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IM-Affäre Werner Söllner : Bespitzelung bis in den letzten Vers

Niemandem geschadet? der Schriftsteller Werner Söllner Bild: Frank Röth

Ist es angemessen, dass der als Spitzel der Securitate enttarnte Schriftsteller Werner Söllner von allen Seiten in Schutz genommen wird? Der Schriftsteller Richard Wagner zeigt am eigenen Beispiel, in welchem Ausmaß ihm durch Söllners Spitzeltätigkeit geschadet wurde.

          Kaum war der aus Rumänien stammende Lyriker Werner Söllner in München als IM tagungsöffentlich geworden, traten auch schon die Verteidiger auf den Plan, die Freunde. „Was er getan hat, ist wirklich vergleichsweise marginal, zum Teil absolut lächerlich“, sagte die Schriftstellerin Eva Demski der Deutschen Presse-Agentur. Und weiter: „Es gibt in diesem ganzen Emigrantenzirkel wahrscheinlich keinen einzigen Engel mit schneeweißen Flügeln.“ Gerhard Mahlberg wiederum, der Demskis „Emigrantenzirkel“ gut kennt, fand in einem Kommentar im Hessischen Rundfunk zu dem erstaunlichen Satz: „Es wäre besser gewesen, hätte Werner Söllner der Securitate keine Informationen geliefert, doch dann hätte Ceausescus Rumänien ein anderes Land sein müssen und der verletzliche, erpressbare junge Schriftsteller ein anderer Mensch.“ Hinzu kommt der beinahe akademische Einwand unseres alten Freundes Gerhardt Csejka im „Tagesspiegel“: Er wolle es nicht glauben, bis er nicht Handschriftliches vor Augen habe.

          Richard Wagner

          Verantwortlich für politische Nachrichten.

          Fassen wir zusammen: Söllner hat zwar nichts getan, die anderen aber sind auch nicht besser, schließlich lebte man in Rumänien, und das ist wohl schon an sich ein Problem. Außerdem ist der Mann ein Dichter, und, was uns vorliegt, ist Abschrift, Kopie. Reden wir hier von Marbach oder von der Securitate? Richtig ist, dass die Täterakte des Werner Söllner, die Netz-Akte „Walter“, uns nicht zur Verfügung steht. Sie wird irgendwo in den Abgründen der Bukarester Arsenale versteckt gehalten. Söllner hat, wie er betont, auch eine ansehnliche Verfolgtenakte, den operativen Vorgang „Scriitorul“, Schriftsteller.

          Das stimmt. Nur: Diese Akte ist höchst ambivalent. Sie enthält für Söllner Entlastendes und Belastendes. Söllner hat sie mir im Frühjahr vorgelegt, weil er offenbar an ihren entlastenden Charakter glauben will. Dass es in der Akte „Scriitorul“ auch Dokumente gibt, die zwischen die Deckel einer Täterakte gehören, blendet er aus. Das Papier, mit dem ihm sein Führungsoffizier Hertza 1974 ein gutes Zeugnis gibt – und dabei recht unangenehme Details nennt –, bezeichnet Söllner als eine Erfindung des Hauptamtlichen.

          Materialien der Anklage

          Das ist sozusagen der Stand der Dinge. Anstatt uns nun ebenfalls in die Fußnotenarbeit zu begeben, wollen wir lieber eine Geschichte erzählen, die auch ohne die Archive des öffentlich definierten Vergessens auskommt.

          In dieser Geschichte geht es darum, dass der IM „Walter“ 1973 in mehreren Lieferungen Übersetzungen und Interpretationen von Gedichten der Aktionsgruppe Banat bereitgestellt hat, von Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Ernest Wichner und mir. Diese gehörten zum Materialbestand der Anklage, die gegen uns im Herbst 1975 in die Wege geleitet wurde. Wir hatten damals unsere Professoren im Verdacht, einige zu Recht, andere nicht. Auch bei diesen Dokumenten, die sich in meiner Akte befinden, im operativen Vorgang „Journalist“, handelt es sich um Abschriften des Führungsoffiziers, nicht um Originale. Der Detailreichtum bleibt aber auch in Gestalt der Kopie bemerkenswert. Ausgangspunkt des Interesses der Securitate ist die Anthologie „Wortmeldungen“, 1972 in Temeswar erschienen. Darin gibt es im Übrigen auch frühe Gedichte der Nobelpreisträgerin Herta Müller.

