethos haben, trauen sich zu, am Ende dieser Zeit über einen Menschen zu richten. Die Kurzgeschichte ist literarisch die entsprechende Form. Sie brauchen nicht viel zu schreiben, um einen Menschen ganz gut zu charakterisieren. Es ist natürlich viel schöner, wenn man schreiben kann wie Marcel Proust, und eine einzige Szene, in der zum Beispiel die Herzogin den Raum betritt, über sechzig Seiten erzählt, aber das entspricht mir nicht, und man kann ja nur so schreiben, wie man selbst ist.

          Als Anwalt unterliegen Sie der Schweigepflicht. Sie mussten Namen ändern und Details, damit man das nicht googeln kann, oder?

          Ja. Haben Sie’s versucht?

          Ich habe versucht, den Fall zu finden mit den zwei Hooligans, die an einer Berliner S-Bahn-Haltestelle von einem unauffällig aussehenden Mann mit gezielten Schlägen getötet wurden, nachdem sie ihn mit einem Baseballschläger bedroht hatten. Habe aber nichts gefunden.

          Der Fall stand zum Beispiel gar nicht in der Zeitung. Natürlich muss ich die Persönlichkeitsrechte der vertretenen Mandanten wahren, das habe ich in allen Fällen getan. Das Brechen der Schweigepflicht wäre eine Straftat.

          Es stellt sich in dieser Geschichte dann heraus, dass der unauffällig aussehende Mann womöglich ein Profikiller war, der am selben Morgen in Berlin einen Mord verübt hatte. Sie haben ihn freigekriegt. Wie fühlt man sich als Strafverteidiger, wenn man so jemanden verteidigt?

          Es geht einem Strafverteidiger nicht anders als den meisten anderen Leuten – die meisten der Mandanten hält man für schuldig. Aber das ist nie der Punkt. Ich denke nicht darüber nach, ob jemand schuldig ist oder nicht, sondern es geht nur um die Frage: Reichen die Beweise aus, um jemanden zu verurteilen? Das ist etwas völlig anderes. Nur in Fernsehsendungen geht es um die abgefilmte Wahrheit. Bei Gericht geht es um eine andere Art von Wahrheit, die Wahrheit, die mit den Mitteln des Strafprozessrechtes erkannt werden kann. Stellen Sie sich vor, Sie sind Richterin. Fünf Zeugen treten vor Sie und sagen Ihnen, das Auto war weiß. In Wirklichkeit war das Auto grün. Sie können als Richterin überhaupt nicht anders entscheiden, als zu sagen, das Auto war weiß, ich habe jetzt alle Zeugen dazu gehört. Und aus diesem besonderen Wahrheitsbegriff entspringt, wenn man das rechtsphilosophisch sehen möchte, auch die besondere Aufgabe des Verteidigers. Er muss verhindern, dass sich das Gericht zu schnell auf eine bestimmte Wahrheit festlegt. Wenn ich mir an dieser Stelle über die moralische Schuld Gedanken machen würde, hätte ich meinen Beruf verfehlt – ich hätte Pfarrer werden müssen.

          Kann man Leute gut verteidigen, die einem grundunsympathisch sind?

          Ich kann es jedenfalls nicht. Unsympathische Mandanten gibt es immer wieder, aber die, die ich abstoßend finde, verteidige ich nicht. Es gibt auch eine ganze Anzahl von Delikten, mit denen ich mich nicht beschäftigen will. Kindesmissbrauch zum Beispiel. Zwar steht auch diesen Menschen ein Verteidiger zu, aber das muss dann nicht unbedingt ich sein.

          Als Autor bringen Sie für alle Ihre Täter ein unvoreingenommenes Interesse auf.

          Ich bin nicht so ein Alt-68er, ich glaube nicht, dass man für alles dauernd Verständnis haben muss. Wir leben in einer großartigen Zeit, es gibt keinen Krieg, uns geht es, trotz Weltwirtschaftskrise, wirklich sehr gut, und dann gibt es eben ein paar Menschen, die aus dem Rahmen fallen und blöde Sachen machen. Wir können uns den Luxus leisten, uns für diese Leute zu interessieren.

          Sie sind der Enkel von Baldur von Schirach, dem ehemaligen Gauleiter von Wien, der bei den Nürnberger Kriegsprozessen verurteilt wurde. Hat Sie diese Familiengeschichte sensibilisiert für Themen wie Verbrechen, Schuld, Strafe?

