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Im Gespräch: Ferdinand von Schirach : Verbrechen und andere Kleinigkeiten

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Es stellt sich in dieser Geschichte dann heraus, dass der unauffällig aussehende Mann womöglich ein Profikiller war, der am selben Morgen in Berlin einen Mord verübt hatte. Sie haben ihn freigekriegt. Wie fühlt man sich als Strafverteidiger, wenn man so jemanden verteidigt?

Es geht einem Strafverteidiger nicht anders als den meisten anderen Leuten – die meisten der Mandanten hält man für schuldig. Aber das ist nie der Punkt. Ich denke nicht darüber nach, ob jemand schuldig ist oder nicht, sondern es geht nur um die Frage: Reichen die Beweise aus, um jemanden zu verurteilen? Das ist etwas völlig anderes. Nur in Fernsehsendungen geht es um die abgefilmte Wahrheit. Bei Gericht geht es um eine andere Art von Wahrheit, die Wahrheit, die mit den Mitteln des Strafprozessrechtes erkannt werden kann. Stellen Sie sich vor, Sie sind Richterin. Fünf Zeugen treten vor Sie und sagen Ihnen, das Auto war weiß. In Wirklichkeit war das Auto grün. Sie können als Richterin überhaupt nicht anders entscheiden, als zu sagen, das Auto war weiß, ich habe jetzt alle Zeugen dazu gehört. Und aus diesem besonderen Wahrheitsbegriff entspringt, wenn man das rechtsphilosophisch sehen möchte, auch die besondere Aufgabe des Verteidigers. Er muss verhindern, dass sich das Gericht zu schnell auf eine bestimmte Wahrheit festlegt. Wenn ich mir an dieser Stelle über die moralische Schuld Gedanken machen würde, hätte ich meinen Beruf verfehlt – ich hätte Pfarrer werden müssen.

Kann man Leute gut verteidigen, die einem grundunsympathisch sind?

Ich kann es jedenfalls nicht. Unsympathische Mandanten gibt es immer wieder, aber die, die ich abstoßend finde, verteidige ich nicht. Es gibt auch eine ganze Anzahl von Delikten, mit denen ich mich nicht beschäftigen will. Kindesmissbrauch zum Beispiel. Zwar steht auch diesen Menschen ein Verteidiger zu, aber das muss dann nicht unbedingt ich sein.

Als Autor bringen Sie für alle Ihre Täter ein unvoreingenommenes Interesse auf.

Ich bin nicht so ein Alt-68er, ich glaube nicht, dass man für alles dauernd Verständnis haben muss. Wir leben in einer großartigen Zeit, es gibt keinen Krieg, uns geht es, trotz Weltwirtschaftskrise, wirklich sehr gut, und dann gibt es eben ein paar Menschen, die aus dem Rahmen fallen und blöde Sachen machen. Wir können uns den Luxus leisten, uns für diese Leute zu interessieren.

Sie sind der Enkel von Baldur von Schirach, dem ehemaligen Gauleiter von Wien, der bei den Nürnberger Kriegsprozessen verurteilt wurde. Hat Sie diese Familiengeschichte sensibilisiert für Themen wie Verbrechen, Schuld, Strafe?

Komischerweise habe ich erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal darüber nachgedacht, ob die Schuld meines Großvaters mit meiner Berufswahl etwas zu tun hatte. Wenn seine Schuld ein Grund war, warum ich mich in meinem Beruf mit Schuld beschäftige, dann war das ganz sicher eine unbewusste Entscheidung. Aber ich glaube, das fast ausschließen zu können. Ich habe mich natürlich auch während des Studiums für ihn interessiert, weil die Nürnberger Prozesse ja ein interessanter Stoff sind und weil man das irgendwie musste mit so einem Namen.

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