          Die Berichte des „Walter“

          Warum Abschriften? Söllner lebte in Klausenburg. Die Securitate hatte ein regionales Netz, das den Verwaltungskreisen zugeordnet war. Dieses Netz wurde von Bukarest aus zentral gesteuert, die Regionalabteilungen kommunizierten aber auch untereinander. Da die Mitglieder der Aktionsgruppe Banat, auf die sich die IM-Berichte, die ich meine, beziehen, in Temeswar lebten, wurden die Schriftstücke ins Banat geschickt, eine weitere Ausfertigung ging an die Zentrale nach Bukarest. Das wurde im Begleitschreiben auch mitgeteilt, so dass die Temeswarer Offiziere gewarnt waren. Um sich nicht den Vorwurf der Untätigkeit einzuhandeln, weil die Informationen erst durch die Kollegen in Siebenbürgen der Securitate bekannt wurden, nahmen sie uns genauer ins Visier. Die Berichte des „Walter“ aus Klausenburg verstärkten somit die Aktivitäten gegen uns.

          In den Berichten geht es vor allem um Gedichte und deren Interpretation, um die Freilegung ihrer geheimen politischen Botschaft. Die Frage, wie IM „Walter“ an unsere unveröffentlichten Gedichte kam, beantwortet er selbst wie folgt: „Das einzige Phänomen von Schubladenliteratur, das mir als Redakteur der ,Echinox‘ untergekommen ist, ist eine Gedichtaufstellung, die mir zur Veröffentlichung von R. Wagner zur Verfügung gestellt wurde.“

          Verleugnung der Tat

          Ich hatte eine Gedichtauswahl der Aktionsgruppen-Mitglieder an Werner Söllner nach Klausenburg geschickt. Er war der Redakteur der deutschen Seite der dreisprachigen Studentenzeitschrift „Echinox“, die als nonkonformistisch galt und schon durch ihre Dreisprachigkeit den rumänischen Nationalkommunismus untergrub. Die Gedichte sollten auf Deutsch erscheinen, also gab es keinen Grund, sie zu übersetzen. Zu übersetzen waren sie für den IM „Walter“, weil dessen Führungsoffizier Hertza, wie die meisten hauptamtlichen Mitarbeiter der Securitate, die sich mit der deutschen Minderheit beschäftigten, wohl kaum Deutsch verstand.

          Als ich im Frühjahr 2009 Werner Söllner diese Unterlagen vorlegte, meinte er zunächst, er sei nicht Walter, er könne es nicht sein. Dann räumte er ein, zumindest mit Walter gemeint gewesen zu sein, aber ohne es zu wissen, sowie der Hertza nicht sein Führungsoffizier gewesen sei, er sich aber doch einige Male, immer wieder, wie er heute sagt, mit ihm getroffen habe.

          Gefährliche Gedichte

          Von wem sonst sollten die Übersetzungen stammen, wenn nicht von IM Walter? Söllner meinte schließlich, es könne sein, dass er in der Redaktion an eventuellen Übersetzungen von rumänischen Kollegen mitgearbeitet habe, aber nicht im Auftrag der Securitate. Und wie wären diese Übersetzungen zur Securitate gelangt? Nicht durch ihn, wehrt er ab, sie hätten sie wohl auf andere Weise beschafft. Möglich, aber wozu hatten sie ihren Walter? Was ist mit den Interpretationen? Worüber sprach Söllner mit seinem Führungsoffizier, wenn nicht über die Gedichte, die in den Berichten aufgelistet sind? Darunter auch mein Text „Zeichenstunde“: „Hinter den sieben Bergen / bei den sieben Zwergen / wohnt der Klassenfeind // Wer ihn am schönsten malt / Darf ihn besuchen.“

