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Im Gespräch: Ferdinand von Schirach : Verbrechen und andere Kleinigkeiten

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Unbedingt, ja. Im Leben gibt es dauernd unerwartete Wendungen oder Dinge, die keiner Logik folgen. Ich habe zum Beispiel einmal einen großen Drogenhändler verteidigt, der überfallen wurde und dem man das Geld, mit dem er Drogen bezahlen wollte, abgenommen hatte. Und nun hat dieser Mann sofort jemanden in Verdacht gehabt, nämlich den eigentlichen Lieferanten dieser Drogen. Dessen Boss aber hielt seinen Lieferanten für unschuldig. Als aber der Lieferant von seinem Boss Geld dafür verlangte, dass er eine Lieferung umsonst gemacht hatte, da war sich der Boss auf einmal doch sicher, dass er schuldig war. Das ist logisch vollkommener Unsinn. Jeder von uns würde denken, das sei doch ein besonderes Zeichen für Ehrlichkeit, dass man auch den Lohn für den entgangenen Deal berechnet, man hatte ja Aufwand. Aber dieser Boss meinte, so, jetzt habe ich das Schwein. Solche Geschichten, deren Logik man sich nicht ausdenken könnte, passieren dauernd.

Was sitzen denn bei Ihnen für Leute im Büro? Wie sehen große Drogenhändler aus?

Es ist natürlich so, dass Sie die Verbrecher in der Regel nicht erkennen können. Das geht nur im Film. Und da auch nur deshalb, weil sie dort mit dramatischer Musik unterlegt sind. Aber wenn Sie das so lange machen wie ich, dann erkennen Sie diese Leute schon oft. Auch die meisten Polizisten tun das.

Sie sehen manchmal Leute auf der Straße und denken, der hat Dreck am Stecken?

Nein, ich denke: Das ist ein Mandant! In dem Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“, da sagt der Kommissar: „Ich erkenne meine Schweine am Gang.“ Ich würde so nicht reden, aber da ist komischerweise viel Wahres dran. Betrüger zum Beispiel erkennen Sie immer sofort. Die reden immer sehr viel, sind wahnsinnig höflich – nach vielen Jahren Strafverteidigung wissen Sie einfach irgendwann, da stimmt etwas nicht.

Wie gefährlich ist Berlin? Die Fälle, die Sie in Ihrer Kanzlei in der schönen Meinekestraße bearbeiten, klingen schon ein bisschen nach Bronx.

Berlin ist ja sehr groß, und es gibt, was die meisten Menschen nicht wissen, und das ist vielleicht auch ganz gut so, wirklich Parallelwelten. Aber die dauerhaft harten Kriminellen bleiben zum großen Teil unter sich, mit denen werden Sie nie in Berührung kommen. Die ganz normalen Leute, die Verbrechen begehen, sind anders. Ihnen passieren die Dinge, die uns auch passieren könnten. Irgendwann tun sie etwas, was sie eigentlich nicht tun wollten. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, dass Sie gerade von Ihrem Freund verlassen worden sind. Und Sie wissen, das Dümmste, was Sie machen können, ist ihn anzurufen. Das wissen Sie aus Erfahrung, das sagt Ihnen Ihre beste Freundin, Sie wissen, es ist vollkommen blöd, jetzt den Hörer in die Hand zu nehmen. Und trotzdem tun Sie es. Mit Straftaten ist es nicht unähnlich. Es gibt ganz wenige Menschen, die morgens aufstehen und sagen, toller Tag, heute begehe ich Straftaten. Sondern meistens ist es so, dass sich das aus Situationen heraus ergibt, sich langsam hochschaukelt, und irgendwann passiert es. Die meisten Menschen glauben, es ist ein Qualitätsunterschied – ich glaube, es ist ein Quantitätsunterschied. Wenn Sie Ihren Freund anbrüllen, ist das schon eine ganz kleine Stufe, und das kann sich steigern, bis Sie ihm die Schere in den Hals stechen. Natürlich ist die Hemmschwelle fürs Anschreien niedriger, aber die Übergänge sind fließend, und deswegen sind wir alle immer ein bisschen in der Gefahr, straffällig zu werden.

Das Gespräch führte Johanna Adorján.

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