          Komischerweise habe ich erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal darüber nachgedacht, ob die Schuld meines Großvaters mit meiner Berufswahl etwas zu tun hatte. Wenn seine Schuld ein Grund war, warum ich mich in meinem Beruf mit Schuld beschäftige, dann war das ganz sicher eine unbewusste Entscheidung. Aber ich glaube, das fast ausschließen zu können. Ich habe mich natürlich auch während des Studiums für ihn interessiert, weil die Nürnberger Prozesse ja ein interessanter Stoff sind und weil man das irgendwie musste mit so einem Namen.

          „Truth is stranger than fiction“, hat Mark Twain gesagt. Stimmen Sie zu?

          Unbedingt, ja. Im Leben gibt es dauernd unerwartete Wendungen oder Dinge, die keiner Logik folgen. Ich habe zum Beispiel einmal einen großen Drogenhändler verteidigt, der überfallen wurde und dem man das Geld, mit dem er Drogen bezahlen wollte, abgenommen hatte. Und nun hat dieser Mann sofort jemanden in Verdacht gehabt, nämlich den eigentlichen Lieferanten dieser Drogen. Dessen Boss aber hielt seinen Lieferanten für unschuldig. Als aber der Lieferant von seinem Boss Geld dafür verlangte, dass er eine Lieferung umsonst gemacht hatte, da war sich der Boss auf einmal doch sicher, dass er schuldig war. Das ist logisch vollkommener Unsinn. Jeder von uns würde denken, das sei doch ein besonderes Zeichen für Ehrlichkeit, dass man auch den Lohn für den entgangenen Deal berechnet, man hatte ja Aufwand. Aber dieser Boss meinte, so, jetzt habe ich das Schwein. Solche Geschichten, deren Logik man sich nicht ausdenken könnte, passieren dauernd.

          Was sitzen denn bei Ihnen für Leute im Büro? Wie sehen große Drogenhändler aus?

          Es ist natürlich so, dass Sie die Verbrecher in der Regel nicht erkennen können. Das geht nur im Film. Und da auch nur deshalb, weil sie dort mit dramatischer Musik unterlegt sind. Aber wenn Sie das so lange machen wie ich, dann erkennen Sie diese Leute schon oft. Auch die meisten Polizisten tun das.

          Sie sehen manchmal Leute auf der Straße und denken, der hat Dreck am Stecken?

          Nein, ich denke: Das ist ein Mandant! In dem Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“, da sagt der Kommissar: „Ich erkenne meine Schweine am Gang.“ Ich würde so nicht reden, aber da ist komischerweise viel Wahres dran. Betrüger zum Beispiel erkennen Sie immer sofort. Die reden immer sehr viel, sind wahnsinnig höflich – nach vielen Jahren Strafverteidigung wissen Sie einfach irgendwann, da stimmt etwas nicht.

          Wie gefährlich ist Berlin? Die Fälle, die Sie in Ihrer Kanzlei in der schönen Meinekestraße bearbeiten, klingen schon ein bisschen nach Bronx.

          Berlin ist ja sehr groß, und es gibt, was die meisten Menschen nicht wissen, und das ist vielleicht auch ganz gut so, wirklich Parallelwelten. Aber die dauerhaft harten Kriminellen bleiben zum großen Teil unter sich, mit denen werden Sie nie in Berührung kommen. Die ganz normalen Leute, die Verbrechen begehen, sind anders. Ihnen passieren die Dinge, die uns auch passieren könnten. Irgendwann tun sie etwas, was sie eigentlich nicht tun wollten. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, dass Sie gerade von Ihrem Freund verlassen worden sind. Und Sie wissen, das Dümmste, was Sie machen können, ist ihn anzurufen. Das wissen Sie aus Erfahrung, das sagt Ihnen Ihre beste Freundin, Sie wissen, es ist vollkommen blöd, jetzt den Hörer in die Hand zu nehmen. Und trotzdem tun Sie es. Mit Straftaten ist es nicht unähnlich. Es gibt ganz wenige Menschen, die morgens aufstehen und sagen, toller Tag, heute begehe ich Straftaten. Sondern meistens ist es so, dass sich das aus Situationen heraus ergibt, sich langsam hochschaukelt, und irgendwann passiert es. Die meisten Menschen glauben, es ist ein Qualitätsunterschied – ich glaube, es ist ein Quantitätsunterschied. Wenn Sie Ihren Freund anbrüllen, ist das schon eine ganz kleine Stufe, und das kann sich steigern, bis Sie ihm die Schere in den Hals stechen. Natürlich ist die Hemmschwelle fürs Anschreien niedriger, aber die Übergänge sind fließend, und deswegen sind wir alle immer ein bisschen in der Gefahr, straffällig zu werden.

          Das Gespräch führte Johanna Adorján.

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