          Damit, so „Walter“, würde ich auf den Absprung des Paul Schuster anspielen, ein damals erfolgreicher siebenbürgischer Autor, der die Kunst der Gratwanderung beherrschte wie kaum ein anderer. Der Schlusssatz des ersten Walter-Berichts, der nach Temeswar ging, lautet: „Die Gefahr besteht in dem enormen Einfluss, den sie auf die Jugendlichen in ihrem Umfeld ausüben, Jugendliche, die diese Lebensvorstellungen übernehmen, fasziniert vom Erfolg des vermeintlich Neuen.“

          Erinnerungsschwächen

          In der Notiz des Offiziers heißt es: Die mitgeteilten Aspekte seien von Interesse. Alle Genannten seien Studenten. Die Quelle, also der IM, werde zur Vervollständigung zum nächsten Treffen, das für den 15. März 1973 festgelegt wurde, Texte von weiteren Personen dieses Kreises mitbringen, von denen ihm bekannt sei, dass sie nicht Entsprechendes schreiben.

          Bei diesem zweiten Treffen berichtet „Walter“ über Ernest Wichner, den er zwei Jahre davor bei der Aufnahmeprüfung in Klausenburg getroffen habe. Wichner hatte damals Söllner kennengelernt, und damit wohl auch „Walter“. Söllner wollte sich anfangs nicht an diese Begegnung erinnern. Erst als einer seiner ehemaligen Professoren die Begegnung bezeugte, räumte er ein, dass sie stattgefunden habe oder stattgefunden haben könnte. Warum so kompliziert? In diesem zweiten Bericht geht er auf die Temeswarer Situation ein und bringt die Fluchtgedanken in Erwähnung, die dort im Grenzgebiet zu Jugoslawien besonders verbreitet seien. Auch Wichner habe solche Gedanken, jedoch keine konkreten Pläne. Immerhin. Ein Pluspunkt für den IM oder für Söllner?

          Niemandem geschadet?

          Bei einer weiteren Begegnung überreicht Walter als Mitbringsel die rumänische Fassung eines Langgedichts von Johann Lippet „Der gewesene Selbstmordgang der Familie“. Der Kommentar des IM: Vor allem der Schluss des Gedichts sei extrem tendenziös. Die Verquickung des Festes mit einer korrupten Realität führe unmittelbar zum Schlusssatz, zur Botschaft, die eine Aufforderung zur Ausreise darstelle. Das Gedicht sei unveröffentlicht. Den Kasus erwähnt auch Johann Lippet in seinem vor kurzem erschienenen Buch: „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung“.

          Die „Walter“-Berichte leiten einen beschleunigten Prozess der Repressalien gegen die Aktionsgruppe Banat ein, mit dem erklärten Ziel ihrer Zerschlagung. Während der Untersuchungshaft im Oktober 1975 werden wir immer wieder auch mit den Walter-Erkenntnissen über unsere Gedichte konfrontiert. Werner Söllner versichert heute, er habe niemand wissentlich in größerem Umfang geschadet. Aber wie soll man das Faktum deuten, dass er zumindest in der Abschrift des Offiziers anbietet, nach Temeswar zu weiteren Recherchen über uns zu reisen, falls man ihm die Reisekosten erstatte?

          Söllner besuchte uns damals tatsächlich in Temeswar. Ob auch „Walter“ dabei war? Söllner bestreitet es. Er sei mit der Studententheatergruppe da gewesen. Welche Rolle er gespielt habe? Und in welchem Stück? Er wisse es nicht mehr.

          In einem Gedicht von Werner Söllner, das im August 1989 in dieser Zeitung stand, heißt es: „Wie es war und warum, / wen geht es was an? / Aufrecht oder krumm: / man geht, wie man kann. // Wovor dir graut: / was vergessen ist. / Ist die gerettete Haut auch eine List?